Erst musste man sie unbedingt haben, und dann hatte man sie an der Backe.

Gerade wird mal wieder nach einem Endlager für den gefährlichen Atommüll gesucht. Nun offiziell per Gesetz und mit Zielforgabe. Zeit also für mich, zurückzublicken. Denn als erste Kernkraftwerk 1962 in Deutschland eröffnete muss es einfach genauso gewesen sein, wie als ich als 14-Jährige mein erstes paar High Heels wollte. Erst gab es nichts, was man sehnlicher brauchte und dann. Nun ja.

2004: Ich war High-Heel-euphorisch! Die Musikvideos zeigten mir damals überall High Heels. Brittney Spears in High Heels, Christina Aguilera in High Heels, Kelis in High Heels – alle in High Heels!

Ich fand es war an der Zeit mein 14-jähriges Selbst mit diesem Inbegriff der Weiblichkeit auszustatten.

Ähnlich war das auch in den 50er Jahren mit der Atomkraft. Damals herrschte eine wahre Atomeuphorie. Es gab Pläne für Autos mit eingebautem Minireaktor als Antrieb, Entwürfe für atombetriebene Züge und Flugzeuge. Sogar Kinderspielzeug mit Uran! Atom galt als Inbegriff des Fortschritts und der sauberen Energiegewinnung.

Im „Atomic Energy Lab Spielkoffer” für Kinder wurde ein wenig Uran mitgeliefert Foto: Webms (online) / wikimedia Commons

„Atoms for Peace” (Atome für den Frieden) ist eine der berühmten Formulierungen aus der Zeit, die all die Hoffnungen ausdrückten. Und das nur wenige Jahre nachdem etwa 200.000 Menschen in Hiroshima und Nagasaki durch Atombomben getötet wurden. Aber man glaubte damals die Technik zivil beherrschbar zu machen.

„Die Atomenergie schafft aus der Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling”, schrieb beispielsweise der Philosoph Ernst Bloch in 'Das Prinzip Hoffnung', das in den 50er Jahren erschien.

Aber nicht nur er waren Fan der Technologie: Auch die Gewerkschaften und die SPD fanden das eine tolle Sache. Man versprach sich neue Arbeitsplätze und vor allem viel günstigen Strom. Denn zumindest in der Produktion ist Atomenergie günstiger als Beispeilsweise der aufwändige Kohlestrom. Heute sehen sie das aber anders.

Ich habe sie damals un-un-un-unbedingt gebraucht!

Dennoch, damals musste auch Deutschland mitmischen! Das Ziel: eigene Atomreaktoren zur Energiegewinnung! Dafür gab es sogar eigene Atomminister.

Mein Ziel war etwas niedriger angesetzt: High Heels mit Pfennigabsätzen waren das Objekt der Begierde. Zehn Zentimeter hoch, in Weiß-Pink und irgendwie glänzend, das war das Paar der Wahl. Ich glaube es waren auch Strasssteine dran. Sie waren also rückblickend einfach grässlich. (Wie gesagt: Die Atomkraft-Sache erinnert mich ziemlich an mich und eben jene High Heels.)

In der Argumentation erkenne ich mich auch wieder

Der deutsche Atomminister sagte: „Wer keine Atomkraft im Angebot hat, der wird auch keine Staubsauger mehr verkaufen.”

Ich sagte: „Wer keine High Heels als Teenager hat, wird kein erfülltes Erwachsenendasein haben können!”

Und ich schwöre ich hab das mit 14 genau so ernst gemeint wie der damalige Atomminister! Wochenlang hab ich auf meine Mutter eingeredet.

Meine Mutter hat mich gewarnt

Meine Mutter mahnte: „Hast du dir das wirklich gut überlegt? Und wie willst du in den hohen Dingern eigentlich unfallfrei laufen?“ Sie schaute mich an, als hätte ich gerade den Teerboden auf der Straße abgeleckt, auf der wir gerade liefen. Sie mahnte: „Der Spaß daran wird nicht lange halten. Guck dir die doch genauer an. Die sind doch schrecklich.”

Aber hey, welcher Teenie lässt sich gerne von seiner Mutter reinreden?

Auch bei der Atomkraft war es in den 50er Jahren ähnlich. „Hey, es gibt Warnungen, dass die Dinger in die Luft fliegen können, hey, die Brennstäbe werden Jahrtausende Jahre lang Stahlung abgeben. Und: Wohin eigentlich mit dem atomaren Müll?”

Alles egal. Wie ich glaubte das Laufen in den Teilen zu lernen, dachte die Forschung damals, bald werde der technologische Fortschritt soweit sein, dass sich da eine Lösung finden ließe. Zauberei oder so. Wer weiß.

Der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker meinte noch 1969, der ganze Abfall des Jahres 2000 werde in einen Kasten passen, und ab damit in ein Bergwerk – „Problem gelöst”.

Die 8b ist nicht das neue Britney Spears Video

Als ich mich morgens so mit den Pfennigabsätzen im Spiegel sah, wurde mir klar: Ich geh gleich in die 8b und nicht zum Dreh des Britney-Spears-Videos. Laufen konnte ich eh nicht in denen.

Immerhin einmal habe ich sie angezogen. Zum Müllrausbringen, weil die einfach so dalagen. Und dabei bin umgeknickt. Au. Das wars dann. An der Atomenergie hat man immerhin 60 Jahre festgehalten. Aber auch schon da war eigentlich nie ganz kalr: Was machen wir eigentlich mit dem ganzen radioaktven Müll?

Leider ist das mit der Atomenergie nicht so einfach wie mit den Schuhen

Die Schuhe hab ich dann irgendwann heimlich entsorgt. Bei dem Atommüll ist das nicht so easy. Obwohl seit 40 Jahren gesucht wird, ist noch kein Endlager für die alten Brennstäbe in Sicht. So gut wie jedes Bundesland hat schon Gutachten vorgelegt, warum ein Endlager bei ihnen unter keinen Umständen möglich wäre.

Denn keiner will das atomare Zeug haben. Das Problem ist halt: So'n Endlager müsste 'ne schlappe Million Jahre halten. Denn so lange stahlt der Müll einfach. Umweltministerin Barbara Hendricks hat das ziemlich eindrucksvoll in ein Zitat gepackt: „Über 30.000 Generationen werden noch von den Folgen der Atom-Technologie betroffen sein, die bei uns gerade einmal 60 Jahre in Betrieb war.”

Nun hofft die Bundesregierung mit einem neuen Gesetz doch ein Lagerplatz zu finden. In den nächsten 14 Jahren soll ein Platz gefunden werden.

Erst ein einziges Land auf der Welt hat ein Endlager-Standort ausgemacht: Schweden. 2020 sollen erste Brennstäbe eingelagert werden – für 100.000 Jahre. Eingeschlossen in tonnenschweren Kupferkapseln und in einer zusätzlichen Betonschicht. Nur: Forscher warnen auch hier, dass das das Kupfer sich ohne Sauerstoff auflösen kann und dann radioaktive Stoffe ins Grundwasser gelangen könnten.

Quelle: Noizz.de