Wir haben mit drei von ihnen gesprochen.

Die meisten jungen Leute in Russland machen sich nichts vor, Putin wird so oder so wieder Präsident. Das bekommen sie zumindest immer wieder zu hören.

Doch es gibt auch Unzufriedene unter ihnen, die noch nicht resigniert haben und russlandweit auf die Straße gehen, auch wenn sie zu einer Minderheit im Land gehören. NOIZZ hat mit Alexander, Anastasia und Jewgeni über Korruption, soziale Ungerechtigkeit und unfaire Wahlen gesprochen.

Ewgenij demonstriert in Nischni Nowgorod gegen Putin Foto: Andreas Rossbach

In 80 russischen Städten fanden am Samstag vor zwei Wochen Proteste statt – zum dritten Mal in diesem Jahr. Dazu aufgerufen hatte Nawalny auf Facebook, Twitter & Co.

„Putin ist ein Dieb und Teil des korrupten Systems“, „Nieder mit Putin“ und „Geh endlich in Rente!”, rufen junge Demonstranten. Auf ihren Plakaten steht: „Für faire Wahlen“ und „Freiheit für Alexej Nawalny“.

Der Großteil von ihnen gehört zur Generation Putin. Sie kennen keinen anderen Präsidenten als Wladimir Wladimirowitsch Putin, der mittlerweile seit 17 Jahren an der Macht ist.

Anti-Putin-Demo in Nischni Nowgorod Foto: Andreas Rossbach

Die jungen Leute sorgen sich um ihre Zukunft. Sie lassen sich nicht einfach mit außenpolitischen „Heldentaten“ wie der Annexion der Krim ruhigstellen. Sie schauen lieber YouTube-Videos als die immer gleichen orthodoxen Kirchenlieder und die sich wiederholenden Volkslieder und Militärmärsche in den staatlich kontrollierten Medien.

Zwar sind bei weitem nicht alle jungen Unzufriedenen auch Anhänger des Oppositionspolitikers und selbsternannten Präsidentschaftskandidaten Nawalny. Jedoch scheint der Politiker deren Sprache gut zu beherrschen – die der sozialen Medien.

Zum Zeitpunkt der Protestaktion saß Nawalny eine 20-Tage-Haftstrafe ab. Es ist nicht das erste Mal, dass der Oppositionelle im Knast sitzt. Seitdem er beschloss, 2018 für das Amt des russischen Präsidenten zu kandidieren, verbrachte er jeden fünften Tag hinter Gittern; die Demos seiner Anhänger in den meisten Orten werden von den russischen Behörden nicht genehmigt.

Warum rebellieren vor allem so viele Junge, unter 30, Schüler und Studenten gegen den Kremlchef? Warum unterstützen sie den Herausforder Nawalny?

Alexander, 29, aus Archangelsk

In Archangelsk, einer nordrussischen Provinzstadt, treffen wir an der Promenade am Weißen Meer, der Hafen in Sichtweite, Alexander.

Auf die Frage, was er von Präsident Putin hält, antwortet der junge Ingenieur: „Mit Putin wird es keine fairen Wahlen in Russland geben. Die Meinungs- und Versammlungsfreiheit bleibt stark eingeschränkt, und das System bleibt korrupt. Vielleicht wird es sogar noch korrupter.“

Hinzu käme, dass sich unter Putin die Beziehungen Russlands zu den meisten anderen Industrieländern verschlechtert hätten und dass der Kremlchef, indem er die Krim annektierte und den Krieg im Donbass unterstützte, gegen Völkerrecht verstieß.

Alexander ist überzeugt davon, dass Nawalny sein Heimatland wieder in die richtige Richtung lenken kann. „Ich war schon 2011 bei den Demons in Archangelsk“, sagt er.

Nach den russischen Parlamentswahlen im Dezember 2011 hatten Menschen in ganz Russland gegen Wahlfälschungen protestiert. Das war die bisher wohl größte Protestbewegung in der jüngeren Geschichte Russlands. Hunderttausende gingen damals allein in Moskau auf die Straße.

Laut Alex hat sich seitdem jedoch leider wenig zum Guten geändert, denn Russlands Präsident ist nach wie vor Putin. Das sei jedoch kein Grund, um sich mit der Situation zufrieden zu geben und einfach zu resignieren.

„Wir dürfen nicht aufgeben, wir müssen gegen unfaire Wahlen protestieren, Korruption den Kampf ansagen und uns für Nawalny als Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen im März 2018 stark machen“, sagt Alex.

Anastasia, 30, aus Chabarowsk

„Wie kann man mit Putins Politik zufrieden sein?“, fragt die 30-jährige Anastasia aus Chabarowsk, einer Kleinstadt im Fernen Osten Russlands.

Die Haare der jungen Russin sind in knalligem Orange gefärbt. Sie trägt einen roten Anorak und auf dem Schild, das sie entschlossen hochhält, steht: „Wova, 65, Zeit in Rente zu gehen. Für Nawalny.“

„Wowa“ ist eine Verniedlichung des Names „Wladimir“. Den Russen ist klar, dass damit Putin gemeint ist. Anastasia ist der Meinung, dass dessen dritte Amtszeit ein riesiger Fehler war.

Zwar sei schon vor 17 Jahren, als Putin zum ersten Mal gewählt wurde, allen klar, dass sich Russland von den Grundideen einer westlichen Demokratie weiter entfernen würde.

Doch wie gravierend die Abkehr werden würde, habe kaum jemand geahnt. „Unsere Regierung ist ein Clan aus Dieben, der das Volk in Sklaven und Geiseln verwandelt hat“, sagt Anastasia.

„Ich unterstütze Nawalny, weil er es als einziger geschafft hat, eine neue und dynamische politische Bewegung zu initiieren”, erklärt Anastasia. Sie war nicht bei allen Demonstrationen, zu denen der oppositionelle Politiker Nawalny in der Vergangenheit aufgerufen hat.

„Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich die Neuigkeiten zu den Protesten verfolgt habe“, sagt sie. Bei russlandweiten Demos gegen Korruption im März waren mehr als 250 Menschen festgenommen worden.

„Diese Bilder haben mich zu einem gewissem Grad schockiert. Vor allem, wenn ich daran denke, dass es selbst in kleinen Städten wie Chabarowsk zu Festnahmen kam.” Daraufhin beschloss sie, aktiv zu werden und bei der nächsten Gelegenheit auf die Straße zu gehen. „Ich glaube nicht, dass nichts von uns Menschen abhängt. Gemeinsam können wir etwas verändern“, sagt Anastasia.

Ewgeni, 24, aus Nischni Nowgorod

Nischni Nowgorod liegt rund 400 Kilometer östlich von Russlands Hauptstadt Moskau, an der Mündung der Flüsse Oka und Wolga. Hier treffen wir Ewgenij.

„Heute gibt es bei den Regionalwahlen kaum alternative Kandidaten, wir können nur die von Putins Partei ‚Einiges Russland‘ wählen. Bei den Präsidentschaftswahlen sind Kandidaten einer anderen Partei noch undankbarer. Das Wort ‚Demokratie‘ existiert bei uns einfach nicht“, beklagt sich der 24-Jährige.

In den letzten Jahren habe es viele schlimme Entwicklungen im Land gegeben. Von radikalen orthodoxen Aktivisten über Korruptionsskandale, in die hochrangige Abgeordnete verwickelt sind, bis hin zu Gesetzen, die die Freiheit der Presse und des Internets massiv einschränken.

Ewgenij und seine Anti-Putin-Freunde Foto: Andreas Rossbach

„Wir versuchen ständig, die Freiheit unter dem Deckmantel der Sicherheit zu begrenzen“, fügt Ewgeni hinzu. Freunde und Bekannte von Putin seien im Laufe seiner Amtszeit zu den reichsten Menschen im Land geworden.

Die Zahl der Millionäre in Russland sei ebenso stark gewachsen wie die der Armen. Für Ewgeni ist es ganz klar, dass Russland keine Zukunft mit Putin hat.

Ob er Nawalny unterstützt? „Es ist schwer, den einzigen wirklichen Oppositionellen des Landes nicht zu unterstützen.“ Er ist sich sicher: Wenn überhaupt jemand den Kurs seines Landes ändern kann, dann ist es Nawalny.

Kein anderer Kandidat habe so wie Nawalny 79 Wahlkampfbüros in ganz Russland eröffnet und verfüge über circa 160.000 freiwillige Helferinnen und Helfer.

„Ich kenne keinen Kandidaten, dem es unter schwierigsten Voraussetzungen – unrechtmäßige Verhaftungen, Gerichtsprozesse, Demütigung durch Kritiker usw. – gelungen ist, ein russlandweites Netzwerk aufzubauen”, sagt Ewgeni. Das sei wirklich cool und habe es so noch nicht gegeben.

Putin in Nischni Nowgorod Foto: Andreas Rossbach

Hintergrund

Der Artikel ist Teil einer tiefgründigen Recherche über Protestbewegungen in Osteuropa. Die Recherche wird zum Teil durch das Programm „Reporters in the Field“ ermöglicht. „Reporters in the Field“ ist ein Projekt der Robert Bosch Stiftung, das vom Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung n-ost durchgeführt wird.

Quelle: Noizz.de