"Es ist nicht meine Schuld / weder wo ich war / noch was ich trug."

"Der Vergewaltiger bist du!", rufen sie und strecken ihre Finger anklagend nach vorne. Die Wut in ihren Augen kann man nur erahnen – denn sie tragen Augenbinden. Der Protestsong "Un Violador en Tu Camino" – "Ein Vergewaltiger auf deinem Weg" – aus Chile geht gerade viral. Und das nicht nur im Internet: Nachdem die Videos der Gesangs- und Tanzperformance bekannt wurden, führten Frauengruppen in Mexiko, Kolumbien, Frankreich, Spanien und Großbritannien sie ebenfalls auf.

Hier ist ein Zusammenschnitt der Videos:

Die Performance klagt die sogenannte Vergewaltigungskultur an, also das aktuell herrschende Klima in vielen Ländern, das Vergewaltigung mindestens toleriert, wenn nicht sogar hervorbringt. Außerdem singen die Frauen über Victim Shaming, also das Beschuldigen von Vergewaltigungsopfern anstatt der Täter.

Uraufgeführt wurde die Performance Ende November, als der landesweite Aufstand gegen die soziale Ungleichheit in Chile schon im zweiten Monat stattfand. Sie basiert auf der Arbeit der argentinischen Theoretikerin Rita Segato, die sagt, sexuelle Gewalt sei ein politisches Problem, kein moralisches.

Im Text des Songs beschreiben die Frauen, wie Institutionen – Polizei, Justiz und politische Machtstrukturen – systematische Verletzungen der Frauenrechte durchsetzen: "Der Vergewaltiger bist du / Es sind die Bullen / Die Richter / Der Staat / Der Präsident."

In einem anderen Abschnitt wehren sich die Frauen gegen die Vorwürfe, selbst an ihrer Vergewaltigung Schuld zu sein. Sie singen: "Und es ist nicht meine Schuld / weder wo ich war / noch was ich trug", bevor sie wieder mit dem Finger geradeaus zeigen und rufen: "Der Vergewaltiger bist du!"

In einem Teil des Liedes hocken die Teilnehmerinnen in einer Position, die weibliche Demonstrantinnen bei ihrer Verhaftung einnehmen müssen. "Es ist eine einfache Form der Folter und Bestrafung, die von der chilenischen Polizei durchgeführt wird", sagte Paula Cometa, Mitglied der feministischen Theatergruppe Lastesis aus Valparaíso, die den Song schrieb.

Berüchtigter Aufführungsort

Die größte Aufführung des Protestsongs fand am Donnerstagabend vor dem Nationalstadion von Santiago statt. Der Ort ist natürlich nicht zufällig gewählt: Das Gebäude ist dafür berüchtigt, dass es nach dem Militärputsch von 1973, bei dem der Augusto Pinochet an die Macht kam, als Gefangenenlager und Folterzentrum genutzt wurde. In einem offiziellen Bericht über die Menschenrechte während der Diktatur wurde festgestellt, dass fast jedes der befragten weiblichen Opfer sexuelle Gewalt in irgendeiner Form erlitten hatte.

Die Aufführung führte Tausende von Frauen zusammen – darunter auch ältere Chileninnen, die die Diktatur selbst durchlebten.

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Quelle: Noizz.de