Wir haben den Doktoranden Christian Krekel gefragt, ob er gestern Abend Angst hatte ...

Christian kommt aus Köln und beendet gerade seine Promotion in Ökonomie an der London School of Economics. Dort war er jetzt ein halbes Jahr lang; der 32-Jährige kennt London aber gut, weil er dort auch schon studiert hatte.

Christian Krekel Foto: privat

NOIZZ: Christian, gestern Abend tötete ein islamistischer Terrorist auf der Westminster Bridge drei Menschen. Am Ende wurde er erschossen. Wo warst du, als das alles passierte?

Christian Krekel: Ich saß im Büro in der London School of Economics. Das ist zwar gar nicht so weit weg von der Westminster Bridge, aber ich war allein und hatte ziemlich viel zu tun.

Wie hast du von dem Anschlag erfahren?

Christian: Meine Mutter hat mich bei Skype angeschrieben und mich gefragt, ob alles okay sei. Ich hab dann auf einem News-Portal nachgeschaut, warum sie das fragt, und über den Anschlag gelesen. Ich hab beim Sicherheitscheck von Facebook angegeben, dass ich in Sicherheit bin – was ein paar Freunde geliket haben. Und ein Kollege, den ich letzte Woche in Indien kennengelernt habe, hat mich angeschrieben und gefragt, ob es mir gut gehe.

Ich kenne ziemlich viele Londoner; davon haben vielleicht 25 den Safety Check von Facebook gemacht. Gegen acht hab ich das Büro dann verlassen, Richtung Tube.

Hattest du Angst?

Christian: Nein.

Wie war die Stimmung in der Tube?

Christian: Vollkommen normal. Ich fahre immer sechs Stationen mit der Piccadilly-Linie. Es sind Leute zugestiegen, die ganz normal gelaunt waren; neben mir standen zwei, die haben sich unterhalten und dabei gelacht. Die haben garantiert was mitbekommen, sich damit aber nicht so wahnsinnig beschäftigt.

Heute Morgen habe ich zwei Polizisten in der Tube-Station High Holborn bemerkt. Die stehen da sonst nicht. Und es gab eine Durchsage: Die Station Westminster sei gesperrt – wegen einer polizeilichen Ermittlung. Nicht wegen Terrorismus. Für mich ein Zeichen dafür, dass der Anschlag die Londoner gar nicht so sehr mitnimmt.

Wie fühlt es sich an, in Zeiten des Terrors in einer Stadt zu leben, in der gerade ein Anschlag stattgefunden hat?

Christian: Abstrakt, alltäglich, weit weg. Ich hab in Paris studiert, während dort die Anschläge waren, ich hab in Berlin gelebt ... Jetzt das. Der Terror-Anschlag hat mich nicht überrascht. Man rechnet damit. Weil es hier 2005 ja schon mal passiert ist. Mich hat es ehrlich gesagt nicht so sehr mitgenommen.

Reden die Londoner darüber?

Christian: Nein. Beim Mittagessen ist heute zum Beispiel kein Wort darüber gefallen. Ich würde es als passive Anteilnahme beschreiben. Man ist bestürzt, aber halt nicht aktiv. Dafür war es einfach nicht krass genug – vor allem im Vergleich zu 2005.

Was ist das eigentlich für eine Gegend, wo die Terror-Attacke passiert ist?

Christian: Das Regierungsviertel. Da ist das Parlament, das Abgeordnetenhaus, viele Touristen, Leute, die dort arbeiten, Parlamentarier, Lobbyisten. Wenn man einen Anschlag verüben will, dann dort.

Effizienter wäre es anderswo gewesen, Richtung Piccadilly Circus, Oxford Circus, dort, wo die Londoner shoppen gehen. Aber es ging halt um die Symbolik.

Quelle: Noizz.de