Über eine der wichtigsten Fragen der Gegenwart.

Ist Deutschland deine Heimat? Eine Frage, die in Zeiten von Flüchtlingskrisen, Rechtspopulismus und gesellschaftlicher Offenheit aktueller ist als je zuvor. Diese Frage diskutiert jetzt auch die neue Doku ARD-Doku Heimatland, die aus derselben Schmiede stammt wie Böhmermanns Neo Magazin Royale – nämlich der bildundtonfabrik. Diese besetzt mit seinem Projekt docupy immer wieder große, gesellschaftsrelevante Themen, zuletzt ging es um Ungleichheit in Deutschland.

Jetzt also die Frage, wer Deutschland eigentlich seine Heimat nennen darf und vor welchen Herausforderungen unsere Gesellschaft in dieser Hinsicht steht.

Die Globalisierung ist gesichtslos, und die Menschen wissen nicht mehr, wohin sie gehören“, zitiert die Doku die US-amerikanische Politikerin Madeleine Albright.

Heutzutage ist alles offen. Die Globalisierung hat so gut wie alle Grenzen gesprengt, und noch nie lebten mehr Menschen außerhalb ihres Herkunftslands als heute. Mit der gewonnen Freiheit geht auch eine gewisse Unsicherheit einher: „Der moderne Mensch muss anpassungsfähig sein. Nun werden die lauter, denen diese Entwicklung nicht passt“, sagt die Off-Sprecherin in Heimatland.

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In Zeiten wie diesen – Zeiten der Neuordnung – macht sich, so formuliert es die Doku, ein allgemeines Heimatfieber breit. Gemeint ist eine Sehnsucht nach Heimat, die so übertrieben ist, dass sie zu einer Angst vor alldem wird, was man nicht kennt. Mittlerweile ist dieses Heimatfieber in Deutschland so groß, dass wir seit März 2018 sogar ein Ministerium haben, das sich einzig und allein der Heimat widmet. Bisher ohne vorzeigbaren Erfolg. Für SPD-Politiker Heiko Maas kein Wunder: „Ein Heimat-Ministerium ist Quatsch. Jeder, der hier lebt, ist dafür verantwortlich, dass sich alle hier wohlfühlen“, so der Außenminister in der Doku.

Das Heimatfieber – gerechtfertigt?

Heimatland nimmt uns mit nach Köln-Widdersdorf – dem größten privaten Neubaugebiet Deutschlands. Dort leben ungefähr 3.000 solcher vom Heimatfieber befallenen Deutschen zusammen mit 7.000 Zugezogenen. Die gebürtigen „Deutschen“ wohnen hier hinter Hecken, Zäunen und Mauern, so auch das Ehepaar Jänicke. Das tun sie, obwohl die Kriminalitätsrate der Stadt so niedrig ist wie fast nirgendwo sonst in Deutschland. Unter den Nachbarn kommuniziert man oft über WhatsApp oder in Facebook-Gruppen:

„Bin ich eigentlich die Einzige, die beunruhigt ist, weil am Ende des asphaltierten Feldwegs mittlerweile sieben Wohnwagen stehen?“ – „Ich tippe mal auf Roma und Sinti. Habe ich zu viele Vorurteile, wenn ich fürchte, dass die Einbrüche zunehmen könnten?“ – „Ja, liebe Nachbarn. Ich bin beunruhigt. Wer noch? Und wer nicht?“

Währenddessen gehen die „Ausländer“ der Stadt ihrem normalen Alltag nach: Die Doku-Macher haben nämlich den Eindruck, dass es sich dabei durchweg um Familien handelt, die fließend und akzentfrei Deutsch sprechen und schon seit vielen Jahren in Deutschland wohnen und arbeiten. Aber das bekommen die Jänickes gar nicht mit – man redet ja nicht miteinander.

Das unsichtbare Netz

Im Osten Deutschlands organisiert sich unterdessen eine neue Form von Rechtsextremismus in weit vernetzten Kleinbetrieben. In der Hansestadt Anklam in Mecklenburg-Vorpommern sind, so der Schätzwert in Heimatland, rund 40 Prozent der Einwohner rechtsextrem und durch ihre vernetzten Betriebe so gut organisiert, dass der Bürgermeister der Stadt keine andere Chance mehr sieht, als es einfach zu akzeptieren. Eine spannende Recherche, die einen fassungslos zurücklässt – und die in ihrer ganzen Tiefe zeitgleich im aktuellen ZEITmagazin erschienen ist.

Bei Ehepaar Jänicke findet in der Zwischenzeit ihr alljährliches Herbstfest im Garten statt. Eingeladen sind ihre deutschen Freunde, die sie schon ihr halbes Leben kennen. Bei Grillsteak und Kölsch lassen es sich die Rheinländer gut gehen – die Männer am Männertisch, die Frauen am Frauentisch. „Die Masse, die hier (nach Widdersdorf) reingezogen ist, sind effektiv Ausländer“, erklärt einer der Freunde.

Am Ende läuft es wohl auf eine Frage hinaus: Was für ein Land wollen wir sein? Heimatland zeigt, dass nicht jeder Mensch in Deutschland darauf dieselbe Antwort hat.

Quelle: Noizz.de