Johannes Vogel, der 35-jährige Bundesvorstand der Liberalen, hat ihm in der ZEIT geantwortet.

Die längste Zeit hatten wir geglaubt, Hipster gäbe es gar nicht mehr. Wir glaubten, sie seien ausgestorben – denn eigentlich ist doch heute jeder mehr oder weniger Hipster. Der Hipster ist im Mainstream angekommen, ist – selbst in der tiefsten Provinz – keiner mehr, nachdem man sich umdreht (wie ich bereits vor drei Jahren auf fudder.de festgestellt habe).

Mitte letzter Woche erweckte der CDU-Spitzenpolitiker Jens Spahn, 37, den Hipster dann wieder zum Leben – und seitdem geistert er broken English sprechend durch die Cafés von Berlin-Mitte. „One filter coffee, please.“ Ein Zombie, der weiße Nike Air Max trägt, Supreme-Shirt und Fjällräven-Rucksack. Jens Spahn findet das schlimm und forderte in der ZEIT: „Sprechen Sie doch deutsch!“

Dafür hat ihn das gesamte deutsche Internet mit Spott überschüttet.

Offenbar am Wochenende, also mit ein paar Tagen Verspätung, ist die FDP darauf gekommen, dass das doch ein super Thema sei, um junge, hippe Stimmen zu gewinnen – quasi eine Verlängerung der neuen Deichkind'esken Partei-Optik. Und so schleuderte FDP-Johannes (man ist per Du) dem neuen Erzfeind der wiederauferstandenen Hipster Montagnachmittag auf ZEIT ONLINE ein cooles, kosmopolitisches (weil englisches) „Come on, lieber Jens!“ entgegen.

Ich musste erst mal googeln, wer dieser Johannes Vogel überhaupt ist. Bundesvorstand der FDP, ja, daran erinnerte ich mich irgendwie. Aber wie sahen seine letzten 20 Jahre aus? Und vor allem: Wie sieht er selbst aus? Wie tickt ein 35-jähriger FDP-ler, der Hipster verteidigt?

Meine 15-minütige Recherche führte zu folgendem Ergebnis:

1. FDP-Hipster-Verteidiger Johannes Vogel hat zwar den langweiligen, unhipsterigen Lebenslauf eines klassischen Politikers; dieser enthält aber dennoch eine Handvoll urbaner Hashtags.

Zum Beispiel fährt er Carsharing-Autos (mittlerweile vielleicht sogar Elektro-Roller), schaut TV-Serien wie „Homeland“ und „Borgen“ und hat einen Instagram-Account, aus dem zu Beispiel hervorgeht, dass er neulich in der wirklich coolen Koudelka-Ausstellung im C/O Berlin war. Außerdem postet der liberale Foodie dort Essensfotos und ungestellte Selfies. (Jens Spahn hat auch einen Instagram-Account – allerdings mit 0 Beiträgen.)

2. Weder auf seinen offiziellen noch auf seinen privaten Fotos sieht Johannes Vogel so aus, dass man ihm die Zukunft des deutschen Hipstertums in die Hände legen würde. Selbst in seinem legersten Freizeitlook würde er in Kreuzkölln auffallen wie ein Salafist in Nordwestmecklenburg.

Inhaltlich ist Vogels Text okay. Erstens seien unsere Großstädte durch Erasmus und Schengen international geworden und dadurch sei Englisch oft unumgänglich – auch in Cafés, Bars und Restaurants. Zweitens würde Englisch die Landessprache(n) nicht ersetzen, sondern diese nur ergänzen. Drittens würden junge Leute aus der ganzen Welt immer unter sich bleiben – das sei nichts Besonderes und kein Problem. Und viertens habe das ganze Thema nichts mit Integration zu tun.

Der schöne Abschluss einer Diskussion, die die Filterblase mit einer sehr grundlegenden Frage zurücklässt: Wozu? Wem hat die Quatschdebatte irgendwas gebracht? Hat Spahn dadurch neue Konservative für die CDU gewonnen? Und Vogel junge Kreative für die FDP? Wohl kaum – vielleicht kennen jetzt ein paar mehr von uns die Namen und Gesichter der beiden Duellanten.

Der Leidtragende ist mal wieder ein anderer: der Hipster, der es sich in seinem Grab gerade so schön gemütlich gemacht hatte. Er hat sich umgedreht, aufgeschaut und gefragt: „Wer zur Hölle besudelt da mein Andenken?“ Leichenfledderei hat selbst er nicht verdient.

Quelle: Noizz.de