Xavier Naidoo ist nicht der Einzige, der seine kruden Theorien verbreitet: Auch im privaten Bereich passiert das aktuell vermehrt. In unsicheren Zeiten sind Menschen besonders anfällig für Verschwörungstheorien, sagen Experten.

Man unterhält sich unbedarft mit seinen Freunden und plötzlich droppt einer von ihnen einen ganz komischen Satz: "Also, ich bin ja skeptisch, ob die Regierung uns da die Wahrheit sagt. Ich glaube, da ist was viel Größeres im Gange!" Man weiß meistens gar nicht, ob man näher nachfragen soll. Tut man es, bekommt man die aufregendsten Theorien aufgetischt – und weiß hinterher nicht, ob man betreffenden Freund überhaupt noch ernst nehmen soll.

Vom völlig harmlosen Coronavirus ist die Rede, das aber zugleich von bösen Mächten im Labor gezüchtet worden sei. Alle Pandemie-Maßnahmen der Regierung seien nichts anderes als Staatsterror. Wer in der Öffentlichkeit Kritik übe, der werde von der Polizei verprügelt oder gleich in eine geschlossene Anstalt gebracht.

Klingt witzig? Ist es aber nicht. In Corona-Zeiten sind solche Verschwörungstheorien längst kein gesellschaftliches Randphänomen mehr. Immer weiter in unsere Mitte bewegen sich Meinungen darüber, dass eine angeblich konspirative Elite die Bevölkerung überwacht und unterdrückt. Doch die Pandemie, die für alle mit einem beklemmenden Gefühl der Unsicherheit einhergeht, macht auch diejenigen anfälliger dafür, die sonst misstrauisch sind.

Verschwörungstheorie um den "Pizzagate" kommt wieder

"Alle möglichen Verschwörungstheorien, die vorher schon herumgeisterten, bekommen in der Corona-Pandemie einen neuen Anstrich“, sagt der Politikwissenschaftler Josef Holnburger an der Uni Hamburg. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Komplex. Zum Beispiel blüht die seit Jahren unter dem Stichwort "Pizzagate“ kolportierte Geschichte wieder auf, nach der im Keller einer Pizzeria in Washington Kinder als Sklaven gehalten werden. Die Clintons hätten ihre Finger im Spiel, ebenso Hollywood-Stars und Bankiers. Nun ist die Geschichte auch in Deutschland angekommen.

Um Ostern etwa wurde behauptet, während der Corona-Quarantäne würden die Kinder in einer geheimen Rettungsaktion aus den unterirdischen Höhlen befreit – auch hierzulande. Dort hätten sie zum sexuellen Missbrauch und zur Gewinnung einer Art Verjüngungsserum gedient, dem "Adrenochrom“.

Für Holnburger ist die Geschichte ein weiteres Beispiel, in dem der vermeintliche Gegner grotesk überzeichnet wird. "Da reicht es nicht mehr, dass eine gewisse Elite angeblich nur Geld verdient. Nein, sie steckt auch Kinder in den Folterkeller.“ Hinter dieser These steht die sogenannte "QAnon"-Bewegung aus den USA, die in den dunklen Ecken des Netzes mit anonymer Stimmungsmache ihr Gift verteilt.

Naidoo weint wegen der Kinder des "Pizzagate"

Nicht zuletzt leisten Prominente wie Xavier Naidoo einen Beitrag. Dem Sänger kommen in einem Selfie-Video als Reaktion auf die angebliche Befreiung der Kinder die Tränen. "Pizzagate ist mir seit Anfang an bewusst“, sagt er jüngst in einem Interview. Seit Jahren taucht der Musiker immer wieder im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien auf.

In schwierigen Zeiten brauchen wir einfache Antworten

Dass komplexe Lügengeschichten florieren, ist in Krisenzeiten typisch. "Verschwörungstheoretiker sind gut darin, eine einfache Alternative zur unverständlichen Realität zu bieten, um vermeintlich Klarheit zu schaffen“, so Schatto-Eckrodt. In ihrem System gebe es auf alle Fragen eine Antwort. Das Chaos bekommt Struktur und Kontrolle. Dann werden Quarantänemaßnahmen eben statt mit einem gefährlichen Virus zum Beispiel mit Staatsterror erklärt.

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Dabei ist Logik und Wahrheit vollkommen zweitrangig – jeder glaubt, was ihm selbst plausibel erscheint: Als sich etwa Angela Merkel wegen der Gefahr einer Sars-CoV-2-Ansteckung in Isolation begab, hieß es, in Wahrheit sei die Kanzlerin verhaftet worden – wegen ihrer Beteiligung am "Pizzagate“. Donald Trump hingegen, von der "QAnon“-Bewegung zum Helden erklärt, nutzte angeblich die Quarantäne, um die Kinder aus den Fängen der Schänder zu befreien. Das alles ist unbelegt, falsch, schlichtweg: gelogen.

Spätestens als Merkel wieder öffentliche Auftritte hat, muss das jedem klar sein. Doch spielt das für die "QAnon“-Sympathisanten keine Rolle. "Man kann einzelne Aussagen widerlegen, das ganze Konstrukt bleibt aber bestehen“, analysiert Tim Schatto-Eckrodt, Mitarbeiter in der Nachwuchsgruppe "DemoRESILdigital". Es gehe bei Verschwörungstheorien nicht um einzelne Behauptungen, sondern darum, dass etwas Geheimes passiere. Gesät wird damit Misstrauen in Wissenschaft, Behörden, Politik und Presse.

Verschwörungen können gefährlich sein

Das Problem solch kruder Theorien ist, dass hinter ihnen in der Regel bösartige Ideologien stecken. Und die spielen mit der Angst. Anhänger fürchten sich davor, dass das eigene Leben massiv bedroht ist. Im schlimmsten Fall greifen sie zur Waffe und töten Arglose, die sie in ihrem Wahn als Schuldige sehen. "Die QAnon-Erzählung ist eine der gefährlicheren Verschwörungstheorien“, sagt Holnburger. Wegen der bizarren Überzeichnung eines übermächtig-bösen Gegners werde Gewalt als legitimes Mittel gerechtfertigt.

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"Gut“ gegen "Böse“, "Wir“ gegen "Die“. Gerade Rechtsextreme nutzen Verschwörungstheorien, um vermeintlich Schuldige zu finden. Etwa bei der rassistischen Vorstellung, die westliche Welt werde angeblich überrannt von Menschen aus islamisch geprägten Ländern – und die Gesellschaft dabei radikal ausgetauscht. Resultate einer solchen Ideologie sind etwa der Mord an CDU-Politiker Walter Lübcke oder die Attentate von Halle, Hanau und Christchurch.

Auch in der aktuellen Pandemie liegt Gewalt in der Luft. Jüngst werden Mobilfunk-Sendemasten in Brand gesteckt, weil einige der Lüge glauben, die 5G-Strahlung sei für den Corona-Ausbruch verantwortlich. Das Verhängnisvolle also ist: Was die einen als albernes Hirngespinst belächeln, ist für andere voller Ernst.

[In Zusammenarbeit mit: dpa, Sebastian Fischer]

Quelle: Noizz.de