Die Kapitänin, das Schiff, die Solidaritätswelle, die politischen Verwicklungen – wir erklären die Hintergründe.

Am Wochenende wurde Carola Rackete, die Kapitänin des privaten Rettungsschiffes "Sea-Watch 3" verhaftet. Das Schiff hatte gegen den Willen der italienischen Regierung im Hafen der Insel Lampedusa angelegt. Dabei hatte die "Sea-Watch 3" ein Schiff der italienischen Finanzpolizei touchiert. Ursprünglich hatte die "Sea Watch 3" 53 Migranten an Bord. Elf Frauen, Kinder und Kranke wurden zwischenzeitlich in Italien aufgenommen. 

Die “Sea-Watch ", hier bei einer Fahrt vor der griechischen Küste Foto: dpa picture

1. Wie geht es jetzt weiter? 

Carola Rackete muss vorerst unter Hausarrest bleiben. Am Dienstag muss ein Haftrichter im italienischen Agrigent (Sizilien) entscheiden, ob er den Hausarrest aufhebt. Die Entscheidung darüber müsse spätestens am Abend getroffen werden, könnte aber auch schon früher fallen, sagte ihr Anwalt gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Möglich sei, dass die freiheitsentziehenden Maßnahmen gegen Rackete komplett aufgehoben werden. Alternativ könnte gegen Rackete ein Aufenthaltsverbot für die Provinz Agrigent verhängt werden, zu der auch die Insel Lampedusa gehört. Letzteres hatte die Staatsanwaltschaft gefordert.

2. Was sagt Carola Racketes Familie?

Politisch interessiert und analytisch – so beschreibt Ekkehart Rackete, 74, seine Tochter. Er hofft auf den Einsatz der Bundesregierung: "Ich denke, der internationale Druck auf die italienische Regierung wird einiges bewirken." Er halte Italien aber "nach wie vor" für einen souveränen Rechtsstaat und mache sich keine großen Sorgen um das Schicksal seiner Tochter.

Er habe mit ihr telefoniert: "Sie ist lustig und guter Dinge und sieht der ganzen Sache eigentlich gelassen ins Auge." Über die Kollision ihres Schiffes mit der Finanzpolizei habe sie nicht mit ihm gesprochen.

"Sie ist nicht blauäugig auf einen Abenteuertrip gegangen", betonte der 74-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Bevor sie vor einigen Wochen nach Lampedusa geflogen sei, habe sie intensiven Kontakt mit dem italienischem Rechtsbeistand von Sea-Watch gehabt. Sie habe zudem schon früher für die Hilfsorganisation gearbeitet.

Durch ihre Tätigkeit als nautische Offizierin ist sie es gewohnt, Entscheidungen zu treffen und vorher die Lage zu beurteilen, wie Rackete sagte. Sie tue, was sie für nötig halte, solange sie niemandem schade. So auch im Fall der Migranten an Bord der Sea-Watch. "Eine sozialrevolutionäre Ader hat sie nie gehabt."

3. Wie viel Geld kam durch die Spendenaktion schon zusammen?

In zwei Spendenaktionen für die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch sind inzwischen mehr als 1,3 Millionen Euro zusammengekommen. Der Aufruf von Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf brachte bis Dienstagmorgen mehr als 893.000 Euro ein. Auf einer italienischen Facebook-Seite wurden mehr als 430.000 Euro gesammelt.

4. Wo fließen die Spenden konkret hin?

Die Spenden werden nach Angaben von Sea-Watch einerseits für die Gerichtskosten verwendet, andererseits für ein neues Schiff, falls das derzeitige beschlagnahmt bleibt. 

5. Welchen Rückhalt hat Carola Rackete?

Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf solidarisierten sich als Erste mit der Verhafteten und traten eine Welle der Hilfsbereitschaft los. Schauspieler Til Schweiger bezeichnete die Festnahme der Kapitänin als skandalös. Die Organisation Seebrücke organisierte bundesweit Proteste und Mahnwachen vor den diplomatischen Vertretungen Italiens in Berlin und Frankfurt am Main.

Nach der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) forderte auch die katholische Bischofskonferenz die Freilassung der Kapitänin. Die Change.org-Petition "Freiheit für Carola Rackete" unterschrieben bisher über 150.000 Menschen. Auf Twitter äußerten Sympathisanten unter dem Hashtags #FreeCarola und #FreeCarolaRackete Anerkennung für die Kapitänin.

Eine Mahnwache der Organisation "Seebrücke" in Köln Foto: dpa picture

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte im ZDF-Sommerinterview, auch wenn es Rechtsvorschriften zum Anlaufen eines Schiffes im Hafen gebe, dürfe von einem Land wie Italien erwartet werden, "dass man mit einem solchen Fall anders umgeht."

Neben Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sprachen sich Außenminister Heiko Maas (SPD) und die kommissarische SPD-Vorsitzende Malu Dreyer für die Freilassung von Carola Rackete aus. Maas sagte: "Wir wehren uns dagegen, Seenotrettung zu kriminialisieren." Dreyer erklärte, es könne kein Verbrechen sein, Menschenleben zu retten. "Das verhindern zu wollen, entspricht weder den europäischen Werten noch unserer Verpflichtung zur Humanität."

"Seenotrettung ist ein seit langem bestehender humanitärer Imperativ, der auch völkerrechtlich vorgeschrieben ist", sagte der Sprecher von UN-Generalsekretär Antonio Guterres, Stephane Dujarric, in New York. Den Einzelfall Rackete wollte er nicht kommentieren, sagte aber: "Kein Schiff oder Schiffsführer sollte von Geldstrafen bedroht sein, wenn er Booten in Seenot zu Hilfe kommt, bei denen Menschen sonst ihr Leben verlieren würden."

Für die Aufnahme der Flüchtlinge vom Schiff liegen Bereitschaftserklärungen aus zahlreichen deutschen Städten vor. Auch der Bischof von Turin, Cesare Noviglia, erklärte sich zur Aufnahme bereit.

6. Welchen Gegenwind bekommt Carola Rackete und warum genau?

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) rief die Seenotretter zu Selbstkritik auf. Die Organisationen sollten vermeiden, mit ihrer Arbeit falsche Signale zu senden und so das Geschäft der Schlepper zu befördern, sagte er der "BILD"-Zeitung.

Der Gegenwind kommt aber vor allem von italienischer Seite. Die Staatsanwaltschaft wirft Rackete Widerstand gegen ein Militärschiff und Vollstreckungsbeamte vor. Rackete hatte sich nicht nur über Anweisungen hinweggesetzt. Das Schiff hatte beim Einlaufen in Lampedusa ein Boot der Finanzpolizei touchiert. Zudem wird gegen Rackete wegen Beihilfe zur illegalen Migration ermittelt. "Es gab keine Notlage", sagte der Staatsanwalt Luigi Patronaggio am Montagabend. Sea-Watch habe auch außerhalb des Hafens ärztliche Hilfe bekommen.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte wenige Tage vor dem unerlaubten Einlaufen in Lampedusa einen Eilantrag unter anderem von Rackete abgelehnt, mit dem Schiff in Italien anlegen zu dürfen.

Matteo Salvini, Innenminister von Italien Foto: dpa picture

Ermittelt wird laut Patronaggio nun auch, ob der Rettungseinsatz unweit der libyschen Such- und Rettungszone notwendig war. "Wir werden die konkreten Methoden zur Durchführung der Rettung prüfen, das heißt, ob es Kontakt zwischen Menschenhändlern und der Sea-Watch gab", erklärte Patronaggio. Es solle also geprüft werden, ob es eine "Rettungsaktion im Meer oder eine verabredete Aktion" war.

Dagegen twitterte Italiens Innenminister Matteo Salvini, er halte Rackete für eine "deutsche Verbrecherin". Er bezeichnet Seenotretter immer wieder als Komplizen der Schmuggler, die Migranten auf die gefährliche Fahrt ins Mittelmeer schicken. Er will die Hilfsorganisationen komplett aus dem Mittelmeer verbannen. Die Regierung aus rechter Lega und populistischer Fünf-Sterne-Bewegung fährt seit einem Jahr einen harten Anti-Migrations-Kurs.

7. Wer ist Carola Rackete eigentlich?

Für die einen ist sie heldenhaft, beispiellos menschlich und mutig. Aus Sicht der anderen ist sie hochnäsig, eine Gesetzesbrecherin und damit schlichtweg kriminell. Carola Rackete ist in Preetz bei Kiel geboren und in Hambühren in Niedersachsen aufgewachsen. Sie ist 31 Jahre alt, und wenn sie Englisch spricht, hört man den britischen Akzent heraus. Sie hat in Norddeutschland und England studiert und spricht mehrere Sprachen.

In Norddeutschland hat Rackete eine Ausbildung als Nautische Offizierin absolviert. Bevor sie 2016 zu Sea-Watch ging, war sie unter anderem auf einem Forschungsschiff von Greenpeace unterwegs und für das Alfred-Wegener-Institut für Meeresforschung im Einsatz. Dort ging es damals um Polarforschung. Rackete kennt die Arktis. In ihrem Lebenslauf ist zu lesen, dass sie auch zur Zukunft des Naturschutzes in verschiedenen Regionen der Welt forscht.

Wenn sie nicht auf einem Schiff unterwegs ist, ist sie auf Reisen – auch gerne alleine: Sie habe bereits auf der Chinesischen Mauer gezeltet und sei durch mehrere Länder in Südamerika getrampt, erzählte ihr Vater Ekkehart Rackete.

Rackete bezeichnet seine Tochter als analytisch und abwägend – was nicht bedeute, dass sie zynisch oder kalt sei. "Sie ist jemand, der sich ziemlich genau überlegt, was er tut und will und nicht tut und nicht will", sagte er. Blauäugig sei sie nicht. Und: "Eine sozialrevolutionäre Ader hat sie nie gehabt." Mitglieder der Organisation Sea-Watch beschrieben sie als ruhig und nervenstark.

8. Wie ist es anderen Kapitänen bisher ergangen?

Der frühere Kapitän des Rettungsschiffs "Cap Anamur" und jetzige Flüchtlingsbeauftragte von Schleswig-Holstein, Stefan Schmidt, rechnet nicht mit einer schnellen Freilassung von Kapitänin Rackete. "Ich habe schlechte Erfahrungen mit den italienischen Behörden gemacht. Damals hieß der Regierungschef Silvio Berlusconi – und der war schon schlimm", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Wie damals bei uns läuft da ein politischer Prozess."

Schmidt hatte 2004 mit der "Cap Anamur" Sizilien trotz Verbots angelaufen. An Bord waren 37 Flüchtlinge. Schmidt musste sich vor Gericht wegen Beihilfe zur illegalen Einreise verantworten. Er wurde Jahre später (2009) freigesprochen.

9. Gab es schon Verurteilungen?

Das Rettungsschiff "Lifeline" hatte im Sommer vergangenen Jahres im Mittelmeer 234 Flüchtlinge an Bord genommen. Erst nach tagelanger Irrfahrt durfte das Schiff der Organisation "Mission Lifeline" in Valletta (Malta) anlegen und wurde danach von den maltesischen Behörden beschlagnahmt. 

Der Kapitän Claus-Peter Reisch musste sich in Valletta vor Gericht verantworten und wurde wegen des Vorwurfs der falschen Registrierung des Rettungsschiffes zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt. Der Kapitän legte inzwischen Revision gegen das Urteil ein.

>> Böhmermann sammelt 100.000 Euro Spenden für die „Lifeline“-Crew

10. Wem gehörte eigentlich das Schiff?

Es gehört der Organisation Sea-Watch.

11. Welche Flüchtlingsschiffe sind gerade noch unterwegs?

Laut Recherchen des MDR könnte die "Sea-Watch 3" das letzte Flüchtlingsschiff sein, das im Mittelmeer unterwegs war. Die Schiffe anderer Hilfsorganisationen haben aufgegeben oder wurden blockiert.

phb/dpa

Quelle: Noizz.de