In Brasilien wüten die stärksten Brände seit Jahren.

Der Regenwald brennt – und zwar flächendeckend und schon seit Wochen. Waldbrände häufen sich in den Sommermonaten, allerdings nicht so extrem wie in diesem Jahr. 2019 wurden bereits 72.843 Brände im Amazonas verzeichnet, das sind 80 Prozent mehr als im Vorjahr.

Bisher fackelte der Regenwald recht unbemerkt vor sich hin – keiner schien die heftigen Brände so richtig zu beachten. Weder Brasiliens Regierung noch die breite Öffentlichkeit schenkte dem Lodern Beachtung. Allerdings springen die Feuer auf immer neue Areale über und nehmen ungeahnte Ausmaße an. So verdunkelt sich etwa der Himmel über São Paulo aufgrund der starken Brandwolken – São Paulo ist allerdings Tausende Kilometer vom Regenwald entfernt. Die Feuerwehr löscht, kommt gegen die riesigen Flammen jedoch nicht an.

Ein Hashtag für den Regenwald?

Auf Twitter machen Hashtags wie #prayforamazonia die Runde: Es ist ein direkter Verweis auf die Brände in Notre Dame im April dieses Jahres. Von Usern wird kritisiert, dass die Brände in Paris direkt Investoren, Influencer und haufenweise Aufmerksamkeit auf den Plan riefen – wenn es aber um verkokelnde Naturgebiete, seltene Tierarten und Waldabschnitte geht, wird es mehr oder weniger ignoriert. Der konkrete – und zugegeben etwas brachiale – Vorwurf lautet: Wenn es um ein Denkmal menschlicher Zivilisation geht, rasten alle aus. Wenn die Tierwelt betroffen ist, schauen alle weg. Erst wenn das Feuer die Zivilisation erreicht – wie im erwähnten São Paulo – werden alle wach.

Dabei ist das Abbrennen des Regenwaldes durchaus auch mit menschlichem Fortbestand verbunden: Der Regenwald wird auch "Lunge der Erde" genannt. Durch die große Menge an Bäumen und Pflanzen gilt der Amazonas als immenser CO2-Speicher und ist für den internationalen Klimaschutz von großer Bedeutung. Kurz gesagt: Je weniger Regenwald, desto verpesteter unsere Atmosphäre. Jeden von uns geht also jedes noch so kleine abbrennende Bäumchen in Brasilien etwas an.

Wie riesig die betroffenen Flächen sind, sieht man am besten auf der Vergleichskarte. Die Fläche Deutschlands ist jedenfalls nichts gegen die Brandgebiete.

Lieber Geld statt Klima?

Die Brände entstehen durch die Dürre und die Rodung der Flächen im Regenwald. Farmer holzen erst die Bäume ab und legen dann Feuer, so schaffen sie Weideflächen für ihr Vieh. Wegen der derzeitigen Trockenheit in der Region breiten sich die Brände aber wahnsinnig schnell aus. Die massive Abholzung des Regenwaldes hat zugenommen, seit Brasiliens rechtsgerichteter Präsident Jair Bolsonaro am Steuer ist. Er unterstützt die Rodungsarbeiten, da er sich dadurch wirtschaftlichen Fortschritt für die Agrarindustrie erhofft. "Diejenigen, die den Amazonas abholzen und zerstören, werden durch die Reden und die Aktionen der Regierung von Bolsonaro ermutigt, die seit ihrem Amtsantritt die Umweltpolitik des Landes wirklich demontiert hat", sagt Danicley Aguiar vom Amazonas-Programm von Greenpeace.

Sobald es Kritik an Bolsonaros Strategie gibt, reagiert dieser so elegant und vernunftbetont wie es sonst nur Trump hinbekommt: Als im Juni alarmierende Zahlen zur Rodung des Regenwaldes durch das brasilianische Institut für Weltraumforschung, kurz INPE, veröffentlicht wurden und weltweite Kritik sich regte, bezichtigte Bolsonaro die Wissenschaftler der Lüge und lehnte Einmischungen aus dem Ausland entschieden ab.

Auf die extremen Waldbrände reagierte er nun ähnlich: Er formuliert Verschwörungstheorien. Seiner Meinung nach haben Umweltaktivisten die Brände gelegt, um den armen Bolsonaro schlecht dastehen zu lassen. So äußerte er ohne jegliche Beweise, dass Nichtregierungsorganisationen für die Feuer verantwortlich sein könnten, um sich für die Kürzung von Zuschüssen zu rächen und seine Regierung zu diskreditieren, so Bolsonaro.

Er scheint das demnach so zu sehen: Es geht gar nicht um Klimaschutz, um die sich verschlechternde Luft, die wir zum Atmen brauchen, um sterbende Tierarten und um das gesamte Weltklima. Es geht um Bolsonaro und die Tatsache, dass er das Opfer ist. Wenn weiterhin eine "politische Strategie" waltet, bei der es hauptsächlich darum geht, sich ohne Beweise als Leittragende zu stilisieren, können wir alle direkt einpacken. Zum Löschen bleibt dann jedenfalls nicht mehr viel übrig.

[In Zusammenarbeit mit der dpa]

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Quelle: Noizz.de