Angela Merkels Zögling Jens Spahn hat es wieder getan.

Nämlich: sich abermals darüber aufgeregt, dass in Berlin nicht alle deutsch sprechen. Vergangene Woche empörte sich der Kulturwächter der CDU darüber, dass ein Kellner ihn in einem Berliner Restaurant auf Englisch (!) angesprochen hat.

Nun hetzt er in der ZEIT gegen die „elitären Hipster“, die sich auf Berlins Straßen tummeln. Sie hätten es wohl nicht nötig deutsch zu sprechen.

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Wörtlich beklagt er die „anbiedernde Bereitschaft, vorschnell und ohne Not die eigene Muttersprache hintanzustellen“ und vergleicht das moderne Englisch mit dem Französisch, das im 18. Jahrhundert bei Hofe gesprochen wurde und dem Pöbel unzugänglich war.

Ich weiß nicht, ob Herr Spahn tatsächlich noch in selbigem Jahrhundert zu Hause ist oder einfach seine Englischlehrerin nicht leiden konnte. In jedem Fall ist Englisch für die Generation der „elitären Hipster“ sicher kein Ausweis eines besonderen Intellektes oder einer Polyglottie, die sie vom Proletariat abgrenzen soll, das nicht mal Deutsch in Reinform, sondern nur im Dialekt spricht, weil es statt in die Bildungsanstalt zu gehen, auf den Äckern schuften musste.

Laut Spahn schotten sich die Anglophilen nämlich „vom Ottonormalverbraucher“ ab. Sorry, aber diese Zeiten sind vorbei. Selbst an der Bischöflichen Canisiusschule in Ahaus, wo Spahn sein Abi gemacht hat, wird neben Latein und Altgriechisch auch Englisch unterrichtet.

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Gerade in Berlin ist Englisch notwendig, weil durch die viele Zuwanderung aus aller Welt immer mehr Menschen dort leben, denen es leichter fällt, Englisch zu lernen als vier verschiedene Fälle, unregelmäßige Verben und Interrogativpronomen.

Integration heißt nicht immer nur Anpassung des Ankommenden, wie es die CDU oft proklamiert, sondern erfordert auch oft genug ein Umdenken der bereits bestehenden Strukturen. Und das nicht im negativen Sinn.

Wer sich dem Englischen nicht verwehrt, eröffnet sich beispielsweise Chancen im Beruf – auch, wenn man im Finanzministerium arbeitet. Vielleicht könnte man ja auch Helene Fischer mit „Breathless through the night“ international besser vermarkten.

Ich weiß nicht, ob es Spahns wahre Überzeugung oder Wahlkampfgelaber ist, um Stimmen beim Philologenverband und am rechten Rand zu fischen. Bei denen, die sich vor Überfremdung fürchten, vor Shawarma und Köfte – und neuerdings auch vor Hipstern.

Aber auch Jens Spahn, der ja in Berlin lebt, sollte aufgefallen sein, dass diese Stadt die einzige deutsche Großstadt ist, die im internationalen Vergleich mithalten kann. Während man in München lebenslang Ausländer bleibt, solange man keine Weißwurst richtig zuzeln kann, kommt man in der Hauptstadt viel leichter an. Berlin ist ein kreativer Hotspot dieser Welt und daran hat Englisch einen großen Anteil.

Ich will den Spahnschen Mikrokosmos nicht aufbrechen, aber Englisch ist Weltsprache, einfach zu lernen und wird über kurz oder lang (eher lang) auch Landessprachen ablösen. Das mag im CDU-Kosmos vielleicht etwas später ankommen, aber auch dort wird man sich der „bedauerlichen kulturellen Gleichschaltung“ auf Dauer nicht verwehren können. Sonst könnten wir auch wieder eigene Münzen prägen und Wegezölle erheben.

Um eine andere historische Referenz anzuführen: Damals, als im frühen 19. Jahrhundert zwei Brüder aus Hanau anfingen, sich um eine standardisierte Grammatik zu bemühen, die Bürger aller Kleinstaaten verstehen konnten, gab es auch allerorts Widerstand. Und, nun ja, wir wissen, was daraus geworden ist.

Wenn deutsche Muttersprachler also untereinander nicht in ihrer „Heimatsprache“ kommunizieren, dann auch, weil sie sich nicht mehr über Herkunft definieren (was Sprache zweifelsohne ist). Denn durch Sprache grenzt man sich ab, indem man jene ausschließt, die sie nicht sprechen.

Englisch ist somit Ausdruck eines fortschrittlichen Globalismus. Wer sich davon bedroht fühlt, ist ein provinzieller Kleingeist. Niemand verbietet Jens Spahn, deutsch zu sprechen. Aber er kann nicht erwarten, dass er auf internationalem Pflaster wie Berlin nur die offizielle Landessprache hört.

Sicherlich spendiert die Regierung Jens Spahn einen kleinen Englisch-Crashkurs an der VHS, damit er sich demnächst auch auf Englisch ein Vitello tonnato (oh, was ist das nur wieder für eine exotische Sprache, die unser kulturelles Erbe gefährdet?) bestellen kann. Peace out! Also, ähm, Frieden aus. Oder so.

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Quelle: Noizz.de