Stalking: Überwachung, Belästigung und Bedrohung durch Stalker gehört zur Lebensrealität vieler Menschen, die meisten davon Frauen. Wie ähnlich so etwas der Netflix-Serie "You" kommen kann, zeigt der Fall von Sarah und ihrem Ex-Freund Tim.

Die Netflix-Serie "You" brachte das Thema Stalking auf die Agenda vieler Serien-Liebhaber*innen – steckte jedoch auch viel Kritik ein: Die Serie romantisiere ernste Verbrechen, die zur Lebensrealität vieler Frauen gehört, so der Vorwurf.

Dass in der Serie aus der Perspektive eines Stalkers erzählt wird, birgt tatsächlich die Gefahr, dass Zuschauer*innen mit diesem sympathisieren und die grauenhaften Folgen seiner Taten für das Leben der Betroffenen unterschätzen. Die Taten an sich seien jedoch realistisch dargestellt, so ein Stalking-Opfer namens Sarah (Name geändert), das mit dem Online-Medium "Unilad" über die eigenen Erfahrungen sprach.

Love und Joe in der zweiten Staffel "You"

Kennenlernen auf Dating-Plattform

Die US-Amerikanerin lernte ihren damaligen Freund und späteren Stalker (nennen wir ihn Tim) auf einer Online-Dating-Website kennen. Tim sagte, er wolle sich so schnell wie möglich von der Plattform abmelden, also tauschten die beiden Nummern aus und begannen sich Nachrichten auf dem Handy zu schreiben. Auf ein paar Dates folgte eine feste Beziehung – doch schnell bemerkte Sarah, dass ungewöhnliche Dinge geschahen.

Fans von "You – Du wirst mich lieben" wissen, dass Joe Goldberg (Penn Badgley) in der Serie eine Besessenheit von Guinevere Beck (Elizabeth Lail) entwickelt. Er beobachtet ihre Bewegungen, ihre Gespräche, ihre Posts in den sozialen Medien und ihre Freund*innen und gibt dabei vor, ein charmanter Bücherliebhaber zu sein.

Darstellung in "You" erschreckend genau

Eines der Dinge, die an dieser Serie so erschreckend sind, ist, dass viele von Joes obsessiven Handlungen so einfach sind. Er schaut sich Social-Media-Profile akribisch an und schafft es, daraus eine Fülle von Informationen zu ziehen.

Nachdem Sarah einige Folgen von "You" gesehen hatte, beschrieb sie die dargestellte Entwicklung eines Stalking-Falls gegenüber "Unilad" als "erschreckend genau". Vieles von dem, was sie mit ihrem früheren Partner erlebt hatte, ähnelte den Ereignissen aus der Serie. Dem Medium erzählte Sarah, wie sie zum ersten Mal misstrauisch gegenüber Tim wurde: Immer wieder bemerkte sie, dass er über den Inhalt von privaten Chats Bescheid zu wissen schien, die sie mit Freunden und Familie geführt hatte.

Zu dem Zeitpunkt wusste sie noch nicht, was Stalkerware war – das fand sie jedoch durch eigene Recherche heraus, nachdem ihr Tims Wissen über Privates immer unheimlicher wurde.

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Was ist Stalkerware?

Stalkerware ist eine Art Software, die ohne Wissen des/der Besitzer*in im Hintergrund von Smartphones läuft und Informationen wie Standort, Telefongespräche, Textnachrichten, Passwörter, Kontakte, Fotos und E-Mails überwachen und aufzeichnen kann.

Besonders gefährlich: Solche Softwares sind für das ungeschulte Auge nur schwer zu enttarnen, sie können zum Beispiel aussehen, wie eine gewöhnliche Taschenrechner-App – ziehen jedoch persönliche Informationen vom Handy und senden sie an die Person, die sie installiert hat: Den Stalker. Und: Selbst wenn die ursprüngliche Stalkerware-App gelöscht wird, kann ihre Software im Hintergrund weiterlaufen.

Wann genau Tim die Stalkerware auf Sarahs Handy installiert hat, weiß sie nicht: Schon während der anfänglichen Dates oder erst, als sie bereits in einer Beziehung waren. Als sie die Software auf ihrem Handy entdeckte, fühlte sie sich "verraten und verletzt", so Sarah.

Was ist Stalking?

Wie alarmierend verbreitet Stalking auch in Deutschland ist, beschreibt das Landeskriminalamt Niedersachsen auf seiner Website. Dort heißt es:

"In Deutschland wurden circa zwölf Prozent aller Menschen (80 Prozent Frauen) im Laufe ihres Lebens mindestens einmal gestalkt. Die Täter sind meist männlich. Viele Opfer berichten, dass sie in starkem Ausmaß verfolgt und in ihrem Leben massiv beeinträchtigt wurden. Die physischen und psychischen Auswirkungen sind für Opfer häufig erheblich und führen nicht selten zu schweren Traumata."

Stalking bezeichnet die unerwünschte Fixierung einer Person auf eine andere, die durch Verfolgung und Belästigung zum Ausdruck gebracht wird. Telefonanrufe, Nachrichten, Briefe, unerwünschte Geschenke aber auch indirekter Kontakt wie das Posten über jemanden im Internet, stille Beobachtung oder das Herumlungern an Orten, die vom Stalking-Opfer aufgesucht werden, zählen zu den Vorgehensweisen von Stalkern. Auch das Hacken oder die Anwendung von Spyware zählen dazu. Nicht selten kommt es im Zuge von Stalking auch zu verbalen oder körperlich Attacken auf die betroffene Person.

So verbreitet ist Stalkerware

Nach Angaben des Antiviren-Herstellers Kaspersky ist die Zahl der Angriffe auf die persönlichen Daten von Benutzern mobiler Geräte durch Stalkerware laut Secure List von 40.386 Benutzern im Jahr 2018 auf 67.500 im Jahr 2019 gestiegen. Die Zahl stieg sogar trotz Googles Bemühungen, Ende 2018 alle Stalkerware-ähnlichen Apps aus seinem Shop zu entfernen.

Sarah ist nicht die Einzige, die von ihrem Partner ausspioniert wird, wie eine kürzlich von der Antiviren-Firma NortonLifeLock durchgeführte Umfrage ergab: Eine von zehn befragten Personen gab zu, Stalkerware benutzt zu haben, um eine/n Partner*in oder ein/e Ex-Partner*in zu überwachen.

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Ich werde gestalkt – was tun?

Wichtig ist es, zu wissen, dass Stalking sich in den meisten Fällen nicht von alleine erledigt. Holen sich Betroffene keine Hilfe und sagen niemandem Bescheid, wird das Stalking meist noch intensiver.

In Deutschland gibt es mehrere Organisationen, die Hotlines und Live-Chats für Betroffene anbieten, wie etwa das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen".

Eine Anzeige bei der Polizei wegen Stalkings kann etwa zu einem Kontaktverbot und Strafen für den/ die Täter*in führen, falls er/sie die betroffene Person weiterhin kontaktiert. Betroffene können zum Gespräch mit der Polizei Angehörige mitbringen, vorausgesetzt, diese sind keine Zeug*innen des Stalkings. In diesem Fall werden sie separat vernommen. Immer wieder wird von einzelnen Beamt*innen berichtet, die Stalking nicht ernst nehmen – in diesem Fall ist die betroffene Person jedoch auf der sicheren Seite: Stalking ist ein Straftatbestand und muss zwangsläufig verfolgt werden, wenn es zur Anzeige gebracht wird. Eine Beschwerde bzw. ein Anruf bei einem / einer höhergestellten Beamt*in sollte in dem Fall helfen.

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Quelle: Noizz.de