Warum Youtubes Anti-ISIS-Playlist keine gute Idee ist

Hannah Schwär

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Youtube will IS-Propaganda einschränken Foto: Britta Pedersen / dpa picture alliance

Die ISIS-Youtuber sind nicht die einzigen, die betroffen sind.

Wer keine Ahnung hat, fragt Youtube. Nach Angaben des Unternehmens hat weltweit fast jeder fünfte Mensch einen Youtube-Zugang, das entspricht mehr als 1,5 Milliarden Nutzern.

Klar, dass auch die Propaganda-Maschine des sogenannten Islamischen Staats, kurz ISIS, diese Reichweite ausnutzt. Auf der Plattform findet man nämlich nicht nur Heimwerker-DIYs, Musikvideos und Schmink-Tutorials, sondern auch Videos von ISIS-Terroristen.

Damit soll jetzt Schluss sein. Wie Youtube am Donnerstag auf dem Unternehmensblog bekannt gab, leitet ein neuer Algorithmus Suchanfragen zu Terrorismus und ISIS auf Aufklärungsvideos um. Bei bestimmten Schlagworten wird dann vor die Suchergebnisse eine von Youtube ausgesuchte Anti-ISIS-Playlist geschaltet.

Die Trefferliste von „How to join ISIS“ Foto: Screenshot Youtube / Noizz.de

Wenn du beispielsweise „How to join ISIS“ in die Suchzeile eintippst, spuckt Youtube die Playlist „Beliefs of the Caliphate“ aus. Bei den Videos in der Playlist handelt es sich vor allem um Aufklärungsvideos, die vorher von einem von Youtube beauftragten Rechercheteam abgesegnet wurden.

Die Initiative „The Redirect Method“, mit der Youtube gefährdete Jugendliche von radikalen Inhalten fern halten will, klingt erst mal vernünftig.

Das Projekt ist aber aus mindestens drei Gründen problematisch:

1. Wer entscheidet eigentlich, was harmlos ist und was nicht?

Zumindest nicht der Nutzer. Bisher werden die Anti-Terror-Videos von der Google-Tochter „Jigsaw“ und dem britischen Startup „Moonshot CVE“ kuratiert.

Das funktioniert bisher nur bedingt. Der Kanal der „SITE Intelligence Group“, der Aufklärung gegen ISIS betreibt, wurde am Montag gesperrt. Währenddessen seien Videos von ISIS immer noch im Umlauf, beschwert sich die Direktorin von SITE.

Youtube will in den nächsten Wochen mit gemeinnützigen Organisationen an eigenen Aufklärungsvideos arbeiten. Die Namen der beteiligten Organisationen und deren Qualifikationen gab das Unternehmen bisher nicht bekannt – Transparenz geht anders.

Zudem ist auch nicht klar, nach welchen Kriterien ein Video als konkrete ISIS-Propaganda eingestuft wird. Die Deutungshoheit über das Thema Terrorismus liegt somit bei Youtube.

2. Gegenpropaganda ist auch keine Lösung

Nicht jeder, der nach ISIS sucht, ist ein Terrorist oder will einer werden. Mit der „Redirect Method“ wird es zum Beispiel schwerer, zum Thema ISIS zu recherchieren. Stattdessen wird der Nutzer von Youtube bevormundet. Die Beschreibung der kuratierten Anti-Terror-Playlist liest sich ihrerseits fast schon wie Propaganda:

„Die Playlist, die die Erzählungen der ‘Militärischen Stärke‘ widerlegt, beginnt mit einigen Videos über die Verluste von ISIS. In der zweiten Hälfte der Playlist zeigen wir, wie beispielsweise die Kurden, die Irakische Armee und die ‘Coalition Forces‘ gegen ISIS gewinnen.“

3. Die „Redirect Method“ öffnet die Tür für politische Beeinflussung

Die Methode, Werbevideos bei bestimmten Suchanfragen zu schalten, nennt sich „Microtargeting“. Wer zum Beispiel nach Heimwerker-Tipps sucht, bekommt mit großer Wahrscheinlichkeit bald eine Baumarktwerbung angezeigt. Genau nach diesem Mechanismus funktioniert die „Redirect Method“: Wer nach ISIS sucht, bekommt Anti-ISIS-Videos.

Was im Kampf gegen Terror-Propaganda sinnvoll erscheint, könnte bei anderen Suchbegriffen missbraucht werden. So ist es zum Beispiel denkbar, dass die Suche nach „Wie funktioniert die Bundestagswahl?“ nur noch zur Wahl-Werbespots einer bestimmten Partei führen könnte, für die man sich schon vorher interessiert hat.

Die „Redirect Method“ ist Teil von Googles Vier-Punkte-Plan gegen Propaganda im Netz, über die NOIZZ im Juni berichtete.

Insgesamt ist es natürlich enorm wichtig, dass sich Youtube Gedanken über den Umgang mit extremistischer Propaganda im Netz macht. Aber derartige Zensur schadet der Allgemeinheit mehr, als dass sie in Einzelfällen nützt. Denn Jugendliche, die sich wirklich radikalisieren, finden Informationen auch in anderen sozialen Netzwerken oder im eigenen Umfeld.

Quelle: Noizz.de

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