Wie es ist, als junger Mensch in Bukarest zu leben und gegen Korruption auf die Straße zu gehen.

Ich bin in einem korrupten Land aufgewachsen: Rumänien. Als ich ein junges Mädchen war, befragte ich meine Eltern zu den Ungerechtigkeiten, die ich schon damals kennenlernte.

„Ignorier' es einfach”, war fast immer die Antwort. „So läuft das in unserem Land, und solange wir leben, wird sich daran auch nichts ändern.”

Sätze wie diese habe ich wahrscheinlich tausende Male in meiner Jugend gehört. Irgendwann hörte ich auf, Fragen zu stellen. Ich begriff, dass ich mit der Korruption klarkommen, sie akzeptieren musste.

Ich wurde so gut darin, die Ungerechtigkeiten in meinem Alltag zu ignorieren, dass ich irgendwann fast überzeugt war: So sehr stört mich das gar nicht.

Demonstranten schaufeln Schnee vor dem Regierungsgebäude, Bukarest Foto: Dan Mihai Bălănescu / Noizz.de

Wovon ich spreche? Es fängt an bei Politikern, die so schnell fahren können wie sie wollen – natürlich ohne bestraft zu werden.

Wovon ich noch spreche? Ich spreche von einem Freund, der vor knapp zwei Jahren bei einem schrecklichen Brand in einem Nachtclub starb. Warum? Weil der Bürgermeister bestochen wurde und die Eröffnung genehmigte, obwohl der Club gegen sämtliche Brandschutzvorschriften verstoßen hatte. 64 Menschen bezahlten dafür mit ihrem Leben.

Noch ein Beispiel? Der Vater meines Freundes rief vor einem Jahr den Notarzt – der kam allerdings ohne Defibrillator und Sauerstoff, nicht einmal eine Trage hatte er dabei. Er überlebte nicht.

Offiziell lag es daran, dass das Geld für Ausrüstung fehlte. Jeder hier weiß aber, dass genug Geld da ist – es wandert nur direkt in die Taschen korrupter Politiker.

"Der Tag an dem wir nachgeben ist der Tag an dem wir sterben werden" Foto: Victor Cozmei / Noizz.de

Es dauerte lange, aber: Irgendwann wachte ich auf. Ich wachte an dem Tag auf, an dem meine korrupte Regierung eine beschämende Verordnung undemokratisch durchsetzen wollte. Ich brauchte für genau diese Nacht im Januar 2017, um aufzuwachen.

Bukarest, 31. Januar 2017, 23 Uhr

Ein stinknormaler Wochentag. Ich will nicht ins Bett gehen – schließlich habe ich am nächsten Tag Geburtstag und warte auf den traditionellen Geburtstagsanruf meiner Mutter um Mitternacht. Mein Freund spielt im Wohnzimmer Videospiele. Ich schalte den Fernseher an, höre den Nachrichtensprecher im Hintergrund reden, und räume meine Wohnung auf – irgendwie muss ich Zeit totschlagen.

Kreative Demonstranten Foto: Vlad Ursulean / Noizz.de

EILMELDUNG.

„Die rumänische Regierung erlässt eine Verordnung, durch die korrupte Beamte nicht mehr bestraft werden. Die Verordnung entkriminalisiert diverse Korruptionsverbrechen – besonders Spitzenpolitiker der regierenden Partei, die aktuell verfolgt werden und teilweise im Gefängnis sitzen, profitieren von dem Gesetz. Das Gesetz tritt in zehn Tagen in Kraft."

Mein Freund ist sprachlos. Ich bin sprachlos. Wir gucken uns an – aber brauchen keine Worte. Wir beide fühlen das gleiche. Wir begreifen, was diese Nachricht bedeutet.

Jetzt bleiben uns genau zehn Tage, um dieses Land zu verlassen. Wir rennen die Treppen runter und sprinten zu unserem Auto. Die Straßen sind leer und ruhig, es ist spät am Abend und sehr kalt. Wir machen uns auf in Richtung Parlament und rechnen damit, die einzigen vor dem Regierungsgebäude zu sein. Wir liegen falsch.

“Kommt raus ihr Diebe, wir haben genug von Euch!”

Über 15.000 Menschen wollen an diesem Abend diese Demütigung nicht akzeptieren und verlassen ihre Betten, um zu demonstrieren.

Ich sehe die Menschen, wie sie ihre Pullover über ihren Pyjama gestreift haben, auf dem Boden knien, der von Schnee bedeckt ist, und in Richtung Parlament brüllen: “Kommt raus ihr Diebe, wir haben genug von Euch!”

Liebe in Zeiten des Widerstands Foto: Andreea Reținschi / Noizz.de

Um Mitternacht ruft mich meine Mutter an – sie weint. Meine Mutter bittet um Vergebung, dass sie mich in dieses Land geboren hat. Keine Mutter sollte das tun, heult sie in den Hörer.

In den vergangenen zehn Tagen konnte die ganze Welt die größten Proteste in Rumänien seit der Revolution von 1989 sehen. Über 600.000 Menschen gingen auf die Straßen von Bukarest und 100 anderen Städten in ganz Rumänien. Ich war ein Teil dieser Bewegung.

Niemals habe ich eine ähnlich große Masse an Menschen gesehen – Menschen aus allen Altersklassen, aus allen Bereichen des Lebens – die dort für ein gemeinsames Ziel standen: Kein Politiker darf ein Gesetz erlassen, um sich selbst zu schützen, das Korruption legalisiert und Politiker, die Straftäter sind, begnadigt.

Über 600.000 Menschen gingen nicht für mehr Geld auf die Straße – sie standen dort, um für Rechtsstaatlichkeit, Gerechtigkeit, Demokratie und europäische Werte zu kämpfen. Über 600.000 Menschen haben friedlich gekämpft – aber bestimmt und mit einer extremen Ausdauer.

Niemals hatte ich ein ähnliches Gefühl. Das Gefühl, Teil einer Bewegung von hunderttausend fremden Menschen zu sein, die ein gemeinsames Ziel verbindet. Niemals habe ich mein Land für so ein positives Beispiel gehalten, wie jetzt.

Demonstranten nutzen Laserpointer, um ihre Botschaften an die EU zu formulieren Foto: Victor Cozmei / Noizz.de

Nach sechs Tagen Protest – jeden Tag gingen mehr Menschen auf die Straße – hat unsere Regierung das Gesetz zurückgezogen. Wir haben eine Schlacht gewonnen – aber der Krieg ist nicht vorbei.

Es geht nicht um die jetzige Regierung, es geht nicht um ein einzelnes Gesetz. Es geht darum, ein korruptes System abzuschaffen. Wir haben einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Hunderttausende Rumänen – mich eingeschlossen – wollen Korruption und Nichtstun nicht akzeptieren. Hunderttausende Rumänen werden nie mehr passiv sein, wenn es um ein ungerechtes System geht.

300.000 Demonstranten leuchten den Platz vor dem Regierungssitz mit den Displays ihrer Smartphones aus Foto: Dan Mihai Bălănescu / Noizz.de

Wenn man aus diesen Tagen zwei Dinge lernen kann, dann diese: Wir alle haben eine Stimme – die zu nutzen bedeutet aber nicht, alle paar Jahren wählen zu gehen. Wir müssen mehr aus unserer Stimme machen.

Die zweite Wahrheit ist: Wenn du einmal weißt, wie wichtig deine Stimme ist, darfst du nie mehr so tun, als könntest du nichts ändern.

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Hintergrund:

Seit einer Woche demonstrieren in Rumänien hunderttausende Menschen gegen ein Gesetz. Es sollte Korruption im Staatsdienst entkriminalisieren. Davon hätte vor allem die Regierungspartei profitiert.

Zahlreiche Politiker der Partei sind in Korruptionsfälle verwickelt und sitzen teilweise im Gefängnis. Die Regierung hat infolge der Proteste das Gesetz zurückgezogen, der Justizminister ist zurückgetreten.

Die Autorin:

Andra Ciubotaru (28 Jahre) lebt in der rumänischen Hauptstadt Bukarest. Sie arbeitet als Digitaljournalistin und leitet das Magazin dotablast.com.

Übersetzung: Adrian Arab

Quelle: Noizz.de