Oliver Riek (36): „Ich habe 15 Jahre für den Ausstieg aus der rechten Szene gebraucht”

Gerrit-Freya Klebe

Poesie & Politik
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Wie aus einem normalen Teenager ein überzeugter Nazi wurde

Wenn ein Jude stirbt, trinkt Oliver Riek einen Shot Korn. Das braune Getränk benetzt seine Lippen, er wird schnell betrunken. In „Schindlers Liste” sterben schließlich viele Juden. Doch für ihn ist das kein tragischer Film, für ihn ist das pure Unterhaltung. Ein kleines Mädchen wird vergast: Korn. Ein Mann wird erschossen: Noch mehr Korn.

Neben ihm auf dem Sofa sitzen seine Kumpels und grölen. Der 19-Jährige stimmt mit ein: „Schlimm, was damals passiert ist“, lallt er. „Aber nur, weil sie nicht alle erwischt haben.“

Das war im Jahr 2000, doch Oliver Riek erinnert sich noch gut daran. Er sagt, er ekelt sich vor sich selbst. Er kann gar nicht glauben, dass diese Worte seinen Mund verlassen haben, dass er das überhaupt gedacht hat.

Heute arbeitet er als Kellner in einem Hamburger Restaurant, bedient Türken wie Araber und immer lächelt er freundlich und fragt nach den Wünschen. Mehr als 15 Jahre hat er für den Ausstieg gebraucht. 15 Jahre, um seinen Hass zu zähmen und wieder zurück zu finden. Der Einstieg war so viel leichter.

Oliver Riek erinnert sich Foto: Gerrit-Freya Klebe

Mit 16 fängt er eine Lehre beim Bäcker an. Während er Hochzeitstorten mit Blumen verziert, unterhält er sich mit seinem Chef. Vor allem ein Thema interessiert die beiden: Politik. Er lernt nicht nur das Backen von ihm, sondern auch Verschwörungstheorien und wie man Ausländer hasst. Deutschland befinde sich immer noch im Krieg, erklärt ihm der Bäcker. Das Wort Personal in Personalausweis bedeute, dass alle Deutschen Sklaven seien.

Oliver Riek glaubt ihm das, ungesehen, ohne es nachzuprüfen. 1997 gab es Google noch nicht. Er hat keine Freunde, die ihn davon abhalten könnten, mit denen er darüber reden könnte. Oliver Riek ist Einzelgänger.

Ein Freund des Bäckers nimmt ihn mit zu einem Treffen, die Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg versammelt sich in einer alten Villa. Dort wird man nur über persönliche Kontakte aufgenommen.

Sie fahren im Auto gemeinsam nach Schleswig-Holstein. Riek erinnert sich an einen großen Garten, an einen Pavillon mit Bierzeltgarnituren. Ein Lagerfeuer lodert, am Ende des Abends springen alle darüber. Die Nachbarn wohnen zu weit entfernt, um irgendetwas mitzubekommen.

An diesem Abend trifft Oliver Riek zum ersten Mal auf die rechtsradikale Szene. Doch die Leute sind nicht so, wie er sie sich vorgestellt hat: Es sind Anwälte, Ärzte, der Filialleiter einer Commerzbank, der NPD-Mitgliedern Konten verschafft. Oliver Riek fühlt sich sofort wohl und findet alle sehr nett. Er ist der Jüngste, die Mitglieder stellen ihm Fragen, wirken interessiert.

Er denkt: Das sind intelligente Menschen, die können nicht falsch liegen. Ein elitärer Kreis, der die Wahrheit kennt. Er findet die Freunde, die er sonst nicht hat, er weiß noch nicht, dass sie Menschen genauso schnell wieder fallen lassen, wie sie sie aufnehmen. Er trinkt Bier aus Flaschen und wird noch am selben Abend „Fux”.

Das heißt, dass er Anwärter auf eine Mitgliedschaft ist. Er bekommt ein schwarz-weißes Band, das er von nun an von der rechten Schulter wie eine Scherpe tragen soll. Vollmitglieder haben rot, weiß, schwarz, die umgekehrten Reichsfarben. In den nächsten zwei Jahren muss er sich in zahlreichen Mutproben bewähren, er muss zeigen, dass er das wirklich will. Erst nach dieser Frist ist er ein vollwertiges Mitglied.

Eine Deutschlandfahne hängt am Burschenschaftshaus Foto: Gerrit-Freya Klebe

Und Oliver Riek will. Er hat nun einmal in der Woche Unterricht, die Paukstunde, abends 18 Uhr, Anwesenheitspflicht. Wer nicht kommt, muss Strafaufsätze zur nächsten Stunde schreiben, mindestens zehn Seiten. Es geht um deutsche Geschichte, Antisemitismus, Heimatkunde, Germanenkult und Rassenlehre.

Sie schreiben auch Tests, die mehrere Stunden dauern. Wer die Note 1 hat, darf von da an eine schwarze Schirmmütze bei den Treffen tragen. Oliver Riek ist einer von ihnen.

Auch Ausflüge gibt es. Einmal sitzen sie in einem Reisebus und fahren nach Niedersachen auf einen Gasthof. Dort treffen sie einen SS-Überlebenden. Er wird gefeiert wie ein Popstar und erzählt von Einsätzen an der Front, von toten Feinden, neben ihm sitzt ein Moderator und stellt Fragen.

Zum Schluss stehen die Burschen in einer Reihe und lassen sich ein Autogramm geben. Auch Oliver Riek. Auf der Rückseite eines Kellnerblocks bewahrt er die Unterschrift seines Helden auf. Nur Fotos soll er keine machen. Auch keine E-Mails an andere Mitglieder schreiben oder sie anrufen. Das nächste Treffen wird mündlich ausgemacht.

Auch sein Alltag verändert sich. Er isst nun keinen Döner mehr, auch McDonald’s ist Tabu. Die Alliierten dürfe man nicht unterstützen, auch die Franzosen nicht. Levi’s-Jeans gehen gar nicht, der war schließlich Jude. Italienisch und Japanisch seien in Ordnung, das seien ja schließlich Verbündete. Schuhe nur noch von adidas, das ist ja eine deutsche Firma. Riek nennt es später die „Nazi-Diät“.

Italienisch zu essen, war in Ordnung Foto: Gerrit-Freya Klebe

Zur gleichen Zeit fängt er an, sich mehr für seine Herkunft und die Geschichte seiner Familie zu interessieren. Vor allem seiner Oma stellt er viele Fragen. Sie gibt ihm ein Fotoalbum, dort sieht er Bilder seines Großvaters. Er blättert durch die Seiten und findet einen Wehrpass und Rangabzeichen, Bahnhöfe und die Front auf Fotos.

Sein Opa war ein überzeugter Nationalsozialist. Und er wird sein größtes Vorbild, Oliver Riek eifert ihm nach, und fühlt sich in seinem Denken bestätigt. Er wächst ohne Vater auf und so ist der tote Opa sein männliches Ideal in der Familie.

Was er in der Burschenschaft macht, erfahren weder seine Mutter noch seine Großmutter. Auch nicht, dass er NPD wählt. Wenn ein Bursche sagt, er muss etwas machen, muss er es tun, sonst wird er bestraft. Und so öffnet er am helllichten Tag seine Hose und pinkelt gegen Judendenkmäler oder die Heinrich-Heine-Statue vor dem Hamburger Rathaus.

Oliver Riek vor der Heinrich-Heine-Statue in Hamburg Foto: Gerrit-Freya Klebe

Einmal in der Woche hat er Fechtunterricht auf einem alten Dachboden. Er zieht einen schweren Schweinslederharnisch an und eine Halskrause, um die Schlagader zu schützen. Über Augen und Ohren wird eine Stahlgitterbrille gezogen, die Spange bohrt sich in seinen Hinterkopf, er steckt einen Handschuh dazwischen, um den Druck zu mindern.

Er darf als Fux auch noch einen Lederhelm tragen, das ist ja hier nur eine Übung. Doch später als Bursche fechtet man nicht mehr mit ungeschliffenen Degen, sondern mit scharfen Stahldegen. Burschen gehen nicht zu Gericht, wenn sie Streit miteinander haben, sie fechten eine Mensur, es geht um Ehre. Beide Männer stehen einen halben Meter voneinander entfernt und dürfen sich nicht bewegen, nur die Degen zittern in der Luft, wenn die Schläge pariert werden.

Wer einem anderen zuerst eine Wunde an der Wange oder der Stirn zufügt, gewinnt. Ein Burschenschaftsarzt näht die dann, ins Krankenhaus darf man damit nicht, solche Duelle sind offiziell verboten. Doch wer in der rechten Szene viele Schmisse im Gesicht hat, wird bewundert.

Auf abgedunkelten Dachböden übt er das Fechten Foto: Gerrit-Freya Klebe

Am Wochenende verbringt Riek seine Zeit in Kneipen. Der Vorsitzende nimmt seinen Degen und haut einmal auf den Tisch, Kneipe schlagen, heißt das, der Abend ist eröffnet. Oliver Riek muss Fuxstoff bringen, also Bier servieren. Er hetzt vom Tresen zum Tisch und wieder zurück, als er zu langsam ist, wird er bestraft und muss einen halben Liter Salzwasser auf Ex trinken. Am nächsten Morgen wacht er im Rosenbeet auf, er liegt in seiner Kotze wie auf einem Kissen.

Und dann kommt ein Brief zu ihm nach Hause: Er wird zum Wehrdienst eingezogen, in eine Kaserne nördlich vom Bodensee. Nach zwei Wochen darf er zum ersten Mal am Wochenende nach Hause, es ist Winter, die Gleise vereist, er braucht 14 Stunden. Er ist müde, möchte die Zeit bei seiner Familie verbringen und verpasst so mehrere Burschenschaftstreffen.

Er wird rausgeworfen, noch bevor er die zwei Jahre Probezeit bestanden hat, wegen Ungehorsam und Unbrauchbarkeit. Er erkennt, dass sie gar nicht mit ihm befreundet sein wollten, sondern nur Mitglieder anwerben wollten und ist enttäuscht. Doch den Hass trägt er immer noch in sich und lebt ihn nun bei der Bundeswehr aus.

Abends trinkt er mit seinen Kameraden Bier und erzählt Judenwitze, doch sie stoppen ihn nicht. Sie sagen: „Der war gut, aber ich hab da auch noch einen.” Einmal torkelt er mit einem Kameraden an der Davidwache vorbei und stimmt das Horst-Wessel-Lied an. Beide singen das Lied, sowohl Melodie als auch Text sind in Deutschland verboten.

Als sein Dienst zu Ende geht, entscheidet er sich, eine Ausbildung zum Restaurantfachmann zu machen. Seine erste Anstellung bekommt er im Baseler Hof in Hamburg, das Lokal hat die Schwerpunkte Integration und Inklusion. Und zum ersten Mal ist er gezwungen, mit Ausländern zusammenzuarbeiten. Seine Vorurteile prallen mit der Realität zusammen und stellen sich als falsch heraus. Riek sagt, in der Gastronomie hat er viel gelernt, nicht nur wie man Gläser poliert, sondern auch, über das eigene Verhalten nachzudenken und zu reflektieren.

In den 15 Jahren hat er viel gelernt Foto: Gerrit-Freya Klebe

An einem Abend sitzt er mit seinen Kollegen in der Kneipe. Riek trinkt viel Bier und beginnt wieder, rechte Parolen rauszuhauen. Dann sagt der Wirtschaftsdirektor, dass sie gerne mal vor die Tür gehen können, um das zu klären. Oliver Riek reißt sich zusammen, die Arbeit ist ihm schließlich wichtig.

Eine Kellnerin kommt aus Afghanistan und ist minderbegabt, sie muss deshalb nur fünf Tische bedienen. Oliver Riek denkt sich: Was soll das? Sie macht nicht dieselbe Arbeit wie alle anderen, blockiert eine Arbeitsstelle, das kann doch nicht sein. Als er mit einer Kollegin Besteck poliert, spricht er darüber. Sie ist entsetzt, fragt ihn: Wie kann man nur so unmenschlich denken? Das Mädchen käme schließlich aus einem Kriegsgebiet, sei sicher traumatisiert.

Ein Kollege von ihm ist Spüler und kommt aus Afrika, bei einer Veranstaltung wäscht er an zwei Tagen jeweils 18 Stunden lang Töpfe und Teller. Als der Chef fragt, was er nach Feierabend möchte, sagt er: ein Bier. Mehr nicht. Oliver Riek beobachtet die Szene und hat Respekt. Respekt vor seinem Kollegen, der für wenig Geld diese schwierige Arbeit macht, und dabei immer lächelt und fröhlich ist, sich nie beschwert. Der ist cool, denkt er sich.

Oliver Riek beginnt nachzudenken, zuerst sind nur die Kollegen nett, aber alle anderen nicht. Wenn er eine Araberin auf der Straße mit ihren Kindern sieht, denkt er noch immer: Das ist auch das einzige, was die kann. Kinder kriegen und das Geld abgreifen, eine Schande für das Land. Er braucht noch zehn Jahre und einige Begegnungen, bis sich das ändert.

Oliver Riek ist heute Aussteiger und hält bei Kurswechsel Hamburg Vorträge Foto: Gerrit-Freya Klebe

Fußball-WM, Sommer 2006. In der Halbzeitpause geht Oliver Riek zu Rewe, um mehr Bier zu kaufen. Vor ihm in der Schlange stehen zwei Türken mit breitem Kreuz. Plötzlich überkommt ihn blanker Hass, er ballt die Fäuste in der Hosentasche und zieht die Schultern hoch, denkt sich: Wenn die beiden nicht hier wären, müsste er nicht warten und könnte das Spiel weitersehen.

Dann dreht sich einer um. Oliver Riek starrt ihn an, er hat Angst, dass er laut gedacht hat, und es jetzt Ärger gibt. Doch der Mann lächelt ihn freundlich an und als er sein Deutschlandtrikot sieht, sagt er: „Jo, viel Glück noch heute. Ich bin auch immer für Deutschland. Nur wenn die Türkei spielt, bin ich für die Türkei.”

Frühling 2009. Ein pakistanischer Student fragt ihn im Bus nach dem Weg, er spricht nur gebrochen Deutsch. Zuerst will sich Oliver Riek wieder wegdrehen, mit so jemandem redet er nicht. Doch dann tut er es doch, als Kind hat er gelernt, auf Fragen zu antworten. Für den Rest der Fahrt unterhalten sie sich, draußen zieht die Innenstadt vorbei.

Riek findet ihn interessant, gibt ihm sogar seine Nummer und sagt, er könne sich gerne melden, wenn er noch mehr von Hamburg gezeigt haben möchte. Yafin meldet sich und wird sein erster ausländischer Freund seit der Burschenschaft.

2013 kommt sein Sohn zur Welt. Er sagt, er möchte ihm ein Vorbild sein und ihn offen erziehen. Und er lernt auch von ihm: Es ist egal, wo der andere herkommt oder ob er behindert ist, sein Sohn spielt mit allen Kindern.

Weihnachten 2016. Im Hinterhaus wohnt eine syrische Familie, das Mädchen klingelt bei Oliver Riek und schenkt ihm Gebäck. Es ist schüchtern und läuft ganz schnell wieder davon. Riek steht in der Tür, schaut zu, wie die langen schwarzen Haare hinter einer Ecke verschwinden und umklammert den Pappteller, darauf ist gelb gefärbter Blätterteig.

Er weiß nicht, was er sagen soll. Doch er probiert und es schmeckt ihm. Er setzt sich an seinen Computer und googelt „syrische Traditionen“. Er liest, dass dieses Gebäck an Nachbarn verschenkt wird. So zeigt man ihnen, dass man sie mag. Oliver Riek lächelt.

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