Eine 22-Jährige in Berlin wollte endlich schwanger werden – und holte sich Rat bei einem Hodscha, einen islamischen Religionslehrer. Der empfahl ihrer Familie, ihr eine Woche lang hoch konzentriertes Salzwasser zu verabreichen, um den Teufel auszutreiben. Die Frau starb vollkommen entkräftet an den Folgen. Nun stehen ihr Mann, Schwiegereltern und der "Heiler" vor Gericht.

Dezember 2015, irgendwo in Berlin-Tempelhof: Die 22 Jahre alte Nesma M. bricht tot in ihrem Wohnzimmer zusammen – nachdem sie sieben Tage lang Salzwasser trinken musste. Ihr Ehemann Wajdi H., dessen Schwiegereltern und ein angeblicher Wunderheiler sollen die "Teufelsaustreibung" an ihr durchgeführt haben. Der Grund: Das Ehepaar versuchte vergeblich Kinder zu kriegen. Um den Wunsch endlich zu erfüllen, suchten sie Rat bei einem islamischen Hodscha, einer Art Mentor und Gelehrten. Der machte böse Geister in Nesma als Ursache für die Kinderlosigkeit verantwortlich – und empfahl das tödliche Ritual.

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Nun startet fünf Jahre später endlich der Prozess gegen die vier Angeklagten. Dem 35-jährigen Ehemann, seinen Eltern und der Heiler müssen sich vor dem Berliner Landgericht verantworten. Ihnen werden gemeinschaftliche Körperverletzung mit Todesfolge zur Last gelegt. Zwischen dem 30. November und 7. Dezember 2015 sollen sie Nesma täglich zu der sogenannten Kur gezwungen haben. Bis zu 64 Gramm Salz waren in einer Trinkkur für die junge Frau – zu viel für einen menschlichen Körper. Sie starb am 7. Dezember 2015 an einer Lungenembolie und einem Hirnödem in einem Krankenhaus.

Vertreibung der "bösen Geister"

Wie der "rbb" berichtet, hatte das Ehepaar erst den Rat des Hodschas gesucht, nachdem sie durch mehrere auf Kinderwunsch spezialisierte Fachärzte erfahren hätten, dass es keine organische Ursache für die ausbleibende Schwangerschaft gebe. Daraufhin soll der Schwiegervater den inzwischen verstorbenen Hodscha Mazen K. um Hilfe gebeten haben. Laut Ermittlungen der Polizei soll der Geistliche dafür bekannt gewesen sein, dass er unter anderem traditionelle islamische Heilbehandlungen anbot.

Für das Ritual habe sich ihr Ehemann Wajdi extra Urlaub genommen und sie im Wohnzimmer betreut. Auch die Schwiegereltern Nesmas sollen laut Staatsanwaltschaft geholfen haben: Zum einen haben sie die junge Frau vor ihren Eltern und ihrer Tante abgeschirmt, um das Ritual zu verheimlichen. Zum anderen haben auch sie Wajdi bei der "erfolgreichen" Durchführung der "Salzwassertherapie" unterstützt.

Bereits kurz nach Beginn der Behandlung war Nesma geschwächt

Der Hodscha soll in der Al Nur Moschee in Berlin Neukölln verkehrt haben – sie gilt als Treffpunkt von Salafisten.

Kurz vor Beginn der Teufelsaustreibung soll die 22-Jährige an Erkältungssymptomen gelitten haben. Zudem habe man bei ihr eine Gerinnungsstörung des Blutes diagnostiziert. Laut den Ermittlungsberichten war Nesma bereits kurz nach Beginn der Salzwasser-Trinkkur so geschwächt, dass ihr Mann sie vom Bett ins Sofa tragen musste. Ob ihre Vorerkrankungen eine Rolle gespielt haben, soll der Prozess klären. Ärztliche Hilfe soll zu keinem Zeitpunkt in Anspruch genommen worden sein – bis es eben zu spät war.

Der "Hodscha" Mazen K. soll die Trinkprozeduren zeitweise mit Lesungen aus dem Koran begleitet haben. Ihm wird Mittäterschaft vorgeworfen. Nach den Ermittlungen der Polizei soll er in einer der drei Berliner Moscheen verkehren, die von islamistischen Salafisten besonders gern besucht werden: der Al-Nur-Moschee im Stadtteil Neukölln.

Für den Prozess sind sechs Verhandlungstage bis zum 18. Dezember geplant. Neben den Angeklagten werden medizinische Gutachter als Zeugen vorgeladen, die über die wahrscheinlichste Todesursache der 22-Jährigen berichten, sowie die Tante der jungen Frau. Sie durfte ihre Nichte kurz vor deren Tod noch einmal besuchen.

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[Text: Zusammen mit dpa/sw)

  • Quelle:
  • NOIZZ.de