Wir erklären dir, was es mit den #EndSARS-Protesten gegen Polizeigewalt in Nigeria auf sich hat und wie du die Demonstrant*innen unterstützen kannst.

#EndSARS befindet sich seit einigen Tagen in den Trends so ziemlich aller sozialen Medien. Stars von Kanye West über Beyoncé bis John Boyega haben bereits ihre Unterstützung für die Demonstrant*innen in Nigeria ausgedrückt. Was sich genau hinter dem Hashtag versteckt, bei dem viele fälschlicherweise zuerst an das Coronavirus (SARS-CoV-2) denken, scheint vielen hierzulande aber noch ein Rätsel zu sein. Wir haben deshalb die wichtigsten Fakten zu den #EndSARS-Protesten für euch gesammelt.

#EndSARS-Proteste gegen Polizeigewalt in Ikeja, Nigeria

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Was oder wer ist SARS?

SARS ist eine Abkürzung für "Special Anti-Robbery Squad", dem Sondereinsatzkommando der nigerianischen Polizei gegen Raubüberfälle. SARS wurde von der Regierung des Landes in den 1990er-Jahren eingerichtet, um die damaligen hohen Kriminalitätsraten im Land zu bekämpfen. Der ursprüngliche Zweck der Sonderpolizeieinheit war es, bewaffnete Raubüberfälle und andere gewalttätige Diebstähle zu stoppen.

Die Beamt*innen hatten viele Freiheiten, mussten anfangs nicht mal Uniform tragen. Diese Freiheiten ermöglichten es SARS auch nach und nach, den ursprünglichen Zweck der Einheit umzukehren. Die Polizist*innen wurden immer brutaler und schließlich selbst der Tötungen, Folter, Korruption und Raubüberfälle beschuldigt – und das ist noch nicht alles. Wie die Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" seit Jahren dokumentiert, erpressen SARS-Offiziere auch Geständnisse mit Schlägen, Schüssen in die Beine und Scheinexekutionen. Oft wissen Beamt*innen aus anderen Einheiten und Politiker*innen Bescheid.

Um auf die Zielscheibe der "Special Anti-Robbery Squad" zu gelangen, muss man gar kein Gesetz brechen. Alleine wer gut gekleidet ist, ein gutes Auto fährt, ein iPhone hat, tätowiert ist oder sonst irgendwie auffällt, kann von SARS als "Kriminelle*r" verhaftet werden. Insbesondere junge Männer sind von der Schikane und Gewalt durch die Polizei betroffen. SARS ist im Grunde genommen also genau das geworden, was es ursprünglich bekämpfen sollte.

Was war der Auslöser für die Proteste?

Dass in Nigeria genau jetzt nach Jahren der Polizeibrutalität Menschen gegen SARS auf die Straße gehen, hat natürlich auch mit der "Black Lives Matter"-Bewegung aus den USA zu tun. Der konkrete Auslöser waren letzte Woche aber mehrere virale Videos, die von SARS-Beamt*innen ausgehende Polizeigewalt gegen nigerianische Bürger*innen zeigen. Auf einem etwa sind Berichten zufolge SARS-Mitglieder zu sehen, die einen Mann erschießen und dann mit dem Auto des Opfers vom Tatort fahren.

Auch in London gingen Menschen für #EndSARS auf die Straße.

Was sind die Forderungen der Demonstrant*innen?

Die Aktivist*innen fordern ein Ende der Polizeibrutalität und die Auflösung von SARS. Im Detail wollen die Aktivist*innen außerdem Gerechtigkeit für Hinterbliebene der SARS-Brutalität, ein unabhängiges Ermittlungsorgan – und nicht zuletzt auch eine angemessene Gehaltserhöhung für die Polizei, die in Nigeria schlecht bezahlt wird. In letzterem Punkt liegt letztendlich eine große Ursache des Problems der SARS-Polizeigewalt.

Der Protest wird vor allem von jungen Menschen, die in Nigeria übrigens knapp 60 Prozent (Menschen unter 24 Jahren) der Bevölkerung ausmachen, angetrieben. Sie sind nach eigener Aussage auch die Hauptleidtragenden der SARS-Brutalität.

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Wie regierte die nigerianische Regierung und SARS auf die Forderungen?

Die nigerianische Regierung und SARS reagierten zunächst leider so, wie man es auch von anderen Protesten gegen Polizeigewalt kennt: mit mehr Gewalt. Schockierende Bilder von brutalen Polizeieinsätzen gegen friedliche Demonstrant*innen machten in den vergangenen Tagen Schlagzeilen. Die Polizei setzte Wasserkanonen, Tränengas und sogar scharfe Munition ein, um die Demonstrant*innen zu zerstreuen. Laut Berichten von "Amnesty International" hat es bei friedlichen Demonstrationen am Dienstagabend in Lagos – der größten Stadt in Nigerias – nach Schüssen durch Sicherheitskräfte mindestens zwölf Tote und Hunderte Schwerverletzte gegeben.

Wieso ist die "Auflösung" von SARS kein wirklicher Gewinn?

Laut "BBC" wurde SARS eigentlich offiziell bereits am 11. Oktober aufgrund der Proteste und des wachsenden internationalen Drucks von der nigerianischen Regierung unter Präsident Buhari mit sofortiger Wirkung aufgelöst. Allerdings gibt es einen großen Haken: An die Stelle von SARS soll nämlich eine neue Spezialeinheit mit dem Namen "Special Weapons and Tactics" oder "SWAT" treten. Beamt*innen aus der aufgelösten SARS-Einheit sollen einfach in diese neue Gruppe aufgenommen werden. Aktivist*innen lehnen die Entscheidung deshalb ab. Bereits vier Mal zuvor wurde SARS auf dieselbe Weise "aufgelöst", ohne dass sich irgendetwas verändert hätte.

Wie geht es jetzt weiter?

#EndSARS geht weiter. Die Demonstrant*innen sind noch immer auf der Straße. Mittlerweile geht es bei den #EndSARS-Protesten um noch viel mehr als das Ende der Polizeigewalt: Die Demonstrant*innen fordern nun umfassende Reformen in allen Bereichen des nigerianischen Lebens – unter anderem mehr Arbeitsplätze, bessere Schulen, eine bessere Infrastruktur und ein Ende aller Korruption.

Wie kannst du #EndSARS unterstützen?

Um #EndSARS und die nigerianischen Demonstrant*innen zu unterstützen, kannst du Folgendes tun:

  • Bleibe informiert
  • Kläre andere über #EndSARS auf – online und offline
  • Gehe zu Solidaritätsprotesten (Oder wieso nicht selbst einen organisieren?)
  • Spende Geld
  • Fordere selbst ein Ende der Gewalt – zum Beispiel hier

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  • Quelle:
  • Noizz.de