Polizei fängt bekannten Dealer – und lässt ihn sofort wieder frei

Florian Gehm

Politik, Rap und Games
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Das reicht für ein paar Tage: Der Gefasste hatte 95 Portionen Marihuana dabei Foto: Thought Catalog / unsplash.com

95 Portionen Marihuana und 35 Ecstasy-Tabletten – zu wenig für den Knast?

Mittwoch Nachmittag, mitten in Berlin: Ein Polizist beobachtet in seiner Freizeit das verdächtige Treiben zweier Männer. Ein Mann betritt einen Blumenladen, telefoniert, kauft nichts. Stattdessen wartet er auf seinen eigenen Kunden.

"Blasse weiße Haut und dünn, mit zittrigen Händen eine Zigarette rauchend, dem äußeren Anschein nach ein Junkie", zitiert die Berliner Zeitung das Polizeiprotokoll. Der Polizist beobachtet, wie der Dealer aus dem Laden kommt, etwas aus seiner Hosentasche holt.

Auch der Junkie greift in die Tasche – vermutlich, um den Stoff zu bezahlen. Wenig später gehen die beiden getrennte Wege. Die Vermutung liegt nahe: Hier ist gerade ein Rauschgifthandel über die Bühne gegangen!

Der Polizist alarmiert die Kollegen über den Notruf 110. Fünf Minuten später verlässt der Verdächtige das Geschäft mit zwei vollen Plastiktüten, bewegt sich durch das Viertel rund um die Berliner Straße.

Als die Polizei eintrifft, rennt der Dealer los, sprintet über eine Kreuzung zwischen fahrenden Autos hindurch. Auf der Flucht wirft er die Plastiktüten weg; als die Polizei ihn ergreift und die Tüten einsammelt, finden die Beamten insgesamt 95 Verkaufsportionen Marihuana und weitere Portionen Haschisch. In einer weiteren Tüte bunkerte der Dealer 35 Ecstasy-Tabletten.

Am Abend durchsuchen Beamte die Wohnung des Mannes – und die ist keine unbekannte: Schon 2016 war die Polizei hier, fand mehr als ein Kilogramm Marihuana. Der Mann ist bereits von der Staatsanwaltschaft angeklagt, doch handelt ungehindert weiter mit Drogen.

Doch statt einem Besuch beim Haftrichter gibt es für den Dealer eine dicke Überraschung: Er wird an Ort und Stelle entlassen. Die Kripo der Direktion 2 hält die gefundene Drogenmenge für zu klein. Fazit: Kein Haftbefehl!

"Hier lagen Flucht-, Wiederholungs- und Verdunkelungsgefahr vor – genügend Gründe, angesichts der Vorkenntnisse zu dem Mann und der großen Menge Drogen, die er dabei hatte, Untersuchungshaft zu beantragen", zitiert die Berliner Zeitung ein frustrierter Fahnder. Doch darauf habe die Polizei verzichtet – aus Frust, weil die Politik Zustände wie am Görlitzer Park oder Kottbusser Tor hinnehme.

Und der Polizist holt sogar noch weiter aus: "Es gibt inzwischen eine Leck-mich-am-Arsch-Mentalität. Warum soll ich zwei bis drei Stunden lang einen Vorführbefehl schreiben, wenn das politisch sowieso nicht gewollt ist." Ein Sprecher der Polizei hielt den Vorgang ebenfalls für sachgemäß: Weder aus der Drogenmenge noch aus der aktuellen Anklage ließe sich ein Haftgrund ableiten. Die Entscheidung, den Dealer sofort freizulassen, sei korrekt.

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