Bill Cosby ist endlich schuldig gesprochen worden.

Der Wind hat sich gedreht: In Pennsylvania ist am 26. April Bill Cosby schuldig gesprochen worden. Prozesse gegen mächtige Männer und deren sexuelle Übergriffe hat es zwar schon vor 2017 gegeben, allerdings ist Cosbys der erste prominente Fall seit der #metoo-Debatte. Es ist ein Urteil, dass eine Zäsur markiert – eines, an das der stets siegessicher lächelnde Cosby vermutlich bis zum Ende des Prozesses nicht hat glauben wollen.

Andrea Constand (l.) wohnte der Urteilsverkündung bei

Hat sich unsere Gesellschaft seit den ersten Vorwürfen gegen Cosby im Jahre 2005 tatsächlich verändert? Damals hatte die Studentin Andrea Constand angegeben, Cosby habe sie unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. 13 weitere Zeuginnen meldeten sich, berichteten ebenfalls von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen – zu einem Prozess kam es nicht. Im Zuge des aktuellen Prozesses wurde bekannt, dass Cosby Constand 2006 über 3 Millionen Dollar zahlte und sie sich so außergerichtlich einigten. Die Vorwürfe gegen Constand, nur an das Geld des berühmten Cosbys zu wollen, wurden auch beim erneuten Prozess, der bereits 2017 anfing, laut.

Es ist ein so einfaches wie wirksames Bild, das die Frau als Golddigger denunziert: Das gierige Biest will dem schwerarbeitenden Mann nur die Milliönchen aus der Tasche leiern – und setzt dafür sogar ihre Sexualität ein. Es ist ein Bild, das jahrzehntelang überzeugend benutzt wurde, um den Mann vom Vorwurf des sexuellen Übergriffs freizusprechen. Weitere Gründe, warum der arme Mann eigentlich Opfer und nicht Täter sein kann, sind wahlweise die viel zu leicht bekleideten Frauen, die sich nicht ordentlich wehrenden Frauen oder eben die Frauen, die halt sowieso mit jedem vögeln und es deshalb ja eigentlich wollten. Victim Shaming nennt man diese Art der Argumentation, und bis zu Cosbys Urteil war dies auch der Grund, warum Frauen über Jahre und Generationen nach sexuellen Übergriffen lieber schwiegen, als sich öffentlich demütigen zu lassen. Bei Cosbys Opfern war es jedoch nicht nur das biblische Bild der sündhaften Eva, das ihn lange verschonte, sondern auch sein sauberes Image.

Starke Emotionen nach der Urteilsverkündung bei den Klägerinnen Caroline Heldman (l-r), Lili Bernard und Victoria Valentino

Schon zu Beginn des neu aufgerollten Prozesses 2017 wurde darüber debattiert, warum die 14 Frauen 2006 nicht ernster genommen wurden, warum ihre Anschuldigungen bei Justiz und Gesellschaft nicht mehr Anstoß fanden. Der Schluss: Bill Cosby galt lange Zeit als Aushängeschild eines fortschrittlichen Amerika in dem die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt. Als Cliff Huxtable war er Partiarch einer schwarzen Vorzeigefamilie und hatte eine emanzipierte Frau an seiner Seite mit der er fünf Kinder großzog – natürlich anhand eines aufgeklärten Erziehungsstils. Die „Bill Cosby Show“ schrieb Geschichte: In dieser Form hatte man das Leben einer schwarzen Familie noch nicht gesehen. Wenn man so will, könne man die fiktionalen Huxtables auch als Vorreiter der realen Obamas betrachten – kultiviert, schwarz, mit klugem Wortwitz ausgestattet. Cosby zeichnete mit seiner Sendung das Bild eines Amerikas für ein Amerika, dass sich selbst gerne tatsächlich so sehen wollte. Von der offenen amerikanischen Gesellschaft ist spätestens seit Trump nicht mehr viel übrig. Mit Cosby zerschellte nun auch das Bild des schwarzen, modernen Patriarchen, seit man Cosby blind und tattrig vor Gericht sehen konnte, wie er unberührt jeden Vorwurf der unzähligen betäubten und vergewaltigten Frauen ignorierte und nach seiner Urteilsverkündung „Arschloch!“ in den Gerichtssaal brüllt.

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Natürlich hat sich durch das Urteil gegen Cosby noch nicht die gesamte Gesellschaft verändert. Immerhin werden die USA immer noch von einem Präsidenten regiert, der sich damit brüstet, Frauen an die Vagina zu fassen, wann immer es ihm beliebt. Aber es hat sich etwas verändert: Es ist eine neue Solidarität zu spüren. Frauen wie Andrea Constand und alle Initiatorinnen der #metoo-Bewegung, jede einzelne Person, die bei den Kundgebungen auf die Straße gingen, die sich trauten, ihre Stimme gegen eingerostete, patriarchale Grundsätze zu erheben und die somit wiederum anderen Frauen Mut machten, alle Personen, die Harvey Weinstein zu Fall brachten haben mit dem Urteil Cosbys einen kleinen Triumph zu verbuchen. Der Wind hat sich gedreht und er weht nun nicht mehr in die Segel alter Männer, die auf den Schultern schwächerer ihre Macht vergrößern. Wurde auch Zeit.

  • Quelle:
  • Noizz.de