Weil's dort keine Verbrecher mehr gibt? Nicht ganz ...

Dass die Gefängnisse in Brandenburg zumindest teilweise quasi leer stehen, vermeldete jetzt die Märkische Oderzeitung. In dem Bundesland gäbe es theoretisch rund 1.800 Plätze für Gefangene – allerdings sind davon nur 1.300 belegt. Vor acht Jahren habe es noch 500 Insassen mehr in dem Bundesland gegeben.

In dem Bericht zum Stand des Brandenburgischen Justizvollzugs heißt es, dass das Land für 2015 auf nur noch 52 Gefangene pro 100.000 Einwohner kommt. Das ist die zweitniedrigste Insassenquote nach Schleswig-Holstein bundesweit! Zum Vergleich: Im Schnitt sitzen in Deutschland 78 Gefangene auf diese Einwohnerzahl gerechnet im Knast.

Aber es ist ein Trend, der in ganz Deutschland zu spüren ist: Im Schnitt sank die Zahl der Inhaftieren in den letzten zehn Jahren kontinuierlich.

Wie kommt es dazu, dass Knäste immer leerer stehen? Und ist das nun gut oder schlecht?

Der Kriminologe Bernd Maelicke erklärt NOIZZ, dass der Rückgang verschiedene Gründe haben kann. „Zum einen den demographische Wandel”, erklärt er. „Ältere Menschen begehen weniger Straftaten als junge”. Auf Brandenburg würde das sehr gut passen: Es ist das Land mit der im Schnitt zweitältesten Bevölkerung Deutschlands.

Auch kürzere Haftstrafen könnten eine Erklärung sein. Das wird auch im Brandenburger Justizvollzugsbericht erwähnt.

Heißen leerere Haftanstalten denn, dass wir uns mehr Sorgen um unsere Sicherheit machen müssen?

„Nein“, sagt Maelicke. „Das ist eine sehr positive Entwicklung.” Denn laut dem Wissenschaftler führe Gefängnis tendenziell zu noch mehr Kriminalität. „In Gefängnissen gibt es noch immer eine Subkultur Gefangener mit Drogenhandel, Gewalt und sexuellen Übergriffen”, so Maelicke. Jeder zweite Entlassene komme mit neuen Straftaten wieder zurück ins Gefängnis. 40 Prozent schon im ersten Jahr nach der Entlassung.

Außerdem sinkt die Kriminalitätsrate in Deutschland schon seit einigen Jahren, auch in Brandenburg. Weniger Insassen stehen also nicht mehr Verstößen entgegen.

Was tun, wenn Gefängnis keine gute Lösung ist?

Eine Alternative sieht Maelicke in mehr ambulanten Resozialisierungsprogrammen. Das würde konkret heißen: Mehr Bewährungsstrafen statt echter Haftstrafen und vor allem Betreuung durch Bewährungshelfer. Das Ziel: den Straffälligen dabei helfen, ein normales, straffreies Leben zu führen.

„Dann ist die Rückfallquote deutlich geringer. Nur jeder Dritte würde dann, statistisch gesehen, erneut rückfällig”, sagt der Kriminologe Bernd Maelicke.

In Schleswig-Holstein, wo Maelicke lebt und lehrt, sei dieses Rezept einer der Gründe, warum die Insassenquote so gering sei. „Dort wird offensiv eine Mischung aus ambulanter und stationärer Resozialisierung (Betreuung in der Haft) gefahren.”

Quelle: Noizz.de