Spinnen die Briten oder liegt es am Brexit? Während sich alle Mitgliedsländer der Europäischen Union auf Social Distancing und Quarantänemaßnahmen setzen, um eine Verbreitung des Virus zu verhindern, verfolgt das Vereinigte Königreich einen ganz anderen Ansatz ...

Herdenimmunität. Das ist Großbritanniens Weg, um mit der Pandemie, die durch das Coronavirus verursacht wird, umzugehen. Darunter versteht man, das Ansteckungen nicht verhindert werden sollen, um so im besten Fall schnell eine flächendeckende Immunisierung der Bevölkerung gegen einen Erreger – in diesem Fall das Coronavirus – zu erreichen. Das ist sogar die offizielle Richtlinie der britischen Regierung von Boris Johnson. Die müssten Corona-Partys also richtig gut finden.

Sie basiert auf den Empfehlungen der führenden Britische Epidemiologen mit dem obersten medizinischen Berater der Regierung, Chris Whitty. In der Süddeutschen Zeitung wird Patrick Vallance, wissenschaftlicher Experte im Dienst der Regierung, zitiert, dass wenn mindestens 60 Prozent der Bevölkerung das Virus gehabt hätten und wieder gesundet seien, auch das Risiko einer zweiten Welle im Winter sogar geringer sei.

Herdenimmunität: Was ist da dran?

Noch sind alle unterwegs in London.

Bisher geht in Großbritannien das öffentliche Leben seinen gewohnten Gang: Anders als bei uns sind alle Pubs, Clubs, Läden und Geschäfte geöffnet, auch ins Fitnessstudio und ins Kino kann man gehen. In London gehen die mehr als acht Millionen Einwohner – immerhin die bevölkerungsreichste Stadt in Europa – ganz normal zur Schule, Uni und zur Arbeit. Dementsprechend voll sind auch die U-Bahnen. Perfekte Bedingungen für ein Virus sich zu verbreiten. Was mit chronisch Kranken und älteren Mitbürgern passiert, hat die Regierung in ihrer Überlegungen wohl eher nicht mit einbedacht oder aber in Kauf genommen.

Zwar äußerte sich Premierminister Boris Johnson kürzlich dahingehend, dass man doch bitte , wenn möglich nicht ins Theater oder den Pub geht, aber das war auch nur eine grobe Empfehlung. Die britische Regierung will mit diesem Vorgehen einen Kollaps, des bereits überforderten nationale Gesundheitssystem (NHS) entgegenkommen. In Großbritannien gibt es insgesamt 4.000 Intensivbetten und 5.000 Beatmungsgeräten. Damit ist das Land unterversorgt und das ist fatal bei einem Ausbruch des Coronavirus.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Twitter
Um mit Inhalten aus Twitter und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Zwar hat Johnson die britische Industrie bereits aufgefordert, die Produktion auf medizinische Ausrüstung und vor allem auf Beatmungsgeräte umzustellen – aber auch nur das eine Empfehlung, kein Zwang. Für Risikogruppen soll es laut Gesundheitsminister Matt Hancock andere Regeln geben. Über 70-Jährige könnten demnächst aufgefordert werden, sich über Wochen hinweg selbst zu isolieren. Immerhin plane man, demnächst ein Versammlungsverbot für Veranstaltungen mit mehr als 500 Menschen und der Premierminister meldet sich nun täglich zu Wort.

Wie sieht die Lage derzeit aus?

Da Großbritannien bekanntermaßen auf einer Insel liegt, sind die Zahlen bisher weniger dramatisch als auf dem Festland: Etwa 1.400 Fälle sind bekannt und 35 Tote zu verzeichnen. Jedoch wird in UK, genauso wie in den USA, bisher nur selten auf das Virus getestet. Auch das hat mit dem unterversorgten NHS zu tun. Das Virus könnte sich also schon längst schneller verbreitet haben.

Außer den Beratern der konservativen Torys-Regierung findet der Herdenimmunitätsplan kaum Anhänger. In offenen Briefen fordern Wissenschaftler aller Fachrichtungen aus Großbritannien auf, die Maßnahmen anderen EU-Ländern anzupassen. Denn die endgültige Wirksamkeit der Herdenimmunitäts-Theorie sei nicht bewiesen. Auch Anthony Costello, ein früherer hochrangige Mitarbeiter der Weltgesundheitsbehörde WHO, hat einen empörten Brief an die britische Regierung und ihre Berater geschrieben: Das Vorgehen Londons sei "absolut falsch" und man stelle "mathematische Modelle über die Sicherheit der Menschen".

>> Impfstoff gegen Coronavirus im Frühjahr 2021 realistisch

>> Ein Angstforscher erklärt, wieso Menschen falsche Corona-Informationen verbreiten

  • Quelle:
  • Noizz.de