Fast acht Jahre später!

Es ist der 24. Juli 2010. Zusammen mit fünf Freunden steige ich morgens in den Zug. Unser Ziel: Die Loveparade in Duisburg. Auf der Hinfahrt herrscht gute Stimmung, wir köpfen die ersten Sektflaschen. Lange hatten wir uns auf die gigantische Techno-Party gefreut. Wir ahnen nicht, was an diesem Tag passieren wird.

[Mehr dazu: Film über Loveparade-Katastrophe: „Wir sind die Arschlöcher, die überlebt haben“]

Fast acht Jahre sind seitdem vergangen – es kommt mir ewig vor. Zum ersten Mal sagt an diesem Donnerstag eine Zeugin im Loveparade-Prozess aus. Die Verhandlung wurde aus Platzgründen in die Düsseldorfer Messe verlegt. Dutzende Besucher und Journalisten verfolgen den Prozess.

Rosalinda war 2010 mit ihrer Schwester auf dem Weg zur Loveparade. Sie gerieten ins Gedränge. Unter Tränen erinnert sie sich vor Gericht: „Die Menschen haben versucht, überall hochzuklettern, es gab keinen Platz mehr. Wir waren ziemlich in der Mitte, wo sich dann die Polizeikette vor uns formiert hat. Wir wollten raus, doch die Polizei hat gesagt, es ginge nicht. Es kamen immer mehr Leute von hinten, von vorne.“

Ihre Schwester habe noch gefleht: „Halt meine Hand fest, lass ja nicht los!“ Doch der Druck war zu stark, die Schwestern wurden auseinandergerissen. „Ich habe sie aus den Augen verloren. Wir wurden von vorne und von hinten gedrückt, wir waren wie Sardinen in der Büchse. Ich bekam keine Luft.“

Menschen versuchen dem Gedränge zu entkommen.

Ein junger Mann habe ihr noch geholfen, ihren Kopf und die Haare hochgehalten. Doch es half nichts, Rosalinda stürzte. „Links von mir lag ein junges Mädchen und rief: Hilf mir, hilf mir. Aber das ging nicht. Ich konnte mich selbst nicht befreien, weil Menschen auf mir lagen. Es wurde immer schwerer und schwerer. Weiter weiß ich nicht mehr, ich bin dann im Krankenhaus auf der Intensivstation wach geworden.“

21 Tote. Mehr als 650 Verletzte. Hinzu kommen mindestens sechs Menschen, die infolge der Loveparade Suizid begangen haben.

Auf der Anklagebank sitzen zehn Angeklagte: Sechs Mitarbeiter der Duisburger Stadtverwaltung, die für die Genehmigung der Veranstaltung zuständig waren. Daneben vier Mitarbeiter des Loveparade-Veranstalters Lopavent.

Nicht etwa der Ex-Bürgermeister Adolf Sauerland oder Lopavent-Chef Rainer Schaller. Sie treten lediglich als Zeugen auf. Für mich ist das kaum zu begreifen!

Es lägen keine Anhaltspunkte vor, dass die beiden Einfluss auf die fehlerhafte Planung oder die rechtswidrige Genehmigung genommen hätten – heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Lopavent-Chef und McFit-Gründer Rainer Schaller

Adolf Sauerland hat sich größtenteils aus der Politik zurückgezogen, arbeitet laut Wikipedia im Reisebüro der Familie.

Rainer Schaller ist hingegen erfolgreicher als je zuvor. Aber nicht mit seinem Veranstaltungsunternehmen Lopavent. Er ist Gründer der Fitnesskette McFit, die Millionen-Umsätze macht und gerade das „größte Gym der Welt“ in Oberhausen plant. Dass Schaller maßgeblich an der Loveparade 2010 beteiligt war, scheint dem Image von McFit keinen Abbruch zu tun.

Ex-Bürgermeister Adolf Sauerland

Fakt ist: Die Veranstaltung hätte nie stattfinden dürfen. Sie hätte nie genehmigt werden dürfen. Auf der Loveparade waren etwas mehr als 100.000 Besucher, sie wäre jedoch für mehr als doppelt so viele genehmigt gewesen, wie aus einem Gutachten hervorgeht, das dem Spiegel vorlag. Wären tatsächlich so viele Raver gekommen, hätte die Katastrophe noch viel schlimmer ausfallen können!

Am Abend des 24. Julis 2010 stieg ich in Duisburg wieder in den Zug nach Hause – zusammen mit meinen Freunden. Wir hatten es auf das Loveparade-Gelände geschafft. Wir hatten gefeiert, ohne zu wissen, was zum selben Zeitpunkt am Eingang des Geländes passierte. Erst etwa zwei Stunden später erfuhren wir von den Toten. Ich weiß noch, dass wir zu diesem Zeitpunkt nicht begreifen konnten, was passiert war.

Heute, fast acht Jahre später, kann ich es immer noch nicht.

[Quellen: dpa, BILD, Spiegel Online]

Quelle: Noizz.de