Dieser Mann arbeitet für die "Achse des Bösen"

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Ohne schlechtes Gewissen? Andreas Geiger arbeitet als Lobbyist Foto: privat

So verteidigt ein Lobbyist seinen Job.

Zu seinen Kunden gehört, wie er selbst sagt, die „Achse des Bösen“: Eine Plastikfirma, die Tabak- und Glücksspielindustrie. Andreas Geiger ist Lobbyist und Anwalt der Kanzlei „Alber & Geiger“ mit Büros in Berlin und Brüssel. Er beeinflusst EU-weit Politiker, um Gesetze zum Vorteil seiner Kunden zu verändern. Ein Gespräch über den Alltag in seinem Job, persönliche Konflikte und die Grenzen seiner Arbeit.

NOIZZ: Herr Geiger, würden Sie für jeden arbeiten?

Andreas Geiger: In dieser Absolutheit gibt es eigentlich nie etwas, was richtig oder falsch ist. Je tiefer Sie einsteigen, desto mehr stellen Sie fest, dass es für all die Dinge, die existieren, irgendwann mal eine Rechtfertigung gab.

Also in jedem Bösen steckt etwas Gutes?

Geiger: Ja, Dinge, die heute als etwas Böses gelten, sei es die Plastiktüte, die Atomindustrie oder das Rauchen, galten mal als gut oder gelten bis heute anderswo als gut. Es sind halt nur Zeitgeist- Initiativen. In 50 Jahren hat sich doch die Welt nicht gedreht. Man sollte den Leuten nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben.

Würden Sie auch für die Waffenlobby in den USA arbeiten?

Geiger: Naja, die Amerikaner sind der festen Überzeugung, dass sie Waffen brauchen. Wenn es die Mehrheit der Bevölkerung und sogar die Regierungsmehrheit will, dann würde ich es machen. Die Interessenlage in der Gesellschaft ist wichtig.

Mittlerweile wollen immer mehr Amerikaner schärfere Waffengesetze.

Geiger: Ja, aber das ist nur ein Teil der Gesellschaft. Es wird immer viele Amerikaner geben, die Waffen wollen, und die haben auch das Recht, ihre Interessen vertreten lassen zu können. Außerdem würde ich Umfragen zu Waffengesetzen kurz nach dem Amoklauf von Parkland nicht unbedingt glauben. Menschen entscheiden in solchen Momenten anders.

Einer Ihrer Kunden war ein Hersteller von Plastiktüten. Für Ihn haben Sie gegen das EU-Plastiktüten-Verbot gekämpft – erfolgreich. Finden Sie Plastik gut?

Geiger: Zumindest nicht schlechter als die Alternativen. Keiner hat sich wirklich Gedanken gemacht, was ein Verbot für die Menschen im Alltag bedeuten würde. Biologisch abbaubare Plastiktüten zum Beispiel sind nur zu 30 Prozent wirklich abbaubar und Stoffbeutel muss man mehr als 100 Mal ungewaschen nutzen, damit sie die gleiche Ökobilanz wie Plastiktüten haben. Alle Alternativen sind also katastrophal.

Waren Sie schon der Meinung, bevor der Plastiktütenhersteller Ihr Kunde wurde?

Geiger: Nein. Je tiefer Sie in das Mandat einsteigen, desto mehr lernen Sie über das dahinterliegende Problem. Und umso mehr verstehen Sie auch die Argumente und warum sie Sinn machen.

Übernehmen Sie also die Meinung Ihrer Kunden?

Geiger: Nein, wir bilden uns unsere eigene Meinung basierend auf den Informationen, die wir uns besorgen.

Und wenn Ihre persönliche Meinung dann anders ist, als die Ihres Kunden?

Geiger: Man muss dann Privates und Berufliches trennen. Ich bin zum Beispiel Nichtraucher und habe aber keine Schwierigkeiten für die Tabakindustrie zu arbeiten. Es spielt keine Rolle, ob ich persönlich für oder gegen das Rauchen bin.

Ist das kein persönlicher Konflikt?

Geiger: Ich trage ja nicht dazu bei, dass alle Menschen rauchen sollen. Ich setzte mich nur dafür ein, dass gewisse Dinge beim Rauchen nicht verboten werde, Werbung zum Beispiel.

Wie nähert man sich zum ersten Mal einem Abgeordneten? Rufen Sie an und sagen „Tag, ich bin's, Herr Geiger“?

Geiger: Zuerst muss man sich das Problem des Mandanten anschauen und sich Argumente überlegen. Wir schicken dann eine erste E-Mail an die jeweiligen Abgeordneten. Zum Beispiel bei unserem Kunden aus der Tabakindustrie gehen dann Emails an den Ausschuss Gesundheit oder in den Rechtsausschuss.

Wie läuft ein Treffen ab, wo findet das statt?

Geiger: Wenn man sich gar nicht kennt, stellt man sich erstmal vor, macht Smalltalk. Ganz normal. Ich habe eigentlich noch nie einen Fall erlebt, wo sich jemand außerhalb seines Büros mit mir getroffen hätte. Ein Mandant würde sich damit wahrscheinlich unwohl fühlen und der Politiker definitiv auch, weil er damit in Verruf kommt könnte.

Bringen Sie dem Abgeordenten etwas mit?

Geiger: Ich habe das noch nie erlebt, dass Geschenke gemacht werden. Das wäre eher kontraproduktiv. Nämlich, dass die Botschaft, die wir bringen, allein nicht genug wert ist.

Aber viele Ihrer Kollegen machen das.

Geiger: Also in Brüssel nicht. In Berlin ist die Entwicklung noch etwas zurückgeblieben. Man hört sowas immer mal wieder, dass Politiker zu Weihnachten eine Flasche Wein zugeschickt bekommen. „Politische Landschaftspflege“ nennt man das dann. Aber ich persönlich habe das noch nie erlebt und halte es für total daneben.

Mögen Sie die Abgeordneten, die Sie treffen? Es heißt häufig, Lobbyarbeit funktioniere vor allem durch persönliche Beziehungen.

Geiger: Nein. Man muss sich nur in der Sache verstehen. Ich kenne einige Abgeordnete, mit denen verbindet mich gar nichts. Mit persönlichen Vorzügen hat das Geschäft recht wenig zu tun. Weder die Abgeordneten noch die Unternehmen haben darauf Lust. Es ist natürlich schön, wenn die menschliche Atmosphäre dazu passt, aber Freunde sind die wenigsten untereinander.

Warum treffen sich die Politiker mit Ihnen? Die Informationen, die Sie mitbringen, sind stark von den Interessen Ihres Kunden gefärbt.

Geiger: Weil sie von niemandem so konkret und kurz Informationen bekommen wie vom Markt. Die Politiker fragen lieber direkt an der Quelle, statt eine weichgespülte Bandbreiten-Darstellung von einer Universität zu bekommen. Die machen sehr lange und grundlegende Papiere. Niemand hat die Zeit, das zu lesen. Unser Papier ist eine Seite, 10 Bulletpoints. Politiker sollten sich immer die harten Fakten besorgen - von der Industrie sowie von den NGO’s. Dann kennen sie beide Seiten des Konflikts, können sie gegeneinanderhalten und sagen: Da besteht Deckungsgleichheit oder da ist ein Widerspruch.

Viele Menschen und Unternehmen haben gar keine Lobby, die sich für ihre Interessen einsetzt. Ist das nicht unfair?

Geiger: Die haben wahrscheinlich kein Budget, ja. Aber ich habe noch keine wirklich gute Idee erlebt, die nicht von selbst zu Geld gekommen wäre. Da stellt sich die Frage nach der Rechtfertigung dieser Leute. Wenn sie eine gute Idee haben, werden sie sie schon auf die Straße bringen.

Und die NGO’s, die gar nicht zu Geld kommen wollen? Sondern sich zum Beispiel für Menschenrechte einsetzen?

Geiger: NGO’s sind genauso Lobbyorganisationen, Amnesty International und Greenpeace zum Beispiel. Die haben zum Teil sehr viel Budget und weil sie von der Bevölkerung als Gutmenschentum angesehen werden, treffen sich die Politiker auch häufig mit ihnen.

Wie fühlt es sich an, immer der Bittsteller zu sein?

Geiger: Ich sehe mich nicht so. Ich sehe mich als Ideenlieferant. Mir wird ja nicht die Tür vor der Nase zugehauen nach dem Motto: Um Gottes Willen, nicht schon wieder. Das ist keine Unten-Oben-Situation, wo Sie sich komisch fühlen müssten. Sie sind ja nicht klinkenputzend unterwegs oder verkaufen Staubsauger. Aber auch da würde ich sagen: Wenn die Leute Staubsauger brauchen, dann helfe ich ihnen dabei.

Quelle: Noizz.de

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