Werden Tiere in Zoos wirklich geschlachtet? Leiden Tiere in Zoos? An wen verkaufen Zoos ihre Tiere und wo kommen die eigentlich her – etwa aus der Wildnis? Wie sieht es aus mit Inzucht, mit Geschäften mit Wildtierhändlern und Versuchslaboren? NOIZZ hat sich die brennendsten Fragen zum Thema Zoo und Tierwohl von einem Experten beantworten lassen.

Was für ein Aufschrei vor zwei Wochen, als der Zoo Neumünster verkündete, Notpläne für Schlachtungen zu erarbeiten, für den Fall, dass es wegen der Corona-Krise an die Existenz geht. Mittlerweile ist klar: Dazu wird es nicht kommen, denn die Zoos dürfen nun wieder öffnen – aber ein bitterer Beigeschmack bleibt. Wie war das noch einmal mit Zoos und Tierwohl?

Das Stichwort "Schlachtung" ruft plötzlich einen gesellschaftlichen Aufschrei und eine Petition mit über 48.000 Unterstützern auf den Plan, aber sonst scheint man sich an der Haltung wilder Tiere hinter Gittern nicht weiter zu stören – oder zumindest nicht weiter darüber nachzudenken. Ist das nicht etwas scheinheilig? Überhaupt, was den nun: Leiden Tiere hinter Gittern? Kann man als Tierfreund ruhigen Gewissens in Zoos gehen? Sind Zoos noch vertretbar?

Wir wollten es endlich wissen und haben jemanden gefragt, der es wissen muss: James Brückner ist Leiter des Referats für Natur- und Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund und stand NOIZZ Rede und Antwort zum Thema Zoos und Tierwohl.

Tiere schauen macht Spaß - aber wie viel Spaß haben die Tiere?

"Fakt ist, dass Zoos ohnehin Tiere immer wieder auch einfach töten."

NOIZZ: Starten wir direkt mit dem aktuellen Diskussionspunkt: Was sagt der Deutsche Tierschutzbund zum Notschlachtplan des Zoos Neumünster wegen Corona?

Brückner: Wir haben es eher als einen etwas drastischeren Hilferuf der Zoodirektorin aufgefasst. Es sind sich alle einig, dass es dazu nicht kommen wird. Die Direktorin hat auch selbst gesagt, es wäre der allerschlimmste Notfall – und jetzt dürfen die Zoos sowieso wieder öffnen.

Wenn so etwas tatsächlich zu Debatte stünde, schreibt das Tierschutzgesetz hierfür eine Prüfung vor, das heißt, man würde erst einmal schauen: Ist so eine Tötung verhältnismäßig? Bei bestimmten Tierarten wäre der öffentliche Aufschrei so groß, dass die Behörden da sicher ganz schnell einen Riegel vorschieben würden. Ich gehe davon aus, dass so etwas in der Realität nicht stattfinden würde.

NOIZZ: Ist das Schlachten von Tieren in Zoos denn grundsätzlich vollkommen ungewöhnlich?

Brückner: Fakt ist, dass Zoos ohnehin Tiere immer wieder auch einfach töten. Zum einen die Tiere, die sie verfüttern – Mäuse, Ratten, aber auch Ziegen und Kaninchen aus dem Streichelzoo zum Beispiel – es gab aber auch schon Fälle, wo Zoos Tiere eingeschläfert haben, die einfach genetisch nicht gepasst haben. Da gab es vor circa 13 Jahren einen Fall im Magdeburger Zoo. Da wurden Tiger-Junge nach der Geburt eingeschläfert, weil man herausgefunden hat, dass der Vater nicht reinrassig und damit für die Zucht unbrauchbar war. Da gab es unter anderem von unserer Seite Anzeigen, die auch zu einer Verurteilung geführt haben, weil es nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist.

NOIZZ: Was ist die grundsätzliche Einstellung des Deutschen Tierschutzbunds zu Zoos?

Brückner: Wir als Verband lehnen Zoos nicht per se ab, aber wir vertreten die Ansicht, dass die Tiere so gehalten werden müssen, wie es ihren Bedürfnissen entspricht. Klar ist: Zoo bedeutet immer eine Einschränkung, weil es nichts mit der freien Wildbahn gemein hat. Unser Fokus liegt darin, dass die Haltungsbedingungen verbessert und Missstände beseitigt werden – da ist der Weg schon noch relativ lang.

Wir sehen die Haltung bestimmter Tierarten im Zoo kritisch. Das sind gerade auch die Tiere, die für die Besucher interessant sind, so genannte Flaggschiff-Tierarten, also Elefanten, Großkatzen, Eisbären, Giraffen und so weiter. Da sehen wir ganz viele Probleme, die auch in den großen Zoos nicht in den Griff zu bekommen sind.

Unserer Ansicht nach sollten sich Zoos verstärkt auf heimische Arten konzentrieren, die sind allein schon besser zu halten, weil sie akklimatisiert sind. Da hat man dann auch den Bildungsaspekt, der immer gern genannt wird. Zudem kann man Artenschutzprogramme so viel besser ausgestalten, weil man die Tiere gegebenenfalls direkt vor der Haustür wieder auswildern kann.

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"Für uns ist grundsätzlich klar, dass bestimmte Arten im Zoo nicht artgerecht gehalten werden können."

NOIZZ: Leiden Tiere im Zoo?

Brückner: Für jeden Einzelfall kann man das nicht so pauschal sagen, aber für uns ist grundsätzlich klar, dass bestimmte Arten im Zoo nicht artgerecht gehalten werden können – zum Beispiel Eisbären, viele Beutegreifer - von Großkatzen angefangen, und auch ganz viele Primaten-Arten. Es ist wahnsinnig schwer, diesen Tieren das zu geben, was sie brauchen. Man kann ein Gehege aber so gestalten, dass die Tiere möglichst viel Raum haben, dass sie Strukturen haben und Reize, die ihnen Beschäftigung geben.

Je nach Tierart geht das aber nur sehr unterschiedlich. Nehmen wir das klassische Beispiel Menschenaffen, wo darüber hinaus noch ein ethischer Aspekt dazu kommt: Von diesen Tieren weiß man, dass sie sich ihrer selbst bewusst sind. Sie sind uns so ähnlich. Sie sind sich ihrer Situation ganz klar bewusst. Das steht für mich fest: Solche Tiere einzusperren ist grenzwertig.

Ich denke bei anderen Arten kann man es schon so gestalten, dass den Tieren nicht so viel fehlt. Es darf aber nicht dahin gehen, dass man Tiere an die Haltung anpasst, sondern die Haltung muss an die Tiere angepasst werden.

NOIZZ: Sie hatten vorhin schon den Bildungsaspekt angesprochen. Was genau ist gemeint und kann man wirklich von Bildung sprechen, wenn teilweise verhaltensgestörte Tiere in Käfigen begutachtet werden?

Brückner: Das ist genau das Problem: Es ist ganz oft so, dass das Verhalten der Tiere im Zoo nicht mehr viel mit dem Verhalten in freier Wildbahn zu tun hat. Deshalb kann man grundsätzlich die Frage stellen: Was lernt der Besucher wirklich? Selbst im Optimalfall ist es immer nur ein eingeschränktes Abbild der Lebensverhältnisse. Es muss auch berücksichtigt werden, dass der reguläre Besucher in den Zoo geht, um Tiere anzuschauen und einen schönen Tag zu verbringen. Das, was die Leute mit nach Hause nehmen, ist relativ begrenzt. Die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die es dazu gibt, sagen dasselbe: Die Leute vergnügen sich, aber nachhaltig ist es, was den Bildungsaspekt angeht, nicht.

Zoo-Schulen, die es gerade in größeren Zoos gibt, können da einen tieferen Einblick geben. Es gibt auch Zoos, die tolle Sachen im Hinblick auf Aufklärung zum Klimaschutz und so weiter machen. Das wird aber nur von einem Teil der Besucher angenommen, ein Großteil fällt da durch das Raster.

Grundsätzlich muss man auch immer hinterfragen: Rechtfertigt es, Tiere so einzuschränken und – platt gesagt – einzusperren, damit die Leute etwas lernen? Das kann es so auch nicht sein.

NOIZZ: Wären staatlichen Subventionen an Zoos letztendlich nicht besser in die Aufrechterhaltung wilder Lebensräume investiert?

Brückner: Was die Zoos mit den Zuchtprogrammen und dem Artenschutz vor Ort leisten, ist noch sehr überschaubar. Der Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) schreibt auf seiner Website, dass die Zoos, die im Verband organisiert sind, 2016 und 2017 4 Millionen Euro im Jahr für den Erhalt der Tiere in den natürlichen Lebensräumen investiert haben. Wenn man überlegt, dass diese Zoos 35 bis 40 Millionen Besucher pro Jahr haben und dann noch Förderung und Spenden bekommen, ist das schon relativ wenig.

"Elefanten, Tiger, Löwen, Menschenaffen, Delfine – [...] die sind für die Auswilderung gar nicht vorgesehen."

NOIZZ: Ist es tatsächlich so, dass Zoos Tiere auch auswildern, also in Gefangenschaft aufgezogen Tiere in die freie Wildbahn entlassen?

Brückner: Es gibt die sogenannten Erhaltungszuchtprogramme: Zoos organisieren sich zusammen und schauen, welche Tiere möglichst wenig miteinander verwandt sind und verpaart werden können. Man schaut, welche Zoos Platz haben, welche Zoos, welche Tiere halten und tauscht dann Tiere aus, um die genetische Vielfalt möglichst breit zu halten. Das Ziel dieser Erhaltungszuchtprogramme ist erst einmal die Art im Zoo zu erhalten – falls es irgendwann möglich wäre, die Tiere wieder auszuwildern.

Bei bestimmten Arten wird tatsächlich ausgewildert. Das Paradebeispiel ist das Przewalski-Pferd, das in Asien und der Mongolei vorkommt. Da gibt es schon lange Auswilderungen, die auch einigermaßen erfolgreich sind. Aber Elefanten, Tiger, Löwen, Menschenaffen, Delfine – all diese Tiere, die nachgezüchtet werden und auch mit Erhaltungszuchtprogramme erhalten werden oder versucht werden zu erhalten – die sind für die Auswilderung gar nicht vorgesehen.

Dennoch gibt es auch gute Projekte: Es gibt Zoos, die zum Beispiel Feldhamster – eine heimische Art – züchten und dann auf den Feldern, wo die Tiere noch vorkommen, aber hoch bedroht sind, auswildern.

NOIZZ: Das heißt, zum Großteil heißt Artenschutz in Zoos momentan, Artenschutz der Tiere in Gefangenschaft – also eine Tierart, die in freier Wildbahn bedroht ist, wird in Gefangenschaft aufrecht erhalten?

Brückner: Genau, so könnte man es sagen. Wie gesagt, es gibt Ausnahmen, aber die sind nicht die Regel.

"Bei Eisbären etwa hat man in den letzten Jahren Tiere aus russischen Zoos geholt. In Russland werden allerdings oft auch verwaiste Eisbären in der Wildnis aufgegriffen und in Zoos gebracht."

NOIZZ: Wie werden Zoo-Tiere eingekauft und verkauft? Kann es vorkommen, dass auch Geschäfte mit Wildtierhändlern, Versuchslaboren und dergleichen gemacht werden?

Brückner: Hier muss man zuerst beachten, dass es wahnsinnig viele Einrichtungen in Deutschland alleine gibt, die als Zoo gelten. Deshalb gibt es auch sehr große Unterschiede darin, wie diese finanziell aufgestellt sind, welche Tierarten sie halten, wo sie die Tiere herbekommen, ob sie züchten oder nicht. Bei den ganz großen Zoos, die auch im VdZ organisiert sind, ist das Problem mit Tierhändlern – Gott sei Dank – mehr oder weniger passé.

Vor ein paar Jahren unter der alten Führung war das im Zoo Berlin noch ein Problem. Da gab es nämlich einen ganz guten Kontakt zu einem sehr fragwürdigen Tierhändler. Da gibt es Hinweise, dass Tiere in der Vergangenheit nicht nur an Zirkusse und an Privatleute gegangen sind, sondern teilweise wohl auch an Versuchslabore.

Bei kleineren Parks oder bei privaten Einrichtungen, die oft am Existenzminimum existieren, passiert es leider immer wieder einmal, dass sie Tiere aus dubiosen Quellen kaufen oder an dubiose Abnehmer geben – beispielsweise dass Tiere aus Safari-Parks, von denen es auch in Deutschland ein paar gibt, an Zirkusleute abgegeben werden.

Dass Tiere aus der freien Wildbahn für Zoos entnommen werden, das gibt es mittlerweile nur noch vereinzelt. Da sind die rechtlichen Voraussetzungen auch ein bisschen strenger. Es wird jedoch mit anderen Mitteln und Wegen versucht, frisches Blut hineinzubringen. Bei Eisbären etwa hat man in den letzten Jahren Tiere aus russischen Zoos geholt. In Russland werden allerdings oft auch verwaiste Eisbären in der Wildnis aufgegriffen und in Zoos gebracht.

NOIZZ: Wie sieht es in deutschen Zoos aus mit Inzucht und der Zucht von überschüssigen Tieren, etwa um Tierbabys präsentieren zu können, für die aber gar kein Platz ist?

Brückner: Zoos haben selbst eine gewisse Futtertier-Zucht. Es gibt Zoos die damit sehr offen umgehen – zum Beispiel der Tiergarten Nürnberg. Da werden auch Gazellen, Antilopen, Hirsche, die sie zu viel haben, getötet und an ihre Raubtiere verfüttert. In Deutschland wäre es aber nicht gestattet, beispielsweise einen Tiger nur zu töten, weil er das falsche Geschlecht hat für eine Zucht.

Nichtsdestotrotz fordern Zoos, dass man Tiere auch einschläfern können muss – wenn sie das falsche Geschlecht haben oder wenn man sie nicht für die Zucht benutzen kann – weil, so sagen sie, möglich viele Nachzuchten von bestimmten Tierarten benötigt werden, damit die genetische Bandbreite erhalten werden kann.

Beim Thema Inzucht ist es auch so, dass es je nach Tierart sehr große Unterschiede gibt. Eisbären wären so ein Fall: In der Vergangenheit gab es Fälle, wo sich eine Eisbär-Mutter mit ihrem Sohn gepaart hat. Das hätte verhindert können, indem man die Tiere einfach trennt und nicht im gleichen Gehege hält. Also Inzucht kommt vor, wird natürlich aber zumindest bei den Erhaltungszuchtprogrammen versucht zu vermeiden.

"Nichtsdestotrotz fordern Zoos, dass man Tiere auch einschläfern können muss – wenn sie das falsche Geschlecht haben oder wenn man sie nicht für die Zucht benutzen kann"

NOIZZ: Wenn man sich trotz alledem dafür entscheidet, einen Zoo zu besuchen, worauf sollte man dann achten?

Brückner: Aus unserer Sicht gibt es an jedem Zoo noch etwas zu verbessern. Wenn man in den Zoo geht, sollte man genau auf die Haltungsbedingungen achten: Sehe ich entspannte Tiere? Sind die Gehege sauber? Wie gehen die Pfleger mit den Tieren um? Gibt es Shows, wo etwa Seelöwen mit einem Ball spielen – was nicht artgerecht ist? Sehe ich Verhaltensstörungen?

Für den Laien ist das natürlich nicht immer leicht zu beurteilen, aber es schadet nicht, mit offen Augen durchzugehen und gegebenenfalls auch Pfleger anzusprechen oder Zoo-Verantwortliche anzuschreiben und zu beschreiben, was einem aufgefallen ist.

Wenn die Öffentlichkeit, die Zoos besucht, kritisch damit umgeht und auch Kritik äußert, dann ist ein Wandel zu mehr Tierschutz im Zoo besser und schneller zu erreichen, als wenn es nur von Tierschutzorganisationen kommt.

Anm. d. Red.: Der Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) wurde ebenfalls für ein Interview angefragt, hat jedoch auf die Anfrage bislang nicht reagiert.

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  • Quelle:
  • Noizz.de