Mein Heimatland hat sich gegen mich entschieden. Deshalb tue ich es jetzt auch. Der Brexit ist leider bittere Wahrheit geworden.

Ich sitze im Bürgeramt Berlin-Mitte in Moabit und beantrage die deutsche Staatsbürgerschaft. Mein Vater sagte einmal, dass für ihn der Wechsel wie eine Geschlechtsumwandlung wäre. Er wuchs in den Jahrzehnten deutsch-englischer Fußballrivalitäten auf.

Der verschossene Elfmeter von Englands Southgate im EM-Halbfinale gegen Deutschland sitzt noch tief in seiner Erinnerung.

Er war der erste unserer Familie, der deutsch wurde.

So kam es, dass ich in Deutschland zur Welt kam. Aber da meine Eltern beide Briten sind, bin auch ich Brite.

Wir Briten sind ein stolzes Volk. Auch wenn wir jedes größere Fußballturnier mit eines der besten Teams starten und doch gegen Island und Co. rausfliegen.

Trotzdem: Der Brite wird so erzogen. Wir sind ein großes und stolzes Land. Vorbild vieler in Hamburg lebenden, barbourjackentragenden Vorstadtmenschen.

Dieses Lied singen wir zu jeder Gelegenheit. „Land of Hope and Glory“ (Land der Hoffnung und des Sieges) gleich hinterher.

Doch die Zeiten sind längst vorbei.

Großbritannien ist ein kleines Land in Europa. Das Empire ist platt. Die Ausbeutung anderer Völker zum Glück Vergangenheit.

Nach meinem Abi zog es mich sofort rüber auf die Insel. Ich wollte dienen. Ich wollte ein stolzer, britischer Offizier werden. Die British Army befand: Er ist nicht Brite genug, hat zu lange im Ausland gelebt. Es dauerte ewig, bis sich irgendwas bewegte. An der Uni in Canterbury bekam ich keinen Kredit für die pervers hohen Studiengebühren. Ich sei EU-Bürger, kein Brite, so die Uni.

Trotzdem entschied ich mich dafür, Brite zu bleiben. Entschied mich, die Versuche Großbritanniens, mich als einen der Eigenen nicht zu akzeptieren, zu vergessen. Wir waren noch Teil der EU.

Am 23. Juni 2016 wachte ich auf. Der Vernunft meines Heimatlandes sicher, dachte ich „die haben eh gewählt, in der EU zu bleiben“. Stattdessen schaue ich auf mein Handy. Unendlich sind die Nachrichten auf WhatsApp.

Zusammengefasst: Es war so als sein jemand gestorben. Es hagelte Beileid. Andere Nachrichten waren voller Häme. Völlig zu Recht.

Nun wird der Irrsinn wahr. Und deshalb werde ich nun Deutscher. Nicht nur, weil Deutschland in der EU bleibt. Dieses Land gibt mir das Gefühl, Teil der Gesellschaft zu sein.

48 Prozent der Bevölkerung haben gegen den Brexit gestimmt. Eine ungewählte Premierministerin will nun den Ausstieg zu Ende bringen.

Wo ist da die Meinung der anderen Hälfte vertreten?

Zum Glück sind wir noch Teil der EU. So kann ich problemlos sofort Deutscher werden.

Aber ich werde meiner Heimat immer verbunden bleiben und werde, sobald es sie gibt, an der Gegenbewegung teilhaben.

Für jetzt heißt es aber erstmal: Farewell, old chaps. I will be back when you've come back to your senses.

Quelle: Noizz.de