Hyäne Fischer will für Österreich zum ESC fahren

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
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„Dare to Dream“ ist nicht nur das Motto des ESC 2019, sondern auch das von Hyäne Fischer (ganz links), Foto: HyäneFischer / Screenshot Youtube

Aber Moment mal – Hyäne Fischer? Wer ist das?!

Ich muss an dieser Stelle zum wiederholten Male zugeben, ich bin ein riesiger Eurovision-Songcontest-Fan – denn kein anderes Unterhaltungsprogramm schafft es, trotz politischer Reibereien, wenigstens für die Dauer einer drei-stündigen Liveshow, dass alle in Europa mal gute Laune haben – bis es an die Punktevergabe geht.

Im kommenden Jahr findet nach dem Sieg der israelischen Sängerin Netta der ESC am 16. Mai 2019 in Tel Aviv statt. Natürlich grübeln alle beteiligten Nationen schon kräftig, wen sie zum Sangeswettbewerb schicken sollen. Während in Deutschland angesichts der potenziellen Kandidaten für „Unser Song für Tel Aviv“ mal wieder gähnende Langeweile herrscht, gestaltet sich das Prozedere bei den österreichischen Kollegen etwas aufregender.

Denn dort wirft sich Hyäne Fischer ins Rennen. Ja, richtig gehört. Der Sound von Hyäne: eine Ausgeburt des Deutsch-Pops von Rosenstolz, gepaart mit dem avantgardistisch-subversiven Anspruch der slowenischen Gruppe Laibach und viel 80s-Synthies-Pathos. Also im Grunde doch auch ein wenig wie die Namenspatin, Helene Fischer – zumindest, was den Pathos angeht.

Über Hyäne Fischer wissen wir wenig, denn sie kam aus dem Nichts. Es gibt nur das eine Ziel: Sie will für Österreich zum ESC 2019 mit dem Song „Im Rausch der Zeit“. Im Video dazu zeigt sich Hyäne in verschneiten Bergen, inklusive Dackel, schön und penibel mit Trachtenhut.

Sind wir mal ehrlich, im Grunde sieht Hyäne Fischer mit ihrem Frauenchor aus, als würde sie gleich in den Zweiten Weltkrieg ziehen.

Dazu ein Text, der dem österreichischen Zeitgeist aus der Seele zu sprechen scheint:

Hörst du den Wind, er singt ein vergangenes Lied? (…) Siehst du die Flammen im ewigen Eis? Spürst du die Glut im goldenen Kreis? (…) Hand in Hand ziehen wir durchs Land, aus all den Wäldern tönt der Widerhall (…) die weite Welt, ab heute gehört sie dir. (…) Der Weg ist weit, doch trauen musst ihm du.“

Das Video haben übrigens schon über 60.000 Menschen angeklickt.

>> Zum Thema: Künstler rufen dazu auf, den ESC in Israel zu boykottieren

Wie wir wissen, hat Österreich eine alt-ehrenwerte ESC-Vergangenheit. Udo Jürgens gewann ihn 1966 mit dem Titel „Merci Cherie“ und natürlich Conchita Wurst, die 2014 mit „Rise Like a Phoenix“ ebenfalls den Wettbewerb für die Eidgenossen gewinnen konnte. Gut, Conchita hat zumindest gezeigt, dass die Alpenrepublik auch aufgeschlossen sein kann. Ob Hyäne Fischer da mithalten kann? Oder ist das zu viel des Guten?

Auf der Suche nach Hyänes Ursprüngen, rätselt die Medienwelt vor sich hin – und eigentlich kommt nur eine Spur in Frage: Hyäne Fischer ist ein künstlerisch durch und durch überzeugendes Satireprojekt der weiblichen Burschenschaft Hysteria.

Die hat als Wappentier nämlich ebenfalls eine, wer hätte es gedacht, Hyäne. Die ganze Aktion würde wie angegossen zu Hysteria passen, die in ähnlichen medienwirksamen Aktionen etwa am 8. November eines jeden Jahres den Totengedenktag des Matriarchats zelebriert. Immer schön in Uniform, immer nach Norm – und persifliert so den verstaubten Ritus der zum Teil rechtsradikalen Burschenschaften.

Aber steckt Hysteria auch hinter Hyäne Fischer? Die Burschenschaft streitet alles ab:

Aber, wenn wir uns die künstlerischen Mechanismen hinter Hyäne Fischer einmal genauer anschauen, bekommt dieses unheimliche Spiel mit der Ästhetik des Vergangenen und dem Sound des Hier und Jetzt ein kulturtheoretisches Gewand. Es nennt sich „Retrovantgarde“.

Geprägt und entwickelt wurde diese Form der Kunst in den frühen Achtzigern von eben jener slowenischen Musikgruppe Laibach und den angeschlossenen Künstlerkollektiv IRWIN und NSK.

Retrovantgarde geht davon aus, dass Kunst Traumata, die in der Vergangenheit verwurzelt sind und bis jetzt ihre Nachfolgen haben, nur dann beseitigen kann, wenn sie zurückgeht zu den Wurzeln des Traumatas, dem auslösenden Konflikt geht.

Und genau das tut Hyäne Fischer.

Die Dominanz der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) und der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) mit ihren rechtspopulistischen Ansätzen, der Skepsis gegenüber Migration und jeglichen neuen Wegen, ist, übertragen auf das Konzept der Retrovantgarde, eine direkte Nachwehe des Zweiten Weltkrieges und dem Regime der Nationalsozialisten. Heilen durch Konfrontation. Es würde nur zu gut zur Burschenschaft Hysteria passen.

So weit so gut. Ob diese subversive Kritik bei den Österreichern fruchtet und es nach Tel Aviv schafft?

Es wäre großartig. Ich drücke Hyäne Fischer die Daumen.

Auch wenn der ORF bisher dementiert. Im Dezember soll Österreichs Beitrag offiziell bekannt gegeben werden.

Quelle: Noizz.de

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