Disney bedankt sich im Abspann des neuen "Mulan"-Films bei chinesischen Behörden, die die muslimische Bevölkerung der Uiguren vor Ort stark unterdrücken. Gehirnwäsche, Zwangsarbeit – was geht dort eigentlich vor? Wir haben einen Uiguren gefragt.

Als der Trailer für die Realverfilmung von "Mulan" veröffentlicht wurde, drehten so gut wie alle Disney-Fans vor Freude durch: Endlich wieder eine richtiger Knaller von dem Unterhaltungs-Riesen – und dazu auch noch mit feministischer Storyline!

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Demokratieproteste in Hongkong

Doch wir freuten uns zu früh. Bereits vor Filmstart auf Disney+ riefen Aktivist*innen dazu auf, den Film zu boykottieren, weil die Hauptdarstellerin Liu Yifei sich für die Hongkonger Polizei im Umgang mit den Demokratieprotesten in Hongkong ausgesprochen hatte. Jetzt ist der Film tatsächlich online – und die Boykottaufrufe werden immer lauter.

Pro-Demokratie-Aktivist Joshua Wong

Uiguren am "Mulan"-Drehort unterdrückt

Der Grund: Gedreht wurden Teile des Films in der Provinz Xinjiang, in der die muslimische Minderheit der Uiguren lebt. Das Turkvolk wird seit Jahrzehnten von der chinesischen Regierung unterdrückt, die Mitglieder werden in ihren Rechten beschnitten. Seit vergangenem Jahr ist bekannt, dass die kommunistische Führung in Xinjiang sogenannte Umerziehungslager betreibt. Dort werden Hunderttausende von Uiguren zwangsinterniert, zu Arbeitsdiensten gezwungen und mit Propaganda beschallt. Zudem sollen tausende Frauen zwangssterilisiert worden sein. Doch das Problem ist nicht nur, dass Filmszenen von "Mulan" zum Teil nur wenige Kilometer von diesen Arbeitslagern entfernt gedreht wurden.

Disney bedankt sich bei Propagandaabteilung

Für mehr Kritik sorgt, dass sich Disney im Abspann sogar bei Organisationen bedankt, die aktiv an diesen Arbeitslagern beteiligt sind. Mit "Special thanks" werden im Abspann acht chinesische Regierungsorganisationen bedacht, darunter auch das "Büro für Öffentliche Sicherheit in Turpan", einer Stadt im östlichen Teil der Provinz, wo sich nachweislich mehrere solcher Lager befinden. Auch bei der Propagandaabteilung der "kommunistischen Partei für die autonome Region Xinjiang" bedankt sich Disney im Abspann.

Der bekannte Hongkonger Demokratieaktivist Joshua Wong schrieb auf Twitter, dass der Film Mulan nur Whitewashing für die Verbrechen der chinesischen Regierung an den Uiguren betreiben soll – wer sich "Mulan" ansehe, ignoriere nicht nur Polizeigewalt und Diskriminierung, sondern mache sich auch zum Komplizen der massenhaften Inhaftierung von Uiguren. Auf Twitter trendet mittlerweile der Hashtag #boycottmulan.

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NOIZZ-Interview mit einem Uiguren

NOIZZ sprach mit einem Uiguren, der seit 15 Jahren in Deutschland im Exil lebt . Haiyuer Kuerban stammt aus der Provinz Xinjiang, auch Ostturkestan genannt. Damals kam er als Student nach Deutschland, da ihm als Uiguren in China die meisten Arbeitsmöglichkeiten verweigert geblieben wären. Hier engagiert er sich als deutscher Vertreter im Weltkongress der Uiguren, um für die Rechte seines Volkes einzutreten. Wegen dieser Arbeit darf er nicht mehr in seine Heimat zurückkehren.

Haiyuer Kuerban

NOIZZ: Wie die Situation für Uiguren in China, bevor Sie nach Deutschland kamen?

Haiyuer Kuerban: Die Situation dort ist schon seit langer Zeit sehr schwierig. Wovon die Medien in der letzten Zeit berichten, ist nur die Zuspitzung einer Lage, die seit mindestens 70 Jahren immer schlimmer wird. Die Uiguren leiden massiv unter den Menschenrechtsverletzungen der kommunistischen Regierung Chinas. Seit der Machtübernahme der kommunistischen Partei in China 1949 hat diese immer wieder versucht, die kulturelle Identität und die Selbstbestimmung der uigurischen Bevölkerung zu untergraben. Durch gezielte Assimilationspolitik, Geburtenkontrolle, inoffizielle und unbegründete Festnahmen und durch wirtschaftliche und politische Benachteiligung.

Warum haben Sie sich entschieden, aus Ihrer Heimat nach Deutschland zu ziehen?

H.K.: Auf einem Arbeitsmarkt wie dem in China, wo es mehr Menschen als Arbeitsplätze gibt, muss man sich sehr um Arbeit bemühen. Ein Auslandsstudium war zu der Zeit ein wichtiger Vorteil dabei, einen Arbeitsplatz zu bekommen. So kam der Wunsch danach auf, überhaupt im Ausland zu studieren. Zudem ist es aber auch so, dass viele Betriebe in China staatlich sind – in diesen Betrieben hat man als Uigure kaum eine Chance, einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Hat es Ihnen die chinesische Regierung damals schwer gemacht, als Uigure im Ausland zu studieren oder überhaupt auszureisen?

H.K.: Es war nicht nur für mich, sondern für die gesamte uigurische Bevölkerung extrem schwer, einen Reisepass zu bekommen. Normale Han-Chinesen (mit 92 Prozent größte Volksgruppe Chinas, Anm. d. Red.) müssen und mussten nur wenige Formalien erfüllen, um einen Pass zu bekommen. Als Uigure musste ich fast zwanzig Stempel von verschiedenen Behörden holen, damit er überhaupt genehmigt wurde. Heute können Uiguren nicht mehr ausreisen, so wie ich damals. Seit der Einführung der Internierungspolitik der chinesischen Regierung, ungefähr ab 2016, ist die Lage der Bevölkerung noch schlimmer geworden als sowieso schon. Schon allein einfachste Reisefreiheiten – dass man vom eigenen Haus zum Haus seiner Mutter geht – sind extrem eingeschränkt. In letzter Zeit habe ich kaum von jemandem gehört, der China noch verlassen konnte.

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Haben Sie aktuell Kontakt zu Familienmitgliedern, die noch in Ostturkestan leben? Und wenn ja – was erzählen diese?

H.K.: Im Februar 2017 hatte ich für lange Zeit zum letzten Mal Kontakt zu meiner Mutter – da befand sich die chinesische Internierungspolitik gerade auf ihrem Höhepunkt. Uiguren wurden massenweise in Lager interniert, wurden einer Art Gehirnwäsche unterzogen, man hörte von Folter und Zwangsarbeit. Nach diesem letzten Gespräch verlor ich den Kontakt zu meiner ganzen Familie komplett. Erst im Oktober 2019 schaffte ich es, erneut Kontakt zu meiner Mutter aufzunehmen. Sie ist die einzige Person aus meiner Familie, die ich erreichen kann.

Als meine Mutter und ich nach zwei Jahren zum ersten Mal wieder telefonierten, kam sie mir sehr verändert vor. Sie wirkte eingeschüchtert und ihre Sprache war eine völlig andere. Wörter, die mit Religion zu tun haben, verwendete sie plötzlich nicht mehr und war auch verängstigt, wenn ich sie benutzte. Zum Beispiel "Inschallah", also "Wenn Gott es will". Das hat nicht einmal unbedingt etwas mit Religiosität zu tun, sondern ist eher ein Sprichwort, das man beiläufig verwendet. Bei solchen Begriffen wird so sofort nervös und legt manchmal auf.

Bevor wir den Kontakt verloren war sie auch überhaupt nicht politisch interessiert – aber in unseren letzten Gesprächen lenkte sie das Thema immer wieder auf die kommunistische Partei und dass man dieser dankbar sein muss. Das klingt immer, als versucht sie, einen geschriebenen Text wiederzugeben.

Das schlimmste ist aber, dass sie keine Begriffe mehr benutzt, die irgend ein Gefühl von Liebe vermitteln – unsere Telefonate sind sehr trocken. Unser Gespräch nach dem langen Kontaktabbruch dauerte nicht einmal zwei Minuten. Es war nicht mehr als ein Lebenszeichen. Seitdem spreche ich mit ihr alle zwei Monate einmal – wenn ich Glück habe.

Wie fühl sich das Leben im Exil für Sie an? Wie stark ist der Wunsch nach einer Rückkehr in die Heimat?

H.K.: Mein Leben hier ist in materieller Hinsicht gut. Meine Frau und ich haben stabiles Einkommen, Kinder und den Wohlstand erreicht, den sich ein normaler Bürger wünscht. Aber wir haben unsere Freude verloren. Wir sind zwar gut in die deutsche Gesellschaft integriert, trotzdem fühlt es sich so an, als sei ein großes Stück von uns verloren gegangen. Unsere Gedanken sind ständig in der Heimat und die dort hoffentlich noch lebende Familie. Eigentlich haben meine Frau und ich beide sehr große Familien, doch der Kontakt ist – wenn überhaupt vorhanden – brüchig. Das tut weh.

Wenn wir in den Nachrichten Bilder von der Unterdrückung der Uiguren sehen – wie Kinder von ihren Eltern getrennt werden – trifft uns das natürlich sehr. Wir fühlen auch aus eigener Erfahrung mit. Dieses Gefühl begleitet uns jeden Tag.

Ein deutscher Forscher, der in einer Studie die Lage der Uiguren untersuchte, spricht von "demographischem Genozid" – würden Sie da zustimmen?

H.K.: Dieser Bezeichnung stimme ich voll und ganz zu. Die Geburtenkontrolle bei den Uiguren wird schon seit Jahrzehnten mit voller Härte umgesetzt. Uigurische Frauen werden gegen ihren Willen sterilisiert. Der Unterschied zu früher ist jedoch, dass die harte Umsetzung dieser Kontrolle in eine Zeit fällt, in der China selbst die Ein-Kind-Politik abgeschafft hat. Bei den Uiguren wird sie aber trotzdem weiterhin streng durchgesetzt.

Die westlichen Länder werden zunehmend darauf aufmerksam, wie die Uiguren unter den Repressalien der chinesischen Regierung leiden. In der muslimischen Welt beobachte ich zur Zeit aber leider ein nachlassendes Interesse an unserer Situation.

Quelle: Noizz.de