Der Schwarze Block braucht dringend ein Update

Manuel Lorenz

Redaktionsleiter NOIZZ.de
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In den Köpfen der Vermummten ist lang nichts mehr passiert ...

Ich bin fassungslos. Über die Gewalt, die schwarz gekleidete Vermummte auf die Hamburger Straßen getragen haben. Aber vor allem auch darüber, wie rückständig ihr Weltbild ist – und damit einhergehend ihre Kriegsführung.

Gewalt gegen Gegenstände? Seriously? In einer Zeit, in der Menschen nicht(s) mehr besitzen wollen, sondern alles nur noch ausleihen oder streamen? Schon mal was von Carsharing gehört? Ebooks? Bitcoins? Spotify?

Der Schwarze Block kommt mir vor wie ein Windows-Rechner, der immer hardcore abgewürgt wurde, obwohl auf dem blauen Bildschirm stand: „Schalten Sie den Computer nicht aus. Installiert wird Update 1 von 51 …“

Das Schicksal des Schwarzen Blocks erinnert an dasjenige des Rittertums. Dieses bildete ja lange den „Wehrstand“ und spielte im Krieg eine tragende Rolle. Aber dann, im Spätmittelalter, kamen die Söldner: Soldaten, die Geld mit dem Kämpfen verdienten. Und, schwups!, brauchte man die Ritter nicht mehr – ihre Helme, Schilde, Schwerter und Lanzen. Diese zeigten sie fürderhin auf Ritterturnieren, die Showkämpfen glichen.

Und was sind die Krawalle des Schwarzen Blocks anderes als solche Ritterturniere? Folklore mit Farben und Flaggen und Sprüchen, die sich an der Vergangenheit berauscht und dabei komplett übersieht, dass sie im Kampf gegen den Kapitalismus (sic!) keine tragende Rolle mehr spielt. Ob der Schwarze Block oder die Polizei die (Straßen-)Schlacht gewinnt, hat auf die Wirklichkeit keine Auswirkung.

Der Schwarze Block braucht dringend ein Update. Er sucht sich nicht nur die falschen Gegner aus und bekämpft diese auf die falsche Art und Weise; er hat außerdem nicht mitbekommen, dass er gänzlich überflüssig ist, weil seine Ziele längst Mainstream sind.

Er richtet seine Gewalt gegen Autos und Geschäfte, gegen Mercedes, VW und Ikea. Dabei sind die Global Player der Gegenwart (und vor allem der Zukunft) doch Firmen wie Google, Facebook und Netflix.

Firmen, die unser Leben mehr beeinflussen und mehr Macht über uns haben als die ollen, alten Kräfte. Firmen, gegen die man mit Fäusten nicht ankommt. Dazu bedarf es anderer Waffen. Digitale Pflastersteine. Molotow-Cocktails aus Einsen und Nullen.

Und wenn schon Audi, wenn schon Rewe, dann doch bitte global, statt lokal! Autos sind schnell wieder gekauft, Läden schnell wieder aufgebaut. Wenn der Schwarze Block wirklich schaden wollen würde, müsste er von Pros wie Putin lernen – Stichwort: Cyberkrieg. Im Internet gilt es, sich aufzurüsten!

Dort gibt es allerdings namhafte Konkurrenz: das Hacker-Kollektiv Anonymus mit seinen Guy-Fawkes-Masken.

Aber eigentlich kann der Schwarze Block sich all diesen Aufwand sparen. Denn: Er ist genauso Mainstream geworden wie Biofleisch und Ökostrom. Die Schattenseiten des Kapitalismus finden wir doch alle super scheiße. Wir haben doch alle ein schlechtes Gewissen, wenn wir daran denken, wo unser iPhone herkommt. Oder sein Lithium-Ionen-Akku. Oder die Avocado von heute Morgen. Nationalismus finden wir auch doof – spätestens nach unserem Erasmus-Jahr. Und von Polizisten wollen wir uns auch nichts sagen lassen.

Aber wer wird denn deshalb gleich eskalieren? Wir sind doch kein dreijähriges Kleinkind mehr.

Nein. Der Schwarze Block braucht wirklich ein Update. Und Update heißt in diesem Fall: „In den Papierkorb legen.“

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