Der Rapper ist nicht mehr tolerierbar.

Kanyes Besuch bei Präsident Trump im Weißen Haus gehört definitiv in die Kategorie „Was zur Hölle ist hier gerade passiert?“ – außer Kanye scheinen das auch alle Anwesenden zu finden. Aber von so was lässt Ye sich natürlich nicht von seiner Mission abbringen – und diese ist: reden!

In einem nicht enden wollenden Monolog springt Mr. West ohne erkennbares Muster von Thema zu Thema: Rassismus, Mafia Bosse in Chicago, Kanyes Psyche, Kopfbedeckungen, Steuern, Flugzeuge und vor allem seine uneingeschränkte Liebe zu Donald Trump. Letzterer saß Kanye zwar mit selbstgefälliger Miene gegenüber – unter seinem orangefarbenen Haar ließ sich aber dennoch der Hauch von Verwirrung ablesen. Wer kann es ihm verdenken?

"Meine eigenen Freunde wollten mich davon abhalten, dieses Cap zu tragen", erzählt Kanye im Bezug auf seine "Make America Great Again"-Cappy und verkündet dann, dass er die Kopfbedeckung etwas in ihm bewege und er sich dank selbiger fühle, wie "Superman". Die Tatsache, dass ein 2-Dollar-Wahlkampf-Giveaway in Kanye derartige Transformationen anregen kann, war aber nicht das Bizarrste der gesamten Veranstaltung:

Für Sklavenhaltung und ein geeintes Amerika

Die 13. Klausel der amerikanischen Verfassung verbietet die Haltung von Sklaven – und scheint Kanye schon lange ein Dorn im Auge, wie dessen vergangene Tweets bereits zeigten. In seinem Monolog kommt er erneut aufs Thema: Das Schulsystem und psychische Probleme sind Schuld daran, dass Menschen „Crazy Things“ täten – so kam es laut Ye zur 13. Klausel. Diese gehöre abgeschafft, dann gäbe es wieder ein geeintes Amerika. Aha. Hä?!

Kanye ist nicht bipolar

Wo Mr. West schon mal so in Fahrt war, sprach er direkt auch das an, was sich alle im Raum fragten: Wie sieht's eigentlich mit der eigenen Psyche aus, Kanye?! Der Rapper hatte in Gesprächen und in seiner Musik mehrfach seine bipolare Störung thematisiert. Ist aber alles Bullshit, ließ er nun verlauten. Das Abstreiten der eigenen Erkrankung ist übrigens ein weiteres typisches Symptom.

Die bipolare Störung sei eine Fehldiagnose gewesen, sagt Kayne – alles, worunter er leide sei Schlafentzug. Da möchte man Kanye doch direkt wieder ins Bettchen schicken und hoffen, dass er danach wieder zu Besinnung kommt.

Flugzeuge und Kanyes Handypasswort

Aber auch Image-Beratung gab es von Yeezus: Laut Kanye muss der amerikanische Präsident stets „fly“ sein und verdammt noch mal gut aussehen, daher sollte er sich ein neues Flugzeug zulegen. Schnell zückt er sein Handy, um direkt das richtige Modell zu zeigen. Unter Kameras gibt Kanye den Code seines Handys ein „000000“ (a hackers nightmare) und zeigt anwesenden Journalisten, Trump und Schwiegerhündchen Jared Kushner ein besonders schnittiges Flugzeug. Wie diese Episode in den Rest der Ansprache passt, wissen wir nicht. Kanye sollte sich aber vielleicht mal ein neues Passwort zulegen.

Für Nordkorea und Hillary

Kanye liebt alle! Das stellte er unmissverständlich klar. Nordkorea? Findet Kanye top! Und er findet es noch viel besser, dass Trump den anstehenden Krieg mit Nordkorea hat verhindern können. Meisterleistung! Dass die Beziehung zwischen Trump und Jong Un allerdings hauptsächlich aus gegenseitigen Aufrüstungseinschüchterungen besteht, scheint egal. Hillary findet Kanye übrigens auch toll, fand es aber doof, dass ihre Wahlkampagne „I'm with her“ wenig männliche Energie versprühte – bei einer weiblichen Kandidatin wundert das wahrlich. West leitet augenblicklich in herzzerreißende Worte darüber ein, wie es ist, ohne Vater aufzuwachsen und das Hillary diese Lücke nicht hat schließen können. Tragisch! Aber dafür ist ja Trump da! Mit einer innigen Umarmung und Wests „I love this guy“ besiegelten die beiden ihre Bromance.

Lachen, wenn es nicht zum Weinen reicht

Das gesamte Spektakel könnte sich auch der begabteste Comedian nicht ausdenken. Derart bizarr und verwirrend war das Treffen von Trump und West. Das Kanye hin und wieder Dinge tut, die keiner versteht und seinen Wahnsinn von der Leine lässt, ist ja nun bestens bekannt. Aber hier zeigt sich all das noch mal in bisher ungeahnter Qualität. Vor allem, dass Kanye seine ganz eigene Logik besitzt und sich mit dieser die Welt erklärt. Beim Thema Rassismus wird das besonders deutlich: Trump ist Rassist – folglich also auch gegen Schwarze. Das findet Kanye aber nicht problematisch. Vielmehr kritisiert er, dass der Begriff „Rassist“ als Schlagwort genutzt wird, um Kanye von Trump abzuhalten. Hier zeigt sich auch der entscheidende gemeinsame Nenner zwischen Trump und Kanye: Sie modellieren sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. Gegenargumente werden so lange gedreht, bis sie passen – ungeachtet dessen, was sie aussagen.

Im Treffen zwischen Trump und Kanye manifestiert sich die gesamte Lächerlichkeit der aktuellen amerikanischen Politik: Keine Logik, keine Erklärungen, nur viele, leere Worte. Nun munkeln Fans des Rappers, dass es sich bei Kanyes Unterstützung für den Präsidenten um PR handelt, oder um den Versuch, besonders viel Aufmerksamkeit zu generieren.

Ehrlich gesagt scheint diese Argumentation allerdings wie die letzte Zuflucht treuer Fans, die Folgendes nicht einsehen wollen: Kanye West unterstützt einen sexistischen, menschenfeindlichen Präsidenten, der Afrika als „Shithole Countries“ bezeichnet, der Frauen zwischen die Beine greift, wenn er möchte, der nur durch Daddys Kohle zu Macht und Ruhm gelangt ist, der an der mexikanischen Grenze Familien auseinanderreißen lässt und der für Polizeigewalt gegen Schwarze ist. Gleichzeitig ist es West egal, dass seine Haltung folgenreich sein kann: Kanye West hat Verantwortung – vor allem jungen Fans gegenüber. Diese dürften nun gelernt haben, dass derjenige, der die anderen am stärksten hänselt, am lautesten schreit und andere quält, am weitesten kommt.

Mit dem Besuch bei Trump hat Kanye West tatsächlich eine Grenze überschritten: Wir müssen uns entscheiden, wie tolerierbar der Rapper noch ist. Für uns hat Kanye mit seinem bizarren Besuch bei Trump das eigene Ende eingeläutet.

Wer es sich noch einmal antun möchte:

Quelle: Noizz.de