Da ist einfach so viel schief gelaufen.

Falls du es verpasst haben solltest: Am Sonntag war in Deutschland Europawahl, und die beiden Regierungsparteien CDU/CSU und SPD haben so schlecht abgeschnitten wie nie. Die Union kam auf insgesamt 28,7 Prozent (2014: 35,3 Prozent), die SPD auf 15,6 Prozent (2014: 27,3 Prozent). Die eindeutigen Wahlsieger sind die Grünen mit 20,7 Prozent (2014: 10,7 Prozent)!

Noch unmissverständlicher ist das Ergebnis bei den jungen Wählern: Bei den unter 30-Jährigen kommt die Union auf nur 13 Prozent, die SPD auf 10 Prozent, die Grünen kommen auf 33 (!) Prozent, die PARTEI auf 8 Prozent (damit ist sie in der Altersgruppe stärker als die AfD und die Linke und gleichauf mit der FDP!). Noch deutlicher sind die Stimmanteile der Erstwähler: Grüne 36 Prozent, Union 11 Prozent, SPD 7 Prozent, die PARTEI 9 (!) Prozent.

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Es sei habe an diesem Sonntag die erste Klimawahl in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland stattgefunden, behauptete Bernd Ulrich in seinem Kommentar in der ZEIT. Die Union und die SPD hätten das Thema vernachlässigt, die Grünen – naturgemäß – besetzt. Und tatsächlich scheinen das auch die Verlierer so zu sehen, betonten sie doch direkt nach der Wahl einmütig, dass sie da Nachholbedarf hätten.

Das fällt euch ja früh ein!, will man ihnen entgegenwerfen, hält dann aber inne, weil man weiß, dass es vergebene Liebesmühe wäre. Sie haben die letzten Wochen nicht zugehört – ach, was: die letzten Jahre bis Jahrzehnte (!).

Ja, Klima war definitiv das Thema, bei dem die "Alten" (Union und SPD) verkackt und die "Neuen" (die Grünen) gepunktet haben. Aber es war nicht nur das. Es war insgesamt ein Alt gegen Neu, ein wir gegen euch – ein Kampf der Generationen und Strukturen, der an den Wahlurnen ausgetragen wurde.

Greta Thunberg und ihre Fridays For Future sowie Rezo und seine YouTuber-Freunde haben ja nicht nur das Thema Klimaschutz auf Platz eins gehievt; an ihrem Beispiel wurde auch eklatant deutlich, wie die einstigen Volksparteien mit dem Jungvolk umgeht – nämlich gar nicht. Union und SPD haben offenbar überhaupt keine Vorstellung davon, wie junge Menschen im 21. Jahrhundert leben bzw. leben wollen, wie sie (darüber) kommunizieren und ihr(e) Ziel(e) zu erreichen gedenken.

Die Regierungsparteien verhalten sich zur Jugend wie Kolonialherren, die auf einen Eingeborenenstamm trifft: Sie hat kein Interesse an ihrer Kultur, will keinen Austausch, will nur sich.

Schon der "Umgang" mit den Fridays-For-Future-Demos war zum fremdschämen dumm. Erst wurden die Schüler gemaßregelt. CDU-Chefin AKK droppte die Aussage, dass sie für ihre Kinder kein Entschuldigungsschreiben unterschreiben würde. Dann, als man merkte, dass das – oh, Wunder! – nicht gut ankam, die erhobenen Zeigefinger die Schüler nicht beruhigten, schwenkte man halbherzig um. Insgesamt waren Zehntausende Schüler und ihr Anliegen abgekanzelt worden. Arrogant, vor der gesamten Nation. Das konnte nicht unbeschadet an der Regierung vorübergehen. Denn Schüler haben erwachsene Geschwister, Eltern, andere Verwandte und Lehrer – die so was natürlich mitbekommen. Am Sonntag werden auch sie reagiert haben.

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Die Reaktion auf Rezo war noch katastrophaler. Wie "dieser YouTuber" abgekanzelt wurde, schlug in dieselbe Kerbe wie die Ignoranz gegenüber Greta Thunberg und Co. Auch hierbei gab es wieder zwei Phasen: Zuerst der Versuch, den YouTuber durch Diskreditierung mundtot zu machen, dann ein ungelenkes, unglaubhaftes, unvollständiges Umschwenken. (Juso-Chef Kevin Kühnert versuchte dann noch geradezu panisch in dieser Sache die SPD zu retten – zu spät. Und wer bei den Sozialdemokraten hört schon auf einen 29-Jährigen?)

Ihr-habt-es-so-gewollt-mäßig veröffentlichte Rezo gemeinsam mit den größten deutschen YouTubern ein gemeinsames Video, in dem sie zum Boykott der Regierungsparteien aufriefen (und implizit zur Wahl der Grünen) – am Freitag vor der Wahl ein absoluter GAU. Und dass Annegret Kramp-Karrenbauer und Co. das wieder nicht verstanden: ein SuperGAU. Ich erspare mir hier die Reaktionen der Polit-"Profis", deren Professionalität man mittlerweile wirklich in Anführungsstriche setzen muss. Stümperhaftigkeit at its best.

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(Ach ja: Themen wie Artikel 13 [Stichwort "Upload-Filter"] und Jens Spahns Abtreibungs-Studie gab es zuvor ja auch noch. Auch hierbei machte man sich bei den jungen Wählern nicht beliebter – im Gegenteil ...)

Selbst nach der Europawahl und ihren desaströsen Ergebnissen distanzierten sich die Regierungsparteien rhetorisch weiterhin von den Fridays-For-Future-Demos und "diesen YouTubern". Sie verstanden es offenbar noch immer nicht: Greta Thunbergs Mitstreiter, Rezos Millionen Follower sind nicht nur die Wähler von morgen, sondern der Seismograf von heute. Sie geben nur wieder, was ihnen von der Generation über ihnen vorgelebt oder zumindest gepredigt wird. Und diese Generation, nennen wir sie meinetwegen Millennials, also die 18- bis 35-Jährigen, haben am Sonntag entsprechend gewählt.

Bei den Erstwählern schnitt die PARTEI nicht deshalb besser ab als die SPD, weil junge Leute auf Satire stehen, sondern weil sie den etablierten Parteien offenbar weniger zutrauen, etwas im Europaparlament zu bewegen als einem Martin Sonneborn. Dieser brachte es in einem der besten Interviews zur Europawahl auf t-online auf den Punkt: "Wir sind eine Partei für intelligente Protestwähler [...]. Die Dummen wählen die AfD."

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Es ist zu befürchten, dass weder die Union noch die SPD ihren Umgang mit jungen Menschen und ihren Themen ändern wird. Das ist vor allem für die SPD schade, die die einzigartige Chance hätte, Themen wie Umwelt, Digitalisierung, Ausbildung, Arbeit und Familie so zu besetzen, dass sie die Millennials ansprechen. So stünden für junge Menschen in Deutschland wieder mehr Parteien zur Wahl. Zur Zeit ist die Auswahl nämlich sehr klein ...

Quelle: Noizz.de