Viele sind unentschlossen.

Frankreich wählt einen neuen Präsidenten. Umfragen sagen ein knappes Ergebnis voraus; die zwei Kandidaten mit den meisten Stimmen werden in der Stichwahl im Mai antreten. Wir haben junge Franzosen gefragt, was sie über die Wahl denken – und wem sie ihre Stimme geben.

Hélène
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Unmittelbar vor der Wahl bin ich noch unentschlossen. Eigentlich bin ich eher Mitte-rechts, sollte also François Fillon wählen – aber der hat sich unglaubwürdig gemacht. Auch in Emmanuel Macron habe ich kein Vertrauen. Benoit Hamon, der Kandidat der Sozialisten, hat für ein bedingungsloses Grundeinkommen argumentiert.

Das war endlich mal eine innovative Idee. Aber er rudert schon zurück. Ich versuche, mich über die Wahlprogramme zu erkundigen. Ich habe viele Tests im Internet gemacht, weil gute Freunde auf diese Weise einen mehr oder weniger passenden Kandidaten gefunden haben. Aber die Ergebnisse gefallen mir nicht. Am liebsten würde ich jemanden wählen, an den ich wirklich glaube: an sein Programm und an seine Persönlichkeit.

Unglücklicherweise habe ich ihn nicht gefunden. Sind wir realistisch: Wir müssen für den Kandidaten stimmen, der am wenigsten schlimm ist. Anders geht es nicht, wenn wir vermeiden wollen, dass am Ende eine rechts- und eine linksextreme Partei das Rennen unter sich ausmachen. Denn das wäre fatal für unser Land.

Alessandra
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„Wen wirst du wählen?“ Ich glaube, ich habe noch nie so oft diese Frage gehört. Obwohl ich im Moment im Ausland studiere, nämlich in Rom, kann ich diese Unsicherheit spüren: Die Franzosen müssen sich zwischen Extremisten, Utopisten und Dieben entscheiden. Es ist keine richtige Wahl.

Ich war selbst unsicher, aber es bringt nichts, sich zu enthalten. Deshalb habe ich die Kandidaten ausgeschlossen, die für mich gar nicht in Frage kommen – übrig geblieben ist Macron. Den werde ich wählen.

Weil ich nicht in Frankreich bin, habe ich meiner Schwester eine Vollmacht ausgestellt; sie wird die Stimme für mich abgeben. Ich habe Angst davor, dass Le Pen und Mélenchon die meisten Stimmen bekommen und im zweiten Wahlgang gegeneinander antreten. Bald wissen wir mehr.

Henri
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Früher habe ich Sarkozy unterstützt, den konservativen Präsidenten. In der Vorwahl habe ich für Juppé gestimmt, einen konservativen Kandidaten. Und jetzt? Schwanke ich zwischen Hamon und Macron. Sie sind die einzigen Politiker, die neue Ideen haben.

Macron ist charismatisch und hat eine interessante Biografie: Früher war er Banker, hat außerhalb der Politik gearbeitet – im Gegensatz zu den anderen Kandidaten. Er steht in der politischen Mitte und greift die guten Ideen von links und von rechts auf. Das finde ich klug.

Hamon hat einen echten Plan. Er ist ein Kandidat der Linken, verteidigt soziale Interessen. Aber ich bin nicht mit allen Ideen einverstanden. Und dann gibt es noch den Front National. Das ist eine populistische und chauvinistische Partei. Marine Le Pen verfolgt eine Angst- und Hasspolitik. Man kann sie kritisieren – aber bitte differenziert, nicht auf Stammtischniveau.

Oriane
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Ich werde Emmanuel Macron wählen. Er will gegen die Arbeitslosigkeit und für die Landwirte kämpfen, ist für die Gleichberechtigung der Frauen. Und er engagiert sich für die EU, zusammen mit Deutschland, unserem stärksten Partner. Ein Frexit wäre eine Katastrophe für Frankreich.

Außerdem vertritt Macron eine neue Partei. In Frankreich regieren seit 30 Jahren entweder die Rechten oder die Linken, ohne Alternative. Deshalb unterstützen jetzt viele Politiker die Partei der Mitte von Macron. Wir haben es mit einer ungewöhnlichen Wahl zu tun: Es gibt viele Kandidaten, die extremen Parteien begeistern mehr und mehr Bürger.

Ich glaube, dass man wählen gehen muss, weil er Front National laut Umfragen schon bei 30 Prozent ist und die fünf aussichtsreichsten Kandidaten fast gleichauf liegen. Hamon war bisher meine erste Wahl, aber sein Programm scheint wirtschaftlich nicht umsetzbar zu sein – obwohl es nicht unrealistisch ist. Viele werden Macron wählen, damit im zweiten Wahlgang ein ordentlicher Kandidat antritt.

Marjorie
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Ich werde Jean-Luc Mélenchon wählen, einen linken Kandidaten. Er hat sein Wahlprogramm in Zusammenarbeit mit vielen Bürgern geschrieben. Wahrscheinlich träume ich ein bisschen – aber ich würde gern sehen, dass Mélenchon mit Hamon zusammenarbeitet, dem Kandidaten der Sozialisten. Ein linkes Bündnis. Das wäre wirklich cool.

Wer auch immer am Ende rauskommt, wir erleben eine außergewöhnliche Wahl: Die Kandidaten der rechten und rechtsextremen Parteien sind juristisch vorbelastet – aber ihre Kandidatur wird nicht in Frage gestellt. Der sozialistische Kandidat wurde in einer Vorwahl bestimmt, von den Bürgern. Aber viele Abgeordnete seiner Partei unterstützen nicht ihn, sondern Macron. Es ist unglaublich! Werden die Stimmen der Bürger überhaupt gehört?

Diese ganzen Ereignisse machen es uns schwer, eine Entscheidung zu treffen. Schon bei der vergangenen Präsidentschaftswahl gab es viele Enthaltungen – das könnte jetzt noch krasser werden.

Quelle: Noizz.de