Obwohl die Welt von den Folgen des Coronavirus wie gezeichnet ist, nehmen andere Großereignisse trotzdem weiter ihren Lauf. So auch der Präsidentschaftswahlkampf in den USA. Gegen Trump wird im November der Demokrat Joe Biden antreten – der nun mit heftigen Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert wird.

Von allen Präsidentschaftskandidaten, die die Demokraten für die US-Präsidentschaftswahl 2020 an Land zogen, schien Joe Biden nach Michael Bloomberg wie der, der am meisten noch dem Ideal des alten, weißen, männlichen Amerikaners entspricht. Obwohl sich nach Trump viele das absolute Gegenteil wünschten (und die Demokraten auch viele davon gehabt hätten, zum Beispiel den schwulen Pete Buttigieg oder die weibliche Elizabeth Warren oder den sozialistischen Bernie Sanders), wurde der Kandidat im Endeffekt doch der, der für die politische Mitte der USA noch am verträglichsten war – Biden.

Michael Bloomberg, Elizabeth Warren und Bernie Sanders

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Dabei hat "Creepy Uncle Joe", wie er auch unliebevoll genannt wird, schon mehrere Vorwürfe hinter sich, sich Frauen gegenüber unangemessen zu verhalten. Haare riechen, ein Kuss auf die Stirn, ein Griff an die Schulter, Nasenküsse – scheint alles kein Tabu für Biden gewesen zu sein. Jetzt wirft ihm eine Frau sogar vor, er habe sie vor 26 Jahren vergewaltigt.

Tara Reades erzählt, wie Joe Biden sie sexuell missbraucht haben soll

Das mutmaßliche Opfer heißt Tara Reades. Sie arbeitete von Dezember 1992 bis August 1993 für den damaligen Senator Biden in Delaware. Sie sagt, sie hätte sich schon früh über Bidens unangebrachtes Verhalten beschwert, beispielsweise dass er sie auf ihr Aussehen angesprochen hätte und sie unangebracht anfasste. Aus ihren Beschwerden wurden damals keine Konsequenzen gezogen. Im Frühling 1993 sei die Situation ihren Angaben zufolge dann eskaliert.

Sie wurde damit beauftragt, Biden eine Sporttasche vorbeizubringen. Als sie ihn antraf, habe er ihr die Tasche abgenommen und sie gegen eine Wand gedrückt, so Reades. Dann habe er sie geküsst, seine Hand unter ihre Bluse geschoben und ihre Brust begrapscht. Mit seinem Knie soll er ihre Beine auseinandergeschoben und seine Finger in ihre Vagina gesteckt haben. Als sie ihm signalisierte, dass sie das nicht wolle, soll er gesagt haben: "Komm schon, ich hab doch gehört, dass du mich magst." Nachdem sie sich weiter wehrte, habe er mit seinem Finger auf sie gezeigt und gesagt, sie wäre "Nichts" für ihn und lies sie gehen. Sie beschwerte sich nach eigener Aussage wieder bei ihren Vorgesetzten, soll sogar eine schriftliche Beschwerde eingereicht haben und einige Zeit später wurde sie laut ihrer Erzählung gebeten, sich einen neuen Job zu suchen. Zur Polizei ging sie nicht, aus Respekt für die politische Autoritätsperson, so Reades.

US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden

Diese Geschichte erzählte Tara zum ersten Mal in dem politischen Podcast mit Katie Halper, woraufhin sie sie dann auch zahlreichen weiteren Zeitungen den Vorfall schilderte, unter anderem der "New York Times", die ausführlich über den Fall berichtete.

Ehemalige Vorgesetzte von Reades können sich an nichts erinnern

Die Journalisten der Zeitung bemühten sich sofort zu recherchieren, was hinter den Vorwürfen steckte und fanden gegensätzliche Aussagen. Viele von Reades ehemaligen Vorgesetzten sagen aus, sich gar nicht an Reades erinnern zu können, geschweige denn an Beschwerden ihrerseits. Lediglich ein anderer Arbeitgeber Reades erinnerte sich daran, dass sie ihm von sexuellem Missbrauch am Arbeitsplatz erzählt hatte.

Ansonsten unterstützen nur Freunde und Familie von Tara Reades ihre Aussagen. Eine ehemalige Nachbarin erinnert sich noch daran, wie ihr Reades ein paar Jahre später von dem Vorfall erzählte, ihr Bruder wusste auch von der Geschichte, nur nicht im vollen Detail. Es gibt sogar eine Tonaufnahme, sehr wahrscheinlich von Reades' Mutter, die damals bei der US-Show "Larry King" anrief, in der Zuschauer um Rat bitten können. Dort erzählte sie, dass ihre Tochter ein Problem mit einem US-Senator am Arbeitsplatz gehabt habe, sich aber nicht traue zur Polizei zu gehen. Reades selber identifizierte die Stimme als die ihrer Mutter, außerdem stimmt der Ursprung des Anrufs überein mit dem damaligen Wohnort der Mutter.

Wie geht Biden mit dem Vorwurf um?

In vergangenen Missbrauchsfällen in der US-Politik hatte sich Biden eigentlich immer als Supporter der mutmaßlichen Opfer gezeigt. Er sagte, dass Frauen, die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs äußern, immer zumindest ernstgenommen werden sollten. Nun, da sich die Vorwürfe gegen ihn selber richten, äußert er sich gar nicht. Pressesprecher von Biden bestehen aber darauf, dass die Geschichte von Tara Reades nicht wahr sei.

Joe Biden

Nach vergangenen Anschuldigungen von Frauen, die erzählten, wie Biden sie unangebracht an den Schultern anfasste, auf die Stirn küsste oder an ihren Haaren roch, hatte sich Biden zwar geäußert, aber nie entschuldigt. Er sagte lediglich, dass es nicht seine Absicht gewesen war, ihnen zu nahe zu kommen, und dass er ihnen nun zuhören und sein Verhalten verändern wolle. Von Entschuldigung keine Spur.

Reades hat nun offiziell eine Klage gegen Biden eingereicht. Nachdem dieser Klage von der Polizei nachgegangen war, wurden angefangene Verfahren allerdings nach weniger Zeit wieder pausiert. Da der vermeintliche Vorfall schon 26 Jahre her ist, ist eine ausgiebige Investigation eher unwahrscheinlich.

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  • Quelle:
  • Noizz.de