Online-Konferenzen durch beleidigende Zwischenrufe und Bilder stören – diese Taktik benutzen Internet-Trolle seit Corona, um Chaos zu stiften. Doch wieso trifft das vor allem jüdische Organisationen? Und was lässt sich dagegen tun?

Mit Corona überrollten nicht nur Kontaktsperren und erschreckende Todeszahlen die ganze Welt. Ein abstruses Phänomen beschäftigt uns gerade wie kein zweites: Verschwörungstheorien über die Pandemie. Wer hat das Virus erfunden, wem nützt es und wer soll damit mundtot gemacht werden? Und überhaupt – existiert Corona? Auf all diese – an den Haaren herbeigezogenen – Fragen haben Verschwörungstheoretiker auf der ganzen Welt Antworten, angesichts derer man sich wirklich anstrengen muss, nicht laut loszulachen.

Doch betrachtet man die ersten Opfer der Verschwörungstheorien, bleibt einem das Lachen schnell im Halse stecken. Denn wie es seit Jahrhunderten der Fall ist, wird als Sündenbock für alle Übel der Welt eine Minderheit ausgemacht, die schon oft genug unter diesem Mechanismus leiden musste: Jüd*innen. Jetzt sollen sie auch noch hinter der Corona-Pandemie stecken, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Alles klar.

Doch während es vor Corona zu vereinzelten tätlichen Übergriffen auf Jüd*innen kam (schlimm genug) und sie in einschlägigen Foren diffamiert wurden, haben Antisemiten jetzt einen neuen Weg gefunden, ihren Hass herauszulassen: Zoom-Bombing.

Was ist Zoom-Bombing?

Das Wort Zoom-Bombing leitet sich von dem Videokonferenz-Dienst "Zoom" ab, den im Moment so ungefähr jede*r nutzt, der/die aus dem Homeoffice arbeitet. Gemeint ist damit das unerwünschte Eindringen einer Person in eine Videokonferenz, das zu Störungen führt. Störungen, die meistens nicht so harmlos sind, wie Telefonstreiche sondern häufig einen politischen Hintergrund haben und durch das Einblenden von verstörenden Symbolen, Filmen oder Botschaften hervorgerufen werden: Hassbotschaften, Hakenkreuze oder sogar (Kinder-)Pornografie. So sollen Konferenzen oder Online-Veranstaltungen unterbrochen werden, deren Themen den Zoom-Bombern nicht in den Kram passen. Der Begriff Zoom-Bombing bezieht sich selbstverständlich auch auf Störungen bei anderen Videokonferenz-Diensten.

Online-Antisemitismus wächst durch Zoom-Bombing

Zwar wurden sogar digitale Schul- und Uni-Lehrvehranstaltungen Ziel von Zoom-Bombern, erschreckend ist aber vor allem die Anzahl und die Form von Zoom-Bombings gegen jüdische Organisationen.

So berichtete der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) in Berlin über einen wachsenden Online-Antisemitismus durch das Zoom-Bombing während Webinaren und Videokonferenzen mit Jüd*innen sowie bei Gedenkveranstaltungen.

"Aus rechtsextremen Kreisen in den USA gibt es gezielte Aufrufe zum Stören von Webinaren mit Juden oder Jüdinnen", sagte Pia Lamberty, Bildungsreferentin bei RIAS gegenüber der "Jüdischen Allgemeinen". Gedenkveranstaltungen zum Holocaust zu stören, sei zwar kein neues Phänomen: Doch "Menschen, die vor der Corona-Krise offline Gedenkveranstaltungen gestört haben, machen das jetzt online."

Zu jüdischen Gedenk- und Feiertags-Veranstaltungen schalten sich auch Zoom-Bomber zu

Allein von Beginn der Corona-Krise bis vor einem Monat seien RIAS sechs Vorfälle von Zoom-Bombing gemeldet worden, so Lamberty. Die Störer hätten beispielsweise Hakenkreuze gezeigt oder "Kill all Jews" gerufen. Oftmals blendeten die Täter zudem pornografische Bilder ein. Lamberty erklärte weiter: "Wir beobachten dabei eine Überschneidung von NS-verherrlichenden und anti-israelischen Inhalten." In einer Videokonferenz seien zum Beispiel eine Hakenkreuz- und eine "Free Palestine"-Fahne hochgehalten worden.

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Judenfeindliche Zoom-Bomber auf der ganzen Welt

Auch wenn der Antisemitismus in Deutschland eine lange Tradition hat und in der Geschichte immer wieder seine grausamen Ausmaße zeigte, ist er kein rein deutsches Problem – auch was judenfeindliches Zoom-Bombing angeht. Das zeigt die Liste der jüdischen Organisation "ADL", die sich gegen Vorurteile und Hass auf Minderheiten einsetzt. Auf dieser sind antisemitische Zoom-Bombings aus verschiedenen Ländern aufgeführt.

Demnach enthüllte etwa ein VICE-Artikel am 2. April, dass User der Plattform 8kun (früher als 8chan bekannt) eine richtige Zoom-Bombing-Kampagne gegen eine jüdische Schule in Philadelphia planten. In Argentinien sei eine Online-Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag von Zoom-Bombern durch "Kinder-Pornografie" unterbrochen worden. In Kanada schalteten sich Bomber in das Webinar einer Stiftung gegen Antisemitismus ein, riefen "Sieg Heil" und zeigten rassistische und pornografische Bilder. Bei anderen aufgeführten Zwischenfällen wurden Hakenkreuz-Tattoos gezeigt und sogar Pistolen in die Kamera gehalten.

Was kann ich gegen Zoom-Bombing tun?

Neben dem Faktor, dass wichtige Veranstaltungen durch Zoom-Bombing ausfallen können, ist vor allem eines sehr bedenklich: Der Einfluss, den antisemitische Bilder und Beleidigungen auf Jüd*innen haben können, die sich sowieso schon bedroht fühlen oder gar schon einmal angegriffen wurden.

Deshalb gilt es, diese Zwischenfälle zu verhindern. Zu diesem Zweck wurde die Einstellung des "Waiting Rooms" eingeführt. Dieses Tool ermöglicht dem Host des Meetings auszuwählen, wer der Konferenz beitreten darf. Eine weitere Möglichkeit ist es, den virtuellen Konferenzraum zu schließen, also mit einem Klick jegliche Neuzugänge zum Meeting auszuschließen. Während eine Konferenz schon läuft, kann ein Host zudem alle Teilnehmer*innen stumm schalten – unerwünschte Zwischenrufe können so verhindert werden.

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Quelle: Noizz.de