In Berlin-Kreuzberg behaupten das einige Anwohner und wollen wohl, dass die Drogenabhängigen abhauen ...

In Berlin werden viele Kieze immer mehr gentrifiziert. Der Bezirk Prenzlauer Berg steht stellvertretend dafür. Doch nun hat er Konkurrenz bekommen: Der Bergmannkiez in Kreuzberg ist gerade eifrig dabei, ihm den Platz als Gentifizierungszone Nummer 1 streitig zu machen: mehr Boutiquen, weniger Menschen mit Migrationshintergrund.

Da störte einige Anwohner anscheinend auch eine kleine Gruppe Drogenabhängiger aus einem Methadon-Programm. Die Abhängigen treffen sich nämlich am nahegelegenen U-Bahnhof Gneisenaustraße. Für eine Anwohnerin zu viel. „Die stellen ein echtes Sicherheitsrisiko dar”, beschwerte sie sich im Tagesspiegel. In der Zeitung berichtete sie von Saufgelagen, Pöbeleien sowie Flaschenscherben und Spritzen auf dem Boden.

Doch nun hat sich eine Gegeninitiative gegründet: „Tolerantes Kreuzberg”.  Sie fordert: „Lasst die Abhängigen hier bleiben.” Und: „Reden mit ihnen, statt über sie!”

Screenshot der Initiative Tolerantes Kreuzberg Foto: tolerantes-kreuzberg.de / tolerantes-kreuzberg.de

Eine der Initiatorinnen ist Sylvia Zepfel. Sie lebt schon seit sieben Jahren in dem Kiez. Gestört hat sie sich an den Menschen vom Methadon-Programm noch nie, wie sie NOIZZ gegenüber sagt: „Abhängige aus dem Blickfeld zu räumen, ändert nichts an der Tatsache, dass es sie gibt.”

Gemeinsam mit derzeit rund 20 anderen Anwohner hat sie „Tolerantes Kreuzberg” ins Leben gerufen. Dazu kommen mehr als 100 Menschen, die eine Unterschriftenliste für die Abhängigen unterschieben haben.

Mittlerweile dürften es sogar noch mehr Unterzeichner sein, denn das waren nur die Zahlen nach den ersten 48 Stunden.

Was will „Tolerantes Kreuzberg”?

Die Initiative will, dass die Menschen im Kiez bleiben können und die Methadonpraxis weiterbesteht. „Ein Treffpunkt ist für die Menschen sehr wichtig”, sagt Sylvia Zepfel zu NOIZZ. „Denn die Menschen aus dem Methadon-Programm haben oft ähnliche Erfahrungen gemacht und könnten sich bei solchen Treffen gegenseitig austauschen – und helfen.”

Daher setzt sich die Initiative auch für einen richtigen Treffpunkt für die Abhängigen ein. „Das in der U-Bahn ist ja nur eine Notlösung, weil sie sonst keinen andere Ort haben”, sagt Zepfel. Viele andere Treffpunkte sind in den letzten Jahren gestrichen worden.

Warum setzen sich Menschen für Junkies ein?

„Ich hatte in all den Jahren, die ich hier lebe, am U-Bahnhof noch nie Angst. Mein junger Sohn, der die U-Bahn regelmäßig benutzt, auch nicht”, sagt Sylvia Zepfel.

Stattdessen ist Zepfel nach T.s Klagen im Tagesspiegel mit einem anderen Mitglied der Initiative zu den Menschen in den U-Bahnhof gegangen: „Man kann doch nicht nur über sie sprechen, sondern auch mit ihnen. Das sind doch Menschen, keine Objekte”, sagt sie.

„Mein Eindruck ist ein ganz anderer als der von Frau T. Ich erlebe die Menschen dort als sehr höflich”, schildert Zepfel. „Klar, einer redet auch mal etwas wirr. Aber die anderen beruhigen ihn dann. Das ist ja gut, wenn sie sich als Gruppe helfen können.”

Die Junkies seien zudem nicht nur ein Störfaktor. „Einige haben Seniorinnen beim Treppensteigen geholfen. Erst dachte ich, das machen die jetzt, weil ich zuschaue, aber so war das nicht”, sagt Zepfel. Einige ältere U-Bahnpassagiere hätten die Abhängigen sogar direkt begrüßt.

„Sie meinten dann ‚Gut dich zu sehen, ich hab es heute in den Knien’.” Dann hätten ihnen die Junkies geholfen, die Treppe hochzukommen.

„Die Menschen da sehen vielleicht nicht so gut frisiert aus. Aber ich muss kein Drogenabhängiger sein, um mich daneben zu benehmen”, so Zepfel. Auch der Bankangestellte in der Eckkneipe könne einfach austickten. Es gebe überall gute und schlechte Menschen.

Wie es weitergehen soll

Die Initiative „Tolerantes Kreuzberg” will sich nun mit dem Sozialstadtrat und der Anwohnerin treffen, die gefordert hatte, dass die Junkies weg sollen. „Gemeinsam mit Menschen vom U-Bahnhof, Frau T. und dem Stadtrat sowie noch zwei anderen Initiativen wollen wir versuchen, eine Lösung zu erarbeiten”, sagt Zepfel.

Quelle: Noizz.de