Volle Einkaufszentren, die U-Bahn zu Stoßzeiten, viele Bars – in der Stadt ist das Risiko sich mit Covid-19 zu infizieren, bestimmt höher als auf dem Land, oder nicht? Der Eindruck täuscht, wie nun neue Daten zeigen.

Vieles ist noch immer unklar über das neuartige Coronavirus mit dem kryptischen Namen Sars-CoV-2. Doch eins wissen wir ganz genau: Das Virus braucht Nähe. Wenn wir etwa die gleiche Luft atmen, uns anhusten oder dieselben Gegenstände anfassen. So kommt man schnell zu dem Gedanken: "Logisch, in der Stadt gibt es deutlich mehr Infektionen im Verhältnis zur Bevölkerung." Doch allzu groß ist der Unterschied nicht, wie die neue Internetseite "Corona regional" des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigt.

„Der Unterschied zwischen Stadt und Land spielt erstaunlicherweise kaum eine Rolle für das Infektionsgeschehen.“

Sagt etwa Michael Frehse, der die Heimatabteilung im Bundesinnenministeriums leitet, zu dem das BBSR gehört. Auf der interaktiven Karte zeigen gelb-oranger Balken, die Entwicklung der Infektionen in Deutschland für den städtischen und den ländlichen Raum – je dunkler, desto mehr Infektionen pro 100.000 Einwohner. Wer sich durchscrollt, merkt schnell: Allzu stark unterscheiden sich die Farbverläufe nicht.

Die Karte zeigt auch Infektionsschwerpunkte in Deutschland, für ausgewählte Kreise lassen sich Kurven mit Fallzahlen zeigen oder Fälle und Todesfälle nach Geschlecht und Altersgruppen aufschlüsseln. Die Grundlage bieten neben räumlichen Daten des Bundesamts wöchentlich aktualisierte Zahlen des Robert Koch-Instituts und das so genannte Divi-Intensivregister.

Ist das Verhalten entscheidender als die Bevölkerungsdichte?

Zugegeben, an der Übersichtlichkeit könnten sie noch ein bisschen arbeiten.

Epidemiologen wundert das aber nicht so sehr. Man würde in Städten zwar deutlich mehr Infektionen erwarten als auf dem Land, weil es dort enger zugehe, sagt etwa der Mediziner Max Geraedts, der an der Universität Marburg das Institut für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie leitet. Aktuell aber sei die Zahl der Infizierten in der Gesamtbevölkerung noch nicht so hoch, dass die größere Nähe in der Stadt eine entscheidende Rolle spiele.

Das könne sich allerdings bald schon ändern:

"Das wird auch so kommen, wenn das Virus sich erst stärker in der Bevölkerung verbreitet hat und damit auch mehr Möglichkeiten zur Ansteckung im Alltag entstehen."

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Laut Bundesinnenministerium richte sich die Karte eher an Fachleute. Wieso eigentlich? Schließlich kann die Datentransparenz auch in der breiten Bevölkerung für mehr Aufklärung sorgen. Wissenschaftler Geraedts zumindest kann aus den Daten wenig neue Erkenntnisse gewinnen.

Was bringt die Zukunft in Sachen Corona?

Symbolbild: Corona

Die Zahl positiver Coronavirus-Tests, die die "Corona regional"-Seite und das Robert Koch-Institut darstellen, liefert aus Sicht des Forschers Geraedts ohnehin nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Derzeit mache er sich weniger Sorgen um das Gesundheitssystem, sagt er. Zudem wisse man derzeit auch gar nicht genau, wie viele falsche positive Tests es gibt – also Testergebnisse, die eine Infektion anzeigen, obwohl es keine gibt. Wichtig sei jetzt der Schutz von Risikogruppen, etwa mit genügend Personal und Ausrüstung in Krankenhäusern und Pflegeheimen.

Dennoch habe die aktuelle Ausweitung der Tests Folgen, merkt Geraedts an. "Für die Gesundheitsämter ist es ein Riesenaufwand, die Betroffenen zu informieren und Kontaktpersonen nachzuverfolgen", sagt er. Für eine Region mit vielen positiven Testergebnissen könne es enorme wirtschaftliche und soziale Folgen haben, wenn dort viele Menschen in Quarantäne gehen müssten. Wo das der Fall ist, das zeigt nun auch die neue "Corona regional"-Seite.

[Text: Zusammen mit dpa /Martina Herzog/sw]

  • Quelle:
  • Noizz.de