In den USA und weltweit finden gerade Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus statt. Wir haben uns von einem Experten erklären lassen, wie weit- und tiefgehend der Rassismus in den Vereinigten Staaten wirklich ist – von Bildungschancen über Wahl- und Justizsystem bis hin zur Polizei.

George Floyd, Breonna Taylor, Ahmaud Abery, Atatiana Jefferson, Trayvon Martin, Eric Garner, ... – seit Jahren, ja Jahrzehnten, hören wir immer wieder von unbewaffneten Schwarzen, die von der Polizei in den USA getötet wurden. Jetzt sieht sich die USA als Folge dessen vor dem größten Aufstand, den das Land seit Jahrzehnten erlebt hat. Aber bei #BlackLivesMatter geht es um noch so viel mehr als um Polizeigewalt gegen Schwarze. Das Rassismus-Problem der USA ist noch so viel größer – geht noch so viel tiefer.

Rassismus hört nicht beim letzten weißen Beamten auf – im Gegenteil, man könnte fast sagen, da fängt er erst richtig an: Rassismus ist tief verankert in USA. Viel tiefer als auf den ersten, zweiten oder dritten Blick erkennbar. Viele Faktoren sorgen dafür, dass Schwarze Menschen in den USA massiv benachteiligt werden. Um sie besser nachvollziehen und verstehen zu können, wie rassistisch die USA wirklich ist, haben wir mit einem Experten gesprochen.

Prof. Dr. Christian Lammert ist Professor am John-F.-Kennedy Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin und hat uns den institutionellen Rassismus in den USA erklärt.

Ein Schwarzer Fahrgast unter einem Schild mit der Aufschrift "Colored Waiting Room" (Warteraum für "Farbige") an einem Busbahnhof in North Carolina um 1940.

Was versteht man unter "institutionellem Rassismus"?

"Über strukturellen oder institutionellen Rassismus spricht man in den USA, um deutlich zu machen, dass spezifische ethnische Gruppierungen sich strukturellen und institutionellen Barrieren gegenüber sehen, um bestimmte Güter, Dienstleistungen oder Rechte einzufordern", erklärt Professor Lammert gegenüber NOIZZ. Das heißt, dass beispielsweise Wohnraum, Gesundheitsversorgung, Jobs, Bildung und auch Wahlen unter anderem für Schwarze Menschen viel schwerer zugänglich sind – und zwar nicht aus individuellen Gründen, sondern weil die Institutionen und Strukturen des Staates ihnen Steine in den Weg legen.

Wie sieht institutioneller Rassismus in den USA konkret aus?

"Der institutionelle Rassismus zeigt sich insbesondere beim Zugang zu Bildungseinrichtungen und dem Arbeitsmarkt. Das führt zu großen Einkommensunterschieden zwischen Schwarzen und Weißen und höheren Armutsraten bei Schwarzen", erklärt Professor Lammert.

Nach Angaben des "Pew Research Center" aus dem Jahr 2016 sind die USA in vielerlei Hinsicht eine Zweiklassengesellschaft: Demnach sind Schwarze im Durchschnitt mindestens doppelt so häufig arm oder arbeitslos wie Weiße. Schwarze Haushalte verdienen im Durchschnitt kaum mehr als die Hälfte dessen, was der durchschnittliche weiße Haushalt verdient. Außerdem: Während mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Weißen im Alter von 25 Jahren und älter einen Bachelor-Abschluss haben, beträgt der Anteil der Schwarzen nur 23 Prozent.

Ein Teufelskreis, aus dem es kaum ein Entkommen gibt.

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Struktureller Rassismus im Strafrechtssystem

"Durch die geringen Bildung- und Aufstiegschancen werden Schwarze in den USA häufig aus dem regulären Markt und in Parallelwirtschaften gedrängt. Diese sind stark kriminalisiert worden, wie am Bereich der Drogen gezeigt werden kann. Bereits kleinere Vergehen können zu langjährigen Gefängnisstrafen führen", erklärt Professor Lammert. Wer seine Strafe absitzt und ein neues Leben starten will, hat schlechte Karten. Laut dem Experten muss man bei der Bewerbung nämlich angeben, dass man im Gefängnis war. Man habe deshalb "so gut wie keine Chance mehr" auf einen regulären Job.

Professor Lammert bezeichnet es als einen "Teufelskreis, aus dem es kaum ein Entkommen gibt."

Ein "Black Lives Matter"-Protest in New York am Dienstag

Der Experte erklärt: "Überproportional viele Schwarze sitzen in den USA im Gefängnis. Das liegt daran, das bestimmte Handlungen oder Drogen in den USA durch den Gesetzgeber kriminalisiert wurden, die insbesondere in der Black Community konsumiert werden." Eine ganz zentrale Rolle spiele hier das Justizsystem, wie sich in den Inhaftierungsraten der unterschiedlichen ethnischen Gruppen zeige.

Laut Daten des "PewResearchCenter" unterscheidet sich die Demografie der Gefängnisse erheblich von der des Landes insgesamt. Im Jahr 2017 machten Schwarze demnach 33 Prozent der verurteilten Gefängnisinsassen aus – dabei sind nur 12 Prozent der erwachsenen US-Bevölkerung Schwarz. Dagegen machten Weiße 30 Prozent der Häftlinge aus – bei einem Anteil von 64 Prozent an der erwachsenen Bevölkerung. Hispanoamerikaner stellten bei 16 Prozent Bevölkerungsanteil 23 Prozent der Häftlinge.

Struktureller Rassismus im Wahlsystem

"Im Wahlsystem zeigen sich deutliche Tendenzen, Schwarze systematisch von der Chance der demokratischen Teilhabe auszuschließen. Das kann durch spezifische Anforderungen bei der Wählerregistrierung, aber auch durch die Platzierung von Wahllokalen erfolgen", so Professor Lammert. Bei den Präsidentschaftswahlen 2016 gaben 59,6 Prozent der Schwarzen Wähler ihre Stimme ab – gegenüber 65,3 Prozent der weißen.

Im Wahlsystem zeigen sich deutliche Tendenzen, Schwarze systematisch von der Chance der demokratischen Teilhabe auszuschließen.

Laut unserem Experten nicht das einzige Problem: "Es ist gängige Praxis insbesondere in den südlichen Bundesstaaten der USA, Wahllokale in Schwarzen Wohngegenden zu schließen. Ohne Auto und mit einem fehlenden öffentlichen Nahverkehr ist die Chance bei Wahlen teilzunehmen sehr gering."

Hier kommt auch wieder das Justizsystem und die Inhaftierungsrate ins Spiel: Denn wie Professor Lammert erklärt, dürfen Gefängnisinsassen nicht wählen und verlieren in einigen Bundesstaaten sogar ganz ihr Wahlrecht. In anderen Bundesstaaten können Ex-Inhaftierte ihr Wahlrecht nach der Haft neu beantragen, der Gouverneur kann davor allerdings einen Riegel schieben.

Ein Wahllokal in einer Highschool.

Welche Rolle spielt die Polizei?

"In der Polizei zeigt sich der Rassismus ganz deutlich. Das liegt zum Teil an einer fehlenden Repräsentation von Schwarzen und an der schlechten Ausbildung von Polizisten in den USA. Diese dauert im Schnitt sechs Wochen. Zum Vergleich: In Deutschland dauert die Ausbildung drei Jahre", so der Experte.

Wer als Polizist in Kalifornien gefeuert wird, hat keine Probleme in Texas wieder als Polizist anzufangen.

Dazu fehle in den USA die Möglichkeit, rassistische Polizisten aus dem Polizeidienst insgesamt zu bekommen: "Wer als Polizist in Kalifornien gefeuert wird, hat keine Probleme in Texas wieder als Polizist anzufangen. Es gibt keine zentrale Datenbank, in denen solche Fälle festgehalten werden. Die Obama-Administration hat zahlreiche Initiativen gestartet, um dem Problem des strukturellen Rassismus im Polizeiapparat Herr zu werden, Trump aber hat viele dieses Initiativen wieder gestoppt", sagt Professor Lammert.

Wieso ist gerade die USA so betroffen?

"Das hat mit der langen Tradition des Rassismus' zu tun, der bis zur Sklaverei zurückreicht. Selbst nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei haben sich mit dem Jim-Crow-System institutionelle Formen des Rassismus in den USA bis weit in die 1960er Jahre erhalten", sagt der Professor. Fortschritte sähe man es seit der Bürgerrechtsbewegung und -gesetzgebung – "aber die gehen bei Weitem noch nicht so weit, um von einer gelungenen Integration zu sprechen."

Tausende von Amerikanern marschieren am 28. August 1963 bei einer Bürgerrechtskundgebung in der Nähe des Lincoln-Memorials.

Wieso ändert sich nur sehr wenig und langsam etwas?

"Das liegt zum einen am gesellschaftlich tief verwurzelten Rassismus selbst. Zum anderen sind die USA in den politischen Strukturen stark fragmentiert und dezentralisiert, was einheitliche Reformstrategien erschwert", sagt Professor Lammert. Es tue sich allerdings auch einiges Positives, in vielen Bereichen hatten sich die sozialen Aufstiegschancen von Schwarzen auch verbessert. "Das darf aber nicht verdecken, dass die strukturelle Benachteiligung der Schwarzen noch in vielen Bereichen manifest ist."

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Quelle: Noizz.de