Wenn sich in der Öffentlichkeit nicht mehr als zwei Menschen mit einem Mindestabstand von 1,5 bis zwei Meter nicht verabreden dürfen, wie kann man dann demonstrieren? Und für was steht man in so einer Krise besonders ein? Das Coronavirus lässt auch unsere Formen des Protestes kreativer werden – und stellt uns vor Herausforderungen.

Es war schon ein merkwürdiges Bild: Auf dem Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin versammelten sich vergangenen Samstag um die 40 Menschen zur angemeldeten Demo "Sage NEIN zur Diktatur!", viele trugen Mundschutz und Handschuhe. Und sie mussten mindestens 1, 5 Meter Abstand zu anderen Mitprotestlern halten, das war die Voraussetzung der Polizei. Organisiert wurde die Aktion vom sozialistischen Verein "Rote Fahne", am Ostersamstag soll das Event wiederholt werden.

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Nicht alle hielten sich daran. Mehrfach musste die Polizei die Demonstranten auf die Coronaschutzmaßnahmen hinweisen – denn ein Demonstrationsverbot, das gegen das Grundgesetz verstoßen würde, gibt es zum Glück auch in der Coronakrise in Deutschland nicht. Bis auf zwei Personen hielten sich alle an die Anweisungen der Einsatzkräfte. Wenige Meter weiter aber hatten sich rund 80 Personen unangemeldet versammelt – dort musste die Berliner Polizei bis zu 31 Platzverweise aussprechen.

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Der Vorfall macht auf ein großes Problem in Zeiten einer Pandemie aufmerksam. Wenn unsere Gesundheit an oberster Stelle steht und das gleichzeitig bedeutet, Menschen in der Öffentlichkeit zu meiden – wie kann man dann ein Zeichen setzen, auf Themen aufmerksam machen und protestieren? Wir sind Mitten drin, es herauszufinden.

Pause für Weltretter?

Eine der größten Protestbewegungen, die aufgrund der Pandemie ihre öffentlichen Demonstrationen abgesagt hat, war "Fridays For Future". Seit Monaten gingen die jungen Aktivist*innen für mehr Klimaschutz und für die Umwelt jeden Freitag auf die Straße. Damit ist nun zunächst Schluss. Doch entmutigen lassen sie sich nicht. Viele lokale "Fridays For Future"-Gruppen haben ihren Protest nun online verlegt. Wie so ein Onlineprotest aussieht?

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In Webinaren mit dem Hashtag #WirBildenZukunft auf YouTube und Twitter organisieren sie etwa einzelne Talks zu Themen, die ihnen auch jetzt besonders wichtig sind. Mit dabei war auch schon Greta Thunberg. So zeigt die Gruppe Präsenz und stärkt ihre Agenda. Auch mit Protestbannern, die hängenbleiben, werden Aussagen getroffen. Der Protest verlagert sich hier also vor allem ins Netz – ist aber noch immer kollektiv.

Aber auch eine echte Demo kann funktionieren, sie ist nur anders

Statt eines dynamischen Protestzuges gebe es eher statische Formen der Kundgebung. So hat etwa die Flensburger Umweltaktivistin Hanna Poding eine Demo organisiert, die sich an den zwei Meter Sicherheitsabstand gehalten hat. Sie stellten sich in einer Linie mit jeweils zwei Meter Abstand in der Flensburger Innenstadt auf und hielten ihre Plakate in die Luft, wie sie im Radio bei Deutschlandfunk Nova erzählte.

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Körperliche Präsenz zu zeigen ist in diesen Tagen für Protestbewegungen schwer geworden. Gesellschaftliche Probleme, wie die Flüchtlingskrise auf Lesbos sind aber auch in Coronazeiten nicht plötzlich aus der Welt oder Schnee von gestern. Sie sind immer noch da. Große Massen dafür in der Öffentlichkeit zu mobilisieren ist schier unmöglich, geht aber sehr gut im virtuellen Raum. Wie es geht, zeigt die Seenothilfsrettung "Seebrücke", die unter anderem Flüchtlinge im Mittelmeer rettet.

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Demo 2020: Virtuelle Protestwege

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Eine besonders kreative Protestform hat sich die Organisation mit ihren virtuellen Protestrouten überlegt. Seebrücke demonstrierte auf diesem Weg für die Aufnahme von Geflüchteten aus Griechenland. Anders als im echten Leben führte die Route eben nicht am Bundestag und Auswärtigen Amt vorbei, sondern macht Halt bei den Social-Media-Kanäle der verschiedenen Institutionen.

Vom Bundesinnenministerium über das Auswärtige Amt bis hin zum Regierungssprecher Steffen Seibert und auf europäischer Ebene mit der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und EU-Innenkommissarin Ylva Johannsson – überall posteten die Demoteilnehmer zur gleichen Zeit Kommentare mit dem Hashtag #LeaveNoOneBehind.

Parallel fanden in einem Livestream Redebeiträge, Podiumsdiskussionen und andere kreative Protestformen statt. Eine multimediale Aufmerksamkeit wurde so für ihr Anliegen geschaffen, insgesamt gab es bis zu 40.000 Aufrufe.

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So tragisch es klingt: In vielen totalitären Regimen sind diese virtuellen und kreativen Protestformen oft die einzige Möglichkeit, irgendwie für sein Anliegen einzustehen. Mit einer Demo auf der Straße würde man sonst im Gefängnis landen. Und auch der virtuelle Protest ist nicht ungefährlich und kann dort schwerwiegende Folgen haben. Also noch einmal mehr Grund, unsere Freiheiten in einer Demokratie schätzen zu wissen – trotz der massiven Einschränkungen in unserem Alltag, die wir gerade erleben.

  • Quelle:
  • Noizz.de