Ein Sachse hat uns erklärt, warum die AfD im Osten so stark ist

Robin Kittelmann

Politik, Gesellschaft, Motor
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Er spricht über Angst, Traditionen und enttäuschte Menschen.

Da haben sich wohl nicht nur die Politiker letzten Sonntag die Augen gerieben. Dass Sachsen die AfD-Hochburg in Deutschland ist, war ja klar. Aber dass sie so abräumen würden, damit hat nicht jeder gerechnet. Sachsen ist jetzt das Mordor Deutschlands, eine vergessene Region irgendwo östlich hinter der Stadt Gera.

Alex Meyer (Name geändert) unterrichtet seit Kurzem an einem Gymnasium in Ostsachsen, nahe der tschechischen Grenze. Der 29-Jährige ist gebürtiger Dresdner und hat den Aufstieg der AfD in Sachsen miterlebt. Im Gespräch mit uns spricht er über ostdeutsche Männer, was die Politik versäumt hat, die Enttäuschung der ländlichen Bevölkerung, Nazis, Gewalt und die Situation an den Schulen.

Dresden kann sehr schön sein, wenn man PEGIDA nicht begegnet Foto: Wikipedia

Veraltete Familienbilder und die Angst vor Flüchtlingen

Meyer erlebt es immer wieder, dass Männer in Ostsachsen ihre Frauen „nicht gut behandeln“. Für viele Männer ist das alte Rollenbild des Ernährers sehr wichtig. Die Frau soll demnach zu Hause bleiben und die Kinder hüten, während der Mann zur Arbeit geht. „Wenn es im Job nicht läuft oder sie mit ihrer Arbeit unzufrieden sind, haben manche Angst, dass sie von Einwanderern ersetzt werden. Dabei gibt es in den neuen Bundesländern weniger als im Westen. Aber diese Angst reicht, um ihr Weltbild ins Wanken zu bringen“, sagt Meyer.

Dadurch, dass es in Sachsen weniger Einwanderer gibt als anderswo, fallen sie aber auch stärker auf. „In Dresden wirft man ihnen schon komische Blicke zu“, erinnert Alex sich. Während der starken Einwanderung von Flüchtlingen 2015 hätten viele Medien sehr einfache und reißerische Artikel zu dem Thema Flüchtlinge verfasst. Die AfD hat diese Themen und Artikel gern aufgegriffen und Lösungen vorgeschlagen. Einfache Lösungen: Einen kompletten Einwanderungs-Stopp. Mehr Jobs und weniger Ausländer! Bei vielen Ostdeutschen kam das gut an. „Das ist der Grund, weshalb so viele Männer in Sachsen die AfD gewählt haben. Sie glauben, dass die Partei es ihnen ermöglicht, so zu leben wie bisher. Und, dass die Partei ihre Stellung in der Gesellschaft und der Familie stärkt.“

Viele sehnen sich nach der „guten alten Zeit“ Foto: pixabay

Wie rechte Äußerungen salonfähig wurden

Die PISA Ergebnisse zeigen, dass Sachsen und Bayern Vorreiter in Sachen Bildung sind. Trotzdem läuft in Sachsen einiges verkehrt. „Die politische Bildung an Schulen hätte besser gemacht werden können. Gerade auf dem Land gibt es einige rechtspopulistische Gruppierungen, die Hetze verbreiten. Gute politische Bildung hätte da präventiv wirken können“ ist Alex Meyer sich sicher.

Diese Gruppierungen treffen sich auf Dorffesten, in Kneipen oder auf dem Fußballplatz. „Ostdeutsche Männer reagieren sehr schnell und sind emotional. Sie sehnen sich nach einfachen Lösungen und klaren Ordnungen“, behauptet der Lehrer. Möglicherweise läge das noch am DDR-Regime. „Da haben wir noch einiges aufzuarbeiten, die Wende ist in Sachsen nicht vollständig überwunden worden.“

In Görlitz sind Rechtspopulisten überdurchschnittlich vertreten Foto: Wikipedia

Die Versäumnisse der Politik

Nach der Wende haben viele ehemalige DDR-Bürger sich selbstständig gemacht und haben investiert. Gerade im östlichen Sachsen war die Grenzöffnung aber ein Problem. „Als die Grenzen geöffnet wurden, konnte dort billiger eingekauft werden. Dadurch hatten viele Unternehmer in Sachsen hohe Verluste. Der Wettbewerb hätte von der Politik besser vor osteuropäischen Einflüssen geschützt werden müssen“, sagt Alex Meyer. Zwar habe sich das seit einigen Jahren wieder verbessert und angeglichen, doch Meyer vermutet, dass immer noch sehr viele Angst haben, schlechter zu leben als die Menschen im Westen. „Sie wollen keine Menschen zweiter Klasse sein.“

Für das starke Abschneiden der AfD macht Meyer vor allem die Volksparteien verantwortlich. „Besonders die CDU hat sich in Sachsen immer als König gefühlt. Sie hat es verpasst, die konservativen Wähler auf ihre Seite zu ziehen. Auf der anderen Seite hat die AfD stark geworben. Dadurch konnte sie viele Nichtwähler an die Urnen locken“, fasst Meyer zusammen. In den ländlichen Regionen hat die AfD starken Rückhalt. Viele fühlen sich von der Politik vergessen und sind enttäuscht.

PEGIDA hat sich Enttäuschung auf die Fahnen geschrieben Foto: dpa picture alliance

Wer AfD wählt, ist nicht sofort ein Nazi

Alex Meyer nimmt aggressive AfD-Wähler als laute Minderheit wahr. „Nachdem jeden Tag über Pegida berichtet wurde, hat dieser Fokus auf die Montagsdemos in Dresden irgendwann wieder abgenommen. Auch die Politik hat sich weniger drum gekümmert. In Bezirken, in denen die AfD stark ist, trauen sich jetzt mehr, ihre Meinung zu sagen. Und die organisieren sich weiter.“ fasst Meyer zusammen.

Sich öffentlich rechts zu positionieren ist kein Problem mehr. Die Menschen, die Montags auf der Straße stehen, wollen sich Gehör verschaffen. „Viele haben wohl auch aus Protest gewählt. Das ist kalkuliert.“

Trotzdem ist er überzeugt, dass Nazis eine Minderheit in der Wählerschaft der AfD sind. „Ein paar Leute aus meinem Umfeld haben auch AfD gewählt. Die sind im Alltag nett zu Ausländern und sind keine Nazis. Sie wollen nur Fehler in der Einwanderungspolitik hervorheben. Dafür werden sie vom Rest Deutschlands dann sofort als Nazis abgestempelt.“

Tatsächlich würden seine Bekannten sich gegen Nazis positionieren: Skinheads gibt es in der Sächsichen Schweiz schon länger. Die organisieren sich in NPD-Verbindungen und wählen AfD. Auch in Bautzen und Görlitz gibt es einige von ihnen. Andere AfD-Wähler grenzen sich von ihnen ab.

Skinheads auf einem Konzert Foto: Wikipedia

Drogen und Schlägereien in Dresden

Die Medien berichten vermehrt über Schlägereien und Drogenbanden, die sich bekriegen. Libanesen und Syrer kämpfen um den Schwarzmarkt. Auch Alex Meyer ist Zeuge von Ausschreitungen geworden. „Ich war mal nachts unterwegs, als eine Prügelei zwischen 30 bis 40 Personen ausbrach. Viele davon hatten einen Migrationshintergrund. Es gab auch Deutsche, die versucht haben, zu schlichten oder selbst mitzumischen. Die Polizei rückt bei sowas mit bis zu 60 Mann an“, erklärt Meyer.

Wenn die Stimmung friedlich ist, geht er gern zu diesen Gruppen, um sich mit den Einwanderern zu unterhalten und ihre Geschichten zu hören. Doch wenn sie anfangen zu trinken, wird Alex vorsichtiger. „Es sind halt viele verschiedene Nationen dort im Park vertreten, die nicht immer einer Meinung sind. Einmal gab es eine Auseinandersetzung zwischen einem Ägypter und einem Syrer. Sie haben sich gegenseitig mit Flaschen angegriffen und wurden blutüberströmt von der Polizei abgeführt.

Aber Alex Meyer hat Verständnis für die Einwanderer. „Sie warten auf ihren Asylantrag oder einen Job, den sie wahrscheinlich nicht bekommen werden. Das ist ziemlich chaotisch, da kochen die Emotionen mal hoch, das würde uns Deutschen doch genau so gehen“, findet Meyer.

Sein Lösungsvorschlag: Die Betroffenen in Kurse stecken, in denen sie Deutsch und unsere Kultur kennelernen. Für ihn gibt es noch viel Integrationspotential, das von der Regierung nicht ausgeschöpft wird.

Die Situation an sächsischen Schulen

An seiner Schule registriert Alex keine Aggression gegenüber Schülern mit Migrationshintergrund. „Auch wenn ich natürlich nicht weiß, was in der Pause so abgeht“, räumt er ein. Im Politikunterricht wurde vor der Bundestagswahl über mögliche Ergebnisse gesprochen.

Als Lehrer muss Meyer neutral sein, auch wenn es ihm nicht immer leicht fällt. „Die AfD hat Briefe verteilt, in denen behauptet wurde, ein SPD-Bürgermeister hätte vor, eine Moschee zu bauen. Eine Lüge, aber das hat viele erst einmal erschrocken“, berichtet er. Er hat seinen Schülern empfohlen, die Wahlprogramme der Parteien wenigstens zu überfliegen und kritisch zu hinterfragen. „Die Schüler müssen sich die Frage stellen: Was von dem, was die Partei mir verspricht, ist wirklich realistisch und umsetzbar."

Nach der Wahl wurden die tatsächlichen Ergebnisse diskutiert. Außerdem konnten die Schüler in der Schule bei einer „Schulwahl“ selbst wählen - die AfD gewann. „Manche fanden das vermutlich einfach nur lustig. Aber viele Jugendliche bekommen das zu Hause auch vorgelebt und orientieren sich daran. Wir Lehrer müssen sowas gut auffangen“, sagt Alex Meyer.

Selbst die Schüler wählen mehrheitlich AfD Foto: dpa picture alliance

Noch ist Sachsen nicht verloren

Nicht nur die Lehrer in Sachsen stehen vor einer großen Herausforderung. Die Politik muss sie unterstützen. Die neue Bundesregierung muss sich mit den neuen Bundesländern beschäftigen und auf die Menschen zugehen, ihnen wirkliche Lösungen anbieten. Bisher hat die AfD ihnen Lösungen vorgeschlagen, die leicht zu verstehen waren, und die sie beruhigt haben. Es ist an der Zeit, dass echte Lösungen auf den Tisch kommen. Ansonsten überlässt die Politik Sachsen den Populisten.

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AfD Bundestagswahl 2017 Sachsen Flüchtlinge Dresden
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