Warum, hat uns ein Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands erklärt

Okay, über die Bundeswehr lässt sich streiten. Immerhin muss man dort bei Einsätzen auch zur Waffe greifen – und im Zweifelsfall auch töten. Nun bekommt sie die Truppe jedoch Lob vom Lesben- und Schwulenverband. Denn neuerdings dürfen auch HIV-infizierte Menschen Berufssoldat*innen werden.

Derzeit gibt es etwa 85.000 HIV-Erkrankte in Deutschland. Eine ganz schöne Menge. Doch während die Rechtssprechung schon 2013 explizit festlegte, dass niemandem wegen einer HIV-Erkrankung gekündigt werden darf, war die Bundeswehr davon rechtlich ausgenommen.

NOIZZ hat mit Markus Ulrich, dem Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) gesprochen. Der Verband setzt sich für die Rechte von Schwulen und Lesben ein, aber auch für mehr Akzeptanz beim Thema HIV.

Herr Ulrich, warum ist die Aufhebung des Berufsverbots für HIV-Erkankte bei der Bundeswehr ein guter Schritt?

Alles andere wäre eine unsinnige Diskriminierung. Es darf keine pauschalen Berufsverbote für HIV-positive Menschen geben. Da die Bundeswehr die einzige verbliebene Ausnahme in Deutschland war, ist es gut, dass sich das ändert.

Eine HIV-Infektion stellt keinen grundsätzlichen Hinderungsgrund für die Einstellung, Dienstzeitverlängerung und Übernahme in den Status Berufssoldat*in dar.

Aber bei Soldaten gibt es ja, anders als bei vielen anderen Berufen, durchaus die Möglichkeit, mit Blut in Kontakt zu kommen. Muss man sich da nicht sorgen?

Nein, es gibt heute sehr gute HIV-Medikamente, die die Viruslast unter die Nachweisgrenze senken. Wenn jemand unter dieser Grenze liegt, ist er nicht mehr infektiös. Das heißt: Durch die Therapie sinkt das Übertragungsrisiko im Alltag unter normalen Sicherheitsvorkehrungen gegen Null. Auch bei kondomlosen Sex würde das Virus nicht weitergegeben.

Und selbst ohne Medikamente ist eine Übertragung durch Blut schwierig. Kleine Wunden reichen für eine Übertragung nicht. Jemand müsste man seine offene Wunde in einer offenen Wunde von jemand anderem herumreiben, um sich zu infizieren. Wie gesagt mit Medikamenten gäbe es auch in dieser Situation kein Übertragungsrisiko. Wenn jemand unter der Nachweisgrenze ist, ist er nicht mehr infektiös.

Auch wenn es mittlerweile gute Medikamente gibt, erleben Erkrankte oft Ausgrenzung Foto: Welt Aids Tag 2016 / BZgA

Und wenn man beim stressigen Einsatz mal eine Tablette gegen die Krankheit vergisst?

Auch dann muss man sich nicht so stressen. Denn nur von einem Mal Vergessen ist der Effekt nicht gleich Null. Außerdem sind die Menschen, die das Medikament nehmen, meistens sehr verantwortungsvoll. Es geht ja auch um ihre Gesundheit.

Es klingt ja, als sei ein weiteres Stück Gleichberechtigung für Erkrankte erreicht worden. Ist jetzt alles gut für HIV-Infizierte?

Nein, leider nicht. Sie dürfen zwar, wie gesagt, offiziell nicht diskriminiert werden. Auch die Frage nach HIV ist dem Arbeitgeber nicht erlaubt. Aber Diskriminierung gibt es. Wenn der Arbeitgeber kündigen will, lässt sich irgendein anderer Grund vorschieben. Wie weit verbreitet Ängste bezüglich HIV noch sind, sieht man wenn man sich zum Beispiel selbst fragt „Würde ich einen HIV-positiven Menschen daten?”. Da könnte sich schon noch einiges verbessern.

Quelle: Noizz.de