Seit 100 Jahren haben Frauen in Deutschland das Wahlrecht!

Na, kleine Geschichtsstunde? Vor exakt 100 Jahren endete nicht nur der erste Weltkrieg und es wurden nicht nur etliche Nationen vor einem Jahrhundert unabhängig. In Deutschland feiern wir außerdem 100 Jahre Frauenwahlrecht. Und das ist ein echter Grund zu feiern!

Am 12. November 1918 veröffentlichte der Rat der Volksbeauftragten in Berlin einen Aufruf an das deutsche Volk, in dem das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für alle Männer und Frauen über 20 Jahren im Deutschen Reich proklamiert wurde.

Richtig offiziell wurde das aber erst am 30. November mit der Aufnahme in die Verordnung über die Wahl zur verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung. In Artikel 109, Absatz 2, der Weimarer Verfassung hieß es später:

„Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.“

Bis es soweit war, hat es allerdings mehr als 70 Jahre gedauert. Die Frauen, die für dieses Recht, was für uns heute selbstvertsändlich ist, Vorreiter waren, kennen hingegen nur wenige. Deswegen haben wir hier einmal 8 krasse Fakten zu 100 Jahren Frauenwahlrecht gesammelt.

1. Die erste Wahl, bei der Frauen mitwählen durften, war ein echte Run auf die Urnen

Erstmals zu den Urnen gerufen, waren Frauen bei der Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung im Januar 1919. Und die Wahlbeteiligung unter den Frauen war unglaublich: 82 Prozent der Wählerinnen beteiligten sich. Unter den gewählten 423 Abgeordneten waren 37 Frauen, ein Anteil von knapp neun Prozent. Vier weibliche Abgeordnete rückten später nach.

Der Frauenanteil war der bis dahin höchste, der weltweit in einem Parlament erreicht worden war. Der Erfolg hielt jedoch nicht lang: Während des Nationalsozialismus wurde Frauen das passive Wahlrecht wieder entzogen. Sie durften zwar noch wählen, aber nicht mehr kandidieren.

2. Kennt ihr Clara Zetkin und Hedwig Dohm? Oder Minna Cauer, Helene Lange, Anita Augspurg und Louise Otto-Peters?

Alle waren Vorreiterinnen der Frauenwahlrechtsbewegung. Beim Namen Clara Zetkin dürfte es noch bei den meisten klingeln: Sie hat 1911 den Frauentag mit ins Leben gerufen, war Reichstagsabgeordnete und zu DDR-Zeiten eine sozialistische Ikone. Für Kaiser Wilhelm II. hingegen war sie die „gefährlichste Hexe des deutschen Reiches“.

Die Aktivistin Minna Cauer forderte sogar schon 1902: „Die Frau gehört nicht mehr ins Haus, sie gehört in dieses Haus: den Reichstag.“ Visionär war die Schriftstellerin Hedwig Dohm. Die Vordenkerin machte sich bereits 1873 für das politische Stimmrecht für Frauen stark. Einer ihrer vielzitierten Sätze lautet: „Menschenrechte haben kein Geschlecht.“

1902 gründeten Minna Cauer, Anita Augspurg und Lida Gustava Heinemann in Hamburg, das eine liberalere Vereinsgesetzgebung hatte, den „Deutschen Verein für Frauenstimmrecht“. Es war der ersze Verein seiner Art.

Was die wenigsten wissen: Im Oktober 1918 hatten mehr als 50 Frauenorganisationen den Reichskanzler Max von Baden aufgefordert, das Wahlrecht durchzusetzen.  Die moderne Forschung sieht besonders die frühe Frauenbewegung und viele gesellschaftliche Faktoren im Spiel.

3. Bis 1850 durften Frauen sich nicht politisch betätigen in Deutschland

Zumindest nicht offiziell. Es war ihnen etwa verboten, Mitglied eines politischen Vereins zu sein, geschweige denn, einer Partei. Auch Versammlungen waren für sie tabu. Es gab aber ein Schlupfloch: In „unpolitischen Vereinen“ durften sie sehr wohl aktiv sein. Am Ende wurde dort aber nicht gebacken oder gestickt, sondern doch auch durchaus über das politische Weltgeschehen gesprochen.

4. Die Pioniere des Frauenwahlrechts waren die USA

Kaum zu glauben, aber: Der US-Bundesstaat Colorado war 1893 der erste Staat, in dem sich Männer in einer Volksabstimmung für das Frauenwahlrecht entschieden haben. Zur gleichen Zeit erhielten Frauen in Neuseeland ebenfalls das aktive Wahlrecht, 1919 das passive Wahlrecht, durften also auch kandidieren.

In Europa waren Finnland, Norwegen und Dänemark mit der Einführung des Frauenwahlrechts 1906, 1913 und 1915 die Vorreiter.

5. In der Schweiz und Liechtenstein durften Frauen in Europa am längsten nicht ihre Stimme abgeben

Hier tickten die Uhren lange noch anders: Dort wurde erst 1971 (Schweiz) bzw. 1984 (Liechtenstein) das Frauenwahlrecht eingeführt. Die beiden Länder waren damit die letzten europäischen Staaten. In manchen Schweizer Kantonen hatten Frauen bis zum Ende der 80er Jahre jedoch nicht das volle Stimmrecht.

6. Das Wahlrecht für Frauen wird überall auf der Welt anders ausgelegt

Am „rückschrittlichsten“ aus westlicher Sicht ist die Situtaion noch immer für Frauen im arabischen Raum. Zwar dürfen seit 2005 Frauen in Kuwait aktiv und passiv an Wahlen partizipieren, genauso wie seit 2006 in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Am 12. Dezember 2015 wurde sogar den Frauen in Saudi-Arabien zur Kommunalwahl erstmals das aktive und passive Wahlrecht zugesprochen. Praktisch stehen ihnen aber viele Hindernisse im Weg: Ihnen war etwa im Wahlkampf zum Beispiel fremdfinanzierte Wahlwerbung verboten.

Außerdem mussten Frauen und Männer in unterschiedlichen Räumen wählen. Die Mehrzahl der saudischen Frauen besitzt zudem keinen Personalausweis. Das ist allerdings die Grundvoraussetzung, wählen gehen zu dürfen. Nach offiziellen Angaben kandidierten neben ca. 6.100 Männern über 860 Frauen, zwanzig von ihnen wurden gewählt – also schon ein Fortschritt

7. Heutzutage ist die Rolle von Frauen in der Politik ziemlich ungleich verteilt in Deutschland – wie diese Grafik zeigt

Foto: EAF

8. Auch in Litauen wurde vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht eingeführt

So sehen die Ampelfrauen in Vilnius, der Hauptstadt Litauens, aus. Foto: Saulius Ziura / dpa dpa Picture-Alliance

Gefeiert wird dieser Anlass dort mit Ampelfrauen.

[Text: Zusammen mit dpa]

Quelle: Noizz.de