Der JuSo-Chef sorgt gerade bei vielen Deutschen für Schnappatmung.

Kevin Kühnert, JuSo-Vorsitzender, hat der "ZEIT" gerade ein Interview gegeben. Es geht um Sozialismus, um Demokratie und darum, warum wir in einer Welt leben, in der wenige viel haben und viele wenig.

Kühnert flirtet hart mit links: Er spricht zum Beispiel darüber, dass es durchaus eine demokratische Entscheidung sein sollte, was mit der ganzen Kohle passiert, die Konzerne wie BMW scheffeln. Er fragt im Prinzip: Warum dürfen ein paar Top-Manager an der Spitze eines solchen Unternehmens eigentlich im Geld schwimmen, während die, die am Ende der Nahrungskette stehen, mit sehr wenig auskommen müssen. Oder noch drastischer: Kevin Kühnert hinterfragt, inwiefern der Kapitalismus, in dem wir leben, eigentlich noch tragbar ist.

Kevin spricht, und alle rasten aus

Seitdem ist in der deutschen Politik nichts mehr, wie es war: Ungläubige Blicke, Schockstarre, einige AFD-Politiker mussten erst mal in Papiertüten atmen, die CDU ist zu stumpfem Wippen und glasigem Blick ins Leere übergegangen, in den eigenen Reihen der SPD ist kollektives Unbehagen zu spüren. Was soll denn jetzt werden?!

SPD-Urgestein Johannes Kahrs fragte gar, welche Substanzen denn der Kevin konsumiere. Er selbst fände ja, dass der Kevin groben Unfug von sich gebe und schließt daraus messerscharf, dass es sich um illegales Zeug handeln müsse, das der Nachwuchs-Politiker sich reingefahren habe. Andere verlangen gar den Parteirauswurf.

Die CSU, genauer Markus Söder und Markus Blume, sind sich einig: Die SPD-Spitze soll ihre JuSos mal unter Kontrolle bekommen und sich entschieden von derartigen "Hirngespinsten" distanzieren, wie man hier nachlesen kann. Also zusammengefasst: Nach Kühnerts Äußerungen ist das Geschrei groß. Es scheint, als habe er ein wunden Punkt getroffen.

Marx, Engels, Kühnert?

Die Kritik an Kühnerts Äußerungen wird von den älteren weißen Herren des alltäglichen Politikgeschehens als linksradikaler Blödsinn abgetan. Von Utopien und Realitätsferne wird gesprochen. Geht allen sehr Nahe, dass der Kevin einfach so sagt, dass Konzerne mal nicht nur in die eigene Tasche wirtschaften sollten ("Die weit überwiegende Zahl der Menschen auf unserer Welt arbeitet nicht, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen, sondern das Bedürfnis anderer nach Profitstreben.") und dass stetig steigende Mieten vielleicht nicht mehr Privatsache sein sollten ("Ziel wäre, dass es gar keine privaten Vermietungen mehr gibt").

Fühlen sich hier alle auf ihren Lobbyisten-Schlips getreten? Oder was ist das Problem? Tatsächlich scheinen sich einige daran zu stören, dass Kühnerts Schlagrichtung stark auf die DDR verweist – man erinnert sich: Keiner durfte ausreisen, die Mauer, alles wurde vom Staat verteilt und bestimmt, Stasi-Spitzel, Honecker, Bananen, diesdas.

Kevin sucht die Demokratie

Beschnittene Konzerne? Eingedämmter Waffenhandel? Verstaatlichter Wohnraum? – Jap, klingt durchaus nach sehr kontrollierter Politik, über die wir hier sprechen, und wenn man die Spirale weiterdreht auch nach wenig Demokratie. Aber geht es Kühnerts Kritikern tatsächlich darum, dass sie hier sozialistische Gefahren aufkeimen sehen? Oder doch eher darum, dass hier endlich mal jemand pointiert unterstreicht, was längst schief läuft:

Der freie Kapitalismus – also der Ansatz, in dem Konzernen so viel freie Hand wie möglich gelassen wird – ist zwar der Grund, warum es westlichen Ländern, auch Deutschland, wirtschaftlich so verdammt gut geht. Allerdings dürfe das nicht um jeden Preis geschehen. Kühnert sagt nicht, dass alles verstaatlicht werden soll, sondern dass es in erster Linie um das Wohl und das Glück der Menschen gehen muss. Die Demokratie ist immer noch am Start! Klingt wie in einer heilen, unmöglichen Welt? Nur bedingt.

Der JuSo-Chef spricht Schlagworte aus und sucht nach Lösungen für Probleme, die uns alle seit Jahren auf der Seele brennen: Warum ist es okay, dass in den Großstädten der Wohnraum immer knapper wird und es ein paar Immobilien-Haie gibt, die sich daran bereichern? Und warum tut die Politik nichts dagegen?

Warum ist es okay, dass Klima-Wandel und -Schutz zwar scheinbar immer Thema sind, aber dennoch weiterhin Plastik produziert, Smog in den Orbit gefeuert und die Natur verheizt wird? Warum bereichern wir uns am Waffenhandel, wenn wir wissen, dass am Ende dieser Geschäfte das Leid von Menschen steht? Warum schlucken wir immer wieder schwer, wenn veröffentlicht wird, wie lächerlich viel Manager als Abfindungen kassieren und wie niedrig die Fallhöhe von Börsenspekulanten beim Crash 2008 war – ohne dass hier jemals irgendeine Art von Bremse oder Umverteilung stattfindet?

Sind das nicht alles Themen, wegen derer wir auf die Straße gehen? Wegen derer wir aktuell eine Jugend haben, die lieber Greta Thunberg zuhört, als im Unterricht zu sitzen?

Ja, dann macht es doch besser!

Die SPD verliert seit Jahren an Stimmen: Ihr wird anhaltende Lethargie vorgeworfen – zu recht. Das einzige Ziel der SPD scheint zu sein, irgendwo wenigstens ein kleines bisschen mitmischen zu dürfen. Ob man dabei seinen eigenen Parteiprinzipien treu bleibt, ist da dann eher zweitranging, oder?

Nicht nur Kevin Kühnert wirft erneut die Frage auf, wo die SPD eigentlich noch mal genau ihre Wurzeln hat. War das nicht mal die Partei der Arbeiter? Die der "kleinen Leute" – sind das immer noch die, die sich in der GroKo übermotiviert (die Kühnert damals auch schon ablehnte) auf jeden Kompromiss stürzt, die ihr hingeworfen wird?

Eines muss man dem Kevin ja lassen: Seine Forderungen sind näher dran an dem, was alle jenseits der oberen 10.000 so angeht. Er ist näher dran an den wirklichen Problemen, mit denen man sich täglich auseinander setzen muss. Und er bekennt sich zu einem demokratischen Sozialismus. Er bekennt sich für etwas, dass vielleicht nicht in allen Reihen freudig angenommen wird – und damit traut er sich gerade mehr als die gesamte SPD zusammen.

Quelle: Noizz.de