25-jährige Demonstrantin aus Nicaragua: Ich wurde von der Polizei angeschossen

Tamara Vogel

Freie Journalistin aus Berlin
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Die Karate-Meisterin lässt sich nicht kleinkriegen.

Menschen sterben, Hunderte verschwinden, es fallen Schüsse in die Menge – seit April herrscht in Nicaragua politischer Ausnahmezustand. Die Proteste richteten sich zunächst gegen eine geplante Rentenreform. Dabei solidarisierten sich landesweit Studenten mit der älteren Bevölkerung.

Inzwischen spitzt sich die Krise in dem zentralamerikanischen Staat immer weiter zu. Demonstranten werden verfolgt, tagelang festgehalten, gefoltert und vergewaltigt. Ein Großteil der Menschen fordert den Rücktritt des Präsidenten Daniel Ortega. Es sind vor allem junge Nicaraguaner, die gegen die Ungerechtigkeiten und für eine bessere Zukunft ihres Landes aufbegehren.

[Mehr dazu: „Wir können nicht mehr schlafen“ – junge Nicaraguaner über die Kämpfe in ihrer Heimat]

Die Karate-Landesmeisterin Katherine Aráuz ist eine von ihnen. Die 25-Jährige nimmt an nahezu allen Protesten in der Hauptstadt Managua teil – und riskiert damit nicht nur ihre Karriere als Sportlerin, sondern auch ihr Leben.

Katherine bei ihrer großen Leidenschaft Foto: privat

Katherine ist Psychologin und Teil der nicaraguanischen Karate-Nationalmannschaft in der Gewichtsklasse unter 61 Kilogramm. Sport war schon immer ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. In der Grundschule spielte sie Fußball und Volleyball. Mit 13 entdeckte sie dann ihre Leidenschaft für Karate. „Meine ältere Schwester war bereits in der Nationalmannschaft und nahm mich eines Tages mit zu einem Probetraining. Ich war sofort begeistert und beschloss, auch Karateunterricht zu nehmen“, erzählt Katherine.

Katherine trainiert zweimal täglich

Heute ist sie Landes- und Mittelamerikameisterin und gewann zudem Medaillen in der Karibik. Seit 2010 hält sie in Nicaragua den Karate-Meistertitel unter 61 Kilogramm. Viermal gewann sie die zentralamerikanischen Meisterschaften, zuletzt im Februar 2018. Dafür tainiert Katherine hart und hat einen straff organisierten Zeitplan.

Sie geht zweimal täglich zum Training: morgens von 6.00 bis 8.00 Uhr und abends von 18.00 bis 20.00 Uhr. Wenn ein Turnier bevorsteht, sogar noch häufiger. „Karate ist meine Leidenschaft und gehört zu meinem Lebensstil. Wenn ich trainiere, bin ich glücklich, fühle mich stark. Ich denke, dass ich nicht ohne den Sport leben könnte“, sagt sie.

Die Proteste änderten alles

Doch seit den anhaltenden Unruhen in ihrer Heimat ist nichts mehr so wie es einmal war. „Momentan ist es besonders für junge Menschen gefährlich. Wenn ich das Haus verlasse, muss ich ständig mit der Angst leben, dass mich die Polizei grundlos festnimmt. Sie unterstellt Jugendlichen, gewaltbereit gegen die Regierung vorzugehen“, erzählt die 25-Jährige.

Als die Krise am 18. April begann, zögerte Katherine nicht lange und beschloss, gemeinsam mit einer Freundin an den Protesten teilzunehmen. „Ich kämpfe gegen die Unterdrückung und den Machtmissbrauch der Regierung. Ich möchte in einem Nicaragua leben, in dem ich frei sein kann“, sagt die junge Frau.

Katherine muss sich nach ihrer Verletzung wieder zurückkämpfen. Foto: privat

Zwei Tage nach Beginn der Protestwelle hatte Katherine ein Erlebnis, das sie für ihr ganzes Leben prägen wird. Während einer Demonstration beobachtete sie, wie eine ältere Frau von der Bereitschaftspolizei beschimpft und schikaniert wurde. „Die Frau war um die 70 Jahre alt und gehörte der katholischen Kirche an“, sagt Katherine.

Die katholische Kirche des Landes bemühte sich zu Beginn der Proteste um einen Dialog, geriet aber zusehends ins Visier der Regierung. Präsident Ortega wirft ihr vor, mitverantwortlich für den Staatsstreich zu sein. „Ich wollte der Frau helfen. Sie weinte, schien völlig verängstigt zu ein“. Die Polizisten befahlen Katherine, sich nicht einzumischen. Doch sie ließ nicht locker. Daraufhin schoss ihr einer der Beamten ins rechte Bein. „Im ersten Moment habe ich nicht realisiert, was da passiert ist. Es ging alles so schnell. Ich stand unter Schock“, beschreibt sie die Situation. Erst auf der Fahrt ins Krankenhaus begriff sie, was geschehen war.

Katherine kann fünf Monate nicht trainieren

Die junge Nicaraguanerin konnte einen Monat lang nicht laufen. Danach begann sie sich mit Krücken wieder ans Gehen zu gewöhnen. „Es gab auch Momente, in denen ich dachte, professionell mit Karate aufzuhören, weil ich sehr viel wertvolle Trainingszeit verloren hatte. Doch eine innere Stimme sagte mir, dass ich weitermachen muss“, erinnert sich Katherine.

Und so kämpfte sich die junge Frau zurück in ihr altes Leben. „Ich habe fünf Monate Training verpasst. Das war eine schwere Zeit, denn der Sport gehört zu mir.“ Im September möchte sie wieder mit dem Training beginnen, um sich auf die Panamerikanischen Spiele im kommenden März vorzubereiten. Außerdem protestiert sie wieder auf den Straßen ihrer Heimatstadt. „Die Polizei wollte mich zum Schweigen bringen. Doch das hat sie nicht geschafft. Ich werde weiterhin meine Stimme erheben!“

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