Europa steht unter Schock.

Am Morgen nach der Katastrophe ist immer noch unklar, warum die Kathedrale Notre-Dame de Paris plötzlich in lichterlohen Flammen stand. Fest steht: Paris, Frankreich, ja, ganz Europa steht unter einer gewissen Art von Schock – kein Schock wie bei einem Terroranschlag, keine Wut auf böse, verblendete Menschen, eher nach innen gerichtete Fassungslosigkeit, Trauer, die einen verstummen lässt.

Es ist die Gewissheit, dass es jeden von uns hätte treffen können – und damit ist gemeint: Deine Wohnung, dein Haus kann genauso gut abbrennen, verursacht durch einen Kurzschluss oder ähnliches, deine analogen Familienalben, Kindheits- und Jugenderinnerungen, deine Lieblingsbücher, Liebesbriefsammlung, deine Vinyl-Kollektion, kurz: deine ganz persönlichen Heiligtümer hätten genauso gut von heute auf morgen zerstört werden können, durch Zufall, ohne dass du eine Chance gehabt hättest, etwas dagegen zu tun.

Notre-Dame de Paris steht stellvertretend für alles, was uns heilig ist. Das Heiligtum wurde zwischen 1163 und 1245 errichtet (weitere Bauphasen folgten), es gilt als eines der frühesten und prächtigsten Bauten jener Epoche, die man im Nachhinein Gotik nannte. Ihre Spitzbögen, Wasserspeier und Rosettenfenster kennen Disney-Fans aus der Zeichentrick-Version (1996) von Victor Hugos Epochenroman "Der Glöckner von Notre-Dame" (1831).

Die Kirche steht nich nur im Mittelpunkt von Paris, nämlich auf der Île de la Cité genannten Seine-Insel, sondern gleichsam im Zentrum Frankreich – zwar nicht geografisch, aber historisch und kulturell. Es ist sogar eine ganze Musikepoche nach ihr benannt: die Notre-Dame-Epoche um 1200.

Die Touristenmassen unterstreichen jedes Jahr ihre Strahlkraft. Wer jemals in Paris war, wird sich eher von Notre-Dame angezogen fühlen, denn vom Eifeltrum oder Sacré-Coeur. 20 Millionen Menschen besuchen den Ort jedes Jahr, stundenlang warten sie in der langen Schlange auf dem Vorplatz, um reinzukommen und haben währenddessen Zeit, Selfies für Instagram zu machen und die Fassade zu mustern: die drei großen Portale mit ihren unzähligen Heiligen und Königen, die riesige, filigran durchbrochene Rosette, die zwei eindrucksvollen Türme.

Drinnen dann Gedränge, der übliche Touri-Wahnsinn: Man läuft einmal im Kreis, den Kopf dauerhaft im Nacken, schaut, staunt, versucht, zu fotografieren, das Licht einzufangen, welches das bunte Fensterglas wie Edelsteine aussehen lässt, scheitert. Wer schlau ist oder gut im Verstellen sucht Notre-Dame am Sonntag auf, zur Messe, als Eintags-Katholik. Beten kostet nämlich nichts, und die Kathedrale ist immer noch zuallererst ein Ort der Andacht.

Und jetzt das.

1. Was war passiert?

Am Montagabend um kurz vor 19 Uhr stand der Dachstuhl von Notre-Dame de Paris plötzlich in Flammen. Der Dachstuhl wird auch "Wald" genannt, weil er aus vielen unterschiedlichen Bäumen und Hölzern errichtet worden ist. Eine Stunde später brach der kleine Spitzturm in der Mitte des Dachs zusammen. Die Franzosen nannten ihn "Pfeil", er war erst im 19. Jahrhundert errichtet worden. Das Feuer war bis zu 1000 Grad Celsius heiß.

2. Wie war es dazu gekommen?

Das weiß bisher noch keiner. Hinweise auf Brandstiftung gibt es anscheinend nicht. Die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet, rund 50 Ermittler fahnden nach der Ursache. Fakt ist: Auf dem Dach der Kirche fanden gerade Bauarbeiten statt, ein Gerüst für Renovierungsarbeiten war angebracht. Am wahrscheinlichsten ist, dass der Brand mit jenen Bauarbeiten in Verbindung steht.

Am Montag hatte es nämlich laut dem Pariser Staatsanwalt Rémy Heitz zweimal Alarm gegeben: Um 18.20 Uhr, dabei sei aber kein Feuer entdeckt worden. Und um 18.43 Uhr – dann sei der Brand im Dachstuhl entdeckt worden.

3. Wie wurde der Brand gelöscht?

Am Dienstagmorgen um 6 Uhr verkündete die Feuerwehr, dass der Brand jetzt "vollkommen unter Kontrolle" sei und man nur noch mit einzelnen Glutnester zutun habe. Davor hatten rund 400 Feuerwehrleute elf Stunden lang mit Wasserwerfern gegen das Feuer angekämpft. Das Wasser für die Löscharbeiten pumpten sie direkt aus der benachbarten Seine ab.

US-Präsident Trump riet auf Twitter, Löschflugzeuge zu benutzen. Da sein Land noch nicht so lange existiert wie das Gebäude, das es zu löschen galt, konnte er nicht wissen, dass die herabfallenden, tonnenschweren Wassermassen die Struktur des Gebäudes zusammenstürzen hätten lassen können, weswegen die Feuerwehr darauf verzichtete.

Überhaupt galt es vor allem, die Struktur der Kirche zu retten, sodass sie eben nicht einstürzt. Zuerst bewegten sich die Feuerwehrleute auch im Inneren, als der Spitzturm ausbrach, zogen sie sich aber zurück und setzten einen Roboter ein.

Zwischenzeitlich war sich die Feuerwehr nicht sicher, ob sie es schaffen würde, den Brand zu löschen.

Frankreichs Premierminister Macron lobte den "Mut" und die "Professionalität" der Pompiers. Zum Glück wurde bei der Aktion nur einer von ihnen (leicht) verletzt.

4. Was wurde gerettet?

Die Grundsubstanz der Kirche sowie die Fassade mit ihren beiden Haupttürmen. Zwischendurch befürchtete man, dass letztere einstürzen könnten. Außerdem konnten große Teile der Kunstschätze aus dem Inneren geborgen und ins Rathaus gebracht werden: wichtige Gemälde, Kunstgegenstände, Reliquien – vor allem die Dornenkrone, die Jesus bei der Kreuzigung getragen haben soll und die jedes Jahr von Millionen von Pilgern verehrt wird.

Auch die große Orgel, die gerade noch teuer restauriert worden war, und die drei berühmten Rosenfenster haben überlebt. Außerdem 16 wertvolle Kupferstatuen: die zwölf Apostel und die vier Evangelisten. Sie waren gerade zur Restaurierung in die Dordogne gebracht worden. Aber wie steht es um Fresken, um andere der zahlreichen Kunstschätze? Das gesamte Ausmaß der Zerstörung wird erst in den folgenden Tagen, Wochen, ja, Monaten festgestellt werden können.

5. Wie geht es jetzt weiter?

Noch weiß man nicht, wie stabil Notre-Dame noch ist und wie die Feuerwehr ihre Arbeit fortführen kann – das bringen Experten gerade in Erfahrung.

Macron will die Kathedrale so schnell wie möglich wieder aufbauen und warb im selben Atemzug um – auch internationale – Gelder. Mit schnellem Erfolg: Erste Stiftungen sammeln bereits Spenden und die französischen Milliardärs-Familien Arnault, Pinault (denen unter anderem Gucci, Yves Saint Laurent und Balenciaga gehört) und Bettencourt-Meyers wollen insgesamt eine halbe Milliarde Euro geben.

Der französische Kulturminister Franck Riester sagte: "Wir haben immer noch die Fachkenntnisse, ein solches Gebäude zu bauen."

6. Wie reagierten Merkel & Co.?

So gut wie alle Staatschefs und unzählige Politiker drückten ihre Betroffenheit aus. Kanzlerin Angela Merkel ließ bei Twitter via Regierungssprecher Steffen Seibert verlautbaren: "Diese herrliche Kirche, das Herz von Paris, in Flammen zu sehen, hat uns alle tief berührt."

Auch die EU-Prominenz wie Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Ratspräsident Donald Tusk meldeten sich entsprechend zu Wort. Selbst Trump twitter, dass die Bilder vom "massiven Feuer schrecklich mitanzusehen" gewesen seien. Und aus Versehen hat er damit einmal mitten ins Schwarze getroffen.

Quelle: Noizz.de