Der Fall eines zehnjährigen Mädchens aus Brasilien erschüttert die Welt: Nachdem ihr eigener Onkel sie vergewaltigt hatte und sie schwanger wurde, erlaubte ein Gericht ihr die Abtreibung. Nun ist das Mädchen einer Hetzkampagne in den sozialen Medien ausgesetzt – von nationalistischen Abtreibungsgegnern.

Wenn man so etwas liest, glaubt man kaum, dass wir im Jahr 2020 leben: Die legale Abtreibung bei einer Zehnjährigen, die von ihrem Onkel vergewaltigt worden ist, hat in Brasilien eine krasse Kontroverse ausgelöst. Via Twitter, Facebook und Co. wird das Vergewaltigungsopfer nun von radikalen Abtreibungsgegnern, die teilweise dem rechten Spektrum zuzuordnen sind, beleidigt und gemobbt.

An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

>> Oscar-Gewinner Cuba Gooding wegen Vergewaltigung angeklagt

Nach brasilianischem Gesetz ist der Schwangerschaftsabbruch nach einer Vergewaltigung und bei Gefahr für das Leben der Mutter erlaubt. Eigentlich ein Tabuthema, über das keiner redet. Nicht so in diesem Fall: Die Daten des Mädchens, das vergewaltigt wurde, gelangten an die Öffentlichkeit. Wie verschiedene brasilianische Medien berichteten, forderte die Justiz des Bundesstaates Espírito Santo soziale Netzwerke dazu auf, Veröffentlichungen mit Informationen über das Mädchen zu löschen.

Gegen den Onkel wurde Haftbefehl angeordnet

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Twitter
Um mit Inhalten aus Twitter und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Nachdem er zunächst flüchtig gewesen war, nahm ihn die Polizei fest. "Möge es als Lektion für diejenigen dienen, die darauf bestehen, ein solch brutales, grausames und inakzeptables Verbrechen zu begehen", twitterte Gouverneur Renato Casagrande.

Die Frauen- und Familienministerin Damares Alves bedauerte hingegen auf Facebook die Entscheidung der Justiz, die dem Mädchen das Recht zugestanden hatte, die Schwangerschaft abzubrechen. Die Politikerin ist als evangelikale Pastorin tätig und ist eine der radikalsten und striktesten Abtreibungsgegner*innen im Land. Mit ihrem Post löste sie eine regelrechte Mobbingkampagne aus.

Die rechte Aktivistin Sara Winter veröffentlichte sogar den Namen des Mädchens sowie des Krankenhauses. Das Mädchen wurde in ein rund 1.800 Kilometer entferntes Spezialkrankenhaus gebracht, nachdem eine Klinik in Espírito Santo den Eingriff abgelehnt hatte. Vor dem Krankenhaus hatten sich Abtreibungsgegner und konservative Politiker versammelt, die den zuständigen Arzt als "Mörder" bezeichneten.

Vergewaltigungen sind in Brasilien trauriger Alltag

Besonders bitter: Ausgerechnet die brasilianische Familienministerin Alves startete den Shitstorm gegen das Vergewaltigungsopfer.

Die Zehnjährige konnte nur unter Polizeischutz die Klinik betreten. Die aggressiven Szenen schockierten viele Brasilianer*innen. Das vergewaltigte Mädchen wurde erneut zum Opfer gemacht, diesmal in einem ideologischen Streit. Auf illegale Abtreibungen ohne Gerichtsurteil stehen bis zu drei Jahre Haft für die Frau und denjenigen, der den Eingriff durchgeführt hat.

An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Dem brasilianischen Jahrbuch für öffentliche Sicherheit zufolge werden stündlich vier brasilianische Mädchen unter 13 Jahren vergewaltigt, die meisten Täter sind demnach Verwandte. Von den 66.000 Vergewaltigungsopfern in Brasilien waren 2018 mehr als die Hälfte Mädchen unter 13 Jahren. Experten beklagen, dass Vergewaltigungsopfer kaum Schutz genießen – sie müssen oft eine bürokratische Odyssee durchleiden.

So erging es auch dem zehnjährigen Mädchen, dessen Fall jetzt die Brasilianer aufwühlt. Sie lebt bei ihrer Großmutter in armen Verhältnissen und gab vor Gericht an, dass sie bereits seit dem sechsten Lebensjahr von einem Onkel vergewaltigt wurde. Radikale, rechtskonservative Gruppierungen in Brasilien wollen das Ausnahmegesetz, dass eben eine Abtreibung unter bestimmten Umständen erlaubt, abschaffen. Brasiliens Präsident Bolsanaro unterstützt dieses Anliegen.

In Lateinamerika sind Schwangerschaftsabbrüche nur in fünf Ländern ohne Einschränkungen zulässig: Kuba, Uruguay, Guyana, Französisch-Guayana und Puerto Rico, das zu den USA gehört. In Ländern wie El Salvador, Honduras, Nicaragua, Haiti und der Dominikanischen Republik ist eine Abtreibung für Frauen verboten – es drohen ihnen hohe Strafen. In allen anderen Ländern Südamerikas sind Schwangerschaftsabbrüche nur unter sehr strengen Auflagen erlaubt.

[Text: Zusammen mit dpa/sw]

  • Quelle:
  • Noizz.de