Studien über Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt gibt es zuhauf. Doch die Empörung bleibt klein. Was bewegt, sind Einzelschicksale: Yasemin hat uns von ihrem persönlichen Bewerbungs-Experiment erzählt – das erschreckend gut funktionierte.

Wer in Deutschland Mehmet heißt und nicht Max, hat schlechte Karten. Das hören wir immer wieder: in der Schule, auf dem Wohnungsmarkt und bei der Suche nach einem Job. Zahlreiche Studien belegen, was Tausende Deutsche mit Migrationshintergrund schon lange vermuten.

"Bitte keine Araber"

Anfang des Jahres sorgte ein Diskriminierungsfall für besonders viel Aufmerksamkeit: Ein Mann bewarb sich auf ein Praktikum bei einem Berliner Architekturbüro und erhielt eine Absage-Mail, die eigentlich nicht für ihn, sondern für eine Mitarbeiterin des Unternehmens bestimmt war – mit der Aussage "bitte keine Araber". Der Bewerber postete einen Screenshot der Mail auf Facebook – was folgte, war ein angemessener Shitstorm.

Screenshot der rassistischen Absage-Mail

Doch wenn seit Jahren Studien zum Thema Diskriminierung aufgrund des Namens existieren – warum war die Empörung dann so groß? Die einfache Erklärung: Studien, Zahlen und Fakten empören nur selten so, wie persönliche Schicksale. Mit gesichtslosen Studienteilnehmern, deren erfolglose Bewerbungsversuche aufgelistet werden, fühlen wir kaum mit. Mit Menschen, die ihre Wut und Traurigkeit über die erfahrene Diskriminierung in den Sozialen Medien teilen, schon.

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Genau das hat Yasemin getan. Die 28-Jährige lebt in Nordrhein-Westfalen und verlor durch die Corona-Krise ihren Job. Damit fiel nicht nur ein kleiner Nebenverdienst aus – sondern ihr komplettes Einkommen. Einen neuen Job zu finden war plötzlich von existenzieller Bedeutung. Fast drei Monate lang schrieb sie eine Bewerbung nach der anderen – was zurückkam, waren Absagen oder gar nichts. Vor drei Wochen war der Frust so groß, dass sie ein Selbstexperiment startete – das erschreckend gut funktionierte.

Im Interview mit NOIZZ erzählte sie von ihrer Erfahrung:

Zwei Namen – eine Bewerbung

NOIZZ: Du hast auf Twitter von einem kleinen Experiment bei der Jobbewerbung geschrieben – was genau hast du denn da gemacht?

Yasemin Toprak: Für eine Stellenausschreibung als Verkäuferin in der Textilbranche habe ich zweimal ein und dieselbe Bewerbung eingereicht – nur mit zwei verschiedenen Namen. Einmal "Lisa Schmidt" und einmal "Yasemin Toprak" – mein tatsächlicher Name. Auf Fotos habe ich bei beiden Bewerbungen verzichtet und auch sonst war alles gleich: derselbe Lebenslauf, dasselbe Motivationsschreiben, dasselbe Layout, sogar dieselbe E-Mail-Adresse. Und zu dieser Adresse kamen vor einer Woche zeitgleich eine Zusage und eine Absage. Die Zusage für Lisa, die Absage für Yasemin.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Fehler oder Zufall war. Denn es war die gleiche Sachbearbeiterin, die mir beides geschickt hat, die beide Bewerbungen gelesen oder zumindest geöffnet hat. Dass beide Bewerbungen eingegangen sind und geöffnet wurden, wurde mir über das Bewerbungsportal mitgeteilt.

War es eine Überraschung für dich, dass "Lisa" die Zusage bekommen und nicht "Yasemin", also du?

Y. T.: Ein bisschen hatte ich schon damit gerechnet – aber so wirklich glauben wollte ich es vorher nicht. Ich hatte zwar schon häufiger von Bekannten und Verwandten gehört, dass sie wegen ausländisch klingender Namen nicht zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Konkret hatte ich bisher aber nie den Beweis, dass meine Bewerbungen wegen meines Namens abgelehnt werden, wie die Erzählungen meiner Verwandten und eigene Erfahrungen nahelegen. Diese Vermutung, aus rassistischen Gründen abgelehnt zu werden, ist immer unterschwellig, das bemerkt nur die betroffene Person und hat im Zweifel keinen Beweis dafür. Diesen Beweis habe ich jetzt Schwarz auf Weiß. Überrascht hat es mich nicht, erschrocken aber schon.

Was hast du getan, nachdem du die beiden E-Mails des Unternehmens bekommen hast?

Y. T.: Ich habe denen eine Mail geschrieben und sie mit der Tatsache konfrontiert, dass Lisa und Yasemin ein und dieselbe Person sind. Und ich habe die Frage gestellt, was für sie genau den Unterschied gemacht hat, ob mein Name für sie zu ausländisch klingt. Da habe ich natürlich keine Antwort drauf bekommen.

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Möchtest du weiter dagegen vorgehen oder zumindest die Chefetage der Firma damit konfrontieren?

Y. T.: Ich hatte darüber nachgedacht, aber ich denke, das lasse ich lieber. Ich habe schließlich einen falschen Namen benutzt und ich weiß nicht, ob das Unternehmen mich dafür belangen will, wenn ich ihnen zu nahe trete. Außerdem würde die Firma sicherlich auch nie zugeben, dass das Problem strukturell und mein Fall kein Zufall war. Ich habe Angst, dass, wenn ich gegen die Firma juristisch vorgehe, ich in eine Ecke gedrängt werde, in der im Nachhinein ich die Schuldige bin. Ich will ja niemandem Schaden, sondern nur den angerichteten Schaden aufdecken.

Wie waren die Reaktionen auf Twitter?

Y. T.: Es haben wirklich viele Leute kommentiert, überwiegend positiv. Die meisten haben nicht angezweifelt, dass mir das wirklich passiert ist. Aber natürlich gab es auch die Personen, die einerseits die ganze Geschichte angezweifelt haben und andererseits behauptet haben, die ganze Sache sei nur Zufall gewesen. Manche Leute wollen einfach nicht glauben, dass es strukturellen Rassismus gibt und das kann ich auch verstehen – es ist einfach so absurd, jemanden wegen seines Namens abzulehnen. Aber es ist leider Realität.

Wie reagierst du auf Leute, die leugnen, dass struktureller Rassismus existiert?

Y. T.: Ich gehe immer gerne in die Diskussion und versuche zu Verstehen, warum mein Gegenüber das nicht glaubt. Aber leider haben sich viele Leute schon für ihre Meinung entschieden, ohne eine Diskussion einzugehen. Meine Erfahrungen tun sie dann mit Sätzen ab wie "Das ist doch alles nicht so schlimm" und "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, mach dein Leben nicht von anderen abhängig". Dass einem durch den Namen aber Steine auf den Lebensweg gelegt werden, das bedenken sie nicht.

Was könnte deiner Meinung nach gegen Rassismus in Einstellungsverfahren helfen?

Y. T.: Ich finde die Forderung nach anonymisierten Bewerbungen gar nicht schlecht. Dass häufig keine Fotos mehr verlangt werden, ist schon ein Anfang, dass aber Geschlecht und Name in Bewerbungen stehen, führt zu Fällen wie meinem. Denn diese Faktoren sagen ja in den meistens nichts über die Eignung für einen Beruf aus, es sei denn, es wird speziell nach einer Person mit Merkmalen gesucht, die sie für den Job qualifizieren.

Anm. der Redaktion: Kurz nach der Absage des Textilunternehmens hat Yasemin eine Zusage für einen anderen Job bekommen.

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Quelle: Noizz.de