Nawalny wird aus der Charité entlassen: Einen Monat nach dem Giftanschlag ist Russlands bekanntester Kremlgegner Alexej Nawalny wieder stabil genug. Der 44-Jährige macht Fortschritte. Und nach seiner Rückkehr in Russland könnte er für Kremlchef Putin so gefährlich werden wie nie zuvor.

Noch machen Kopf und Hände nicht immer das, was Russlands prominentester Oppositionspolitiker Alexej Nawalny gern hätte. Aber einen Monat nach dem international verurteilten Giftanschlag auf ihn, macht der 44-Jährige nun schon solche Fortschritte, dass er sich täglich zu Wort meldet.

Auf Instagram zeigt er sich inmitten seiner Familie vom Krankenbett aus, er dokumentiert Schritte seiner Genesung oder dankt den "brillanten Ärzten" der Charité, die ihn ins Leben zurückgebracht hätten. Der neuste Post zeigt ihn auf einer Parkbank und auf dem Weg in die Rehabilitation. Geplant sind volle Genesung und dann die Rückkehr nach Russland – und der frische politische Kampf gegen das System von Kremlchef Wladimir Putin.

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Giftanschlag: Ist Nawalnys Macht nun größer?

Der Giftanschlag habe Nawalny einen "neuen Status" als Politiker verschafft, meint die russische Politologin Tatjana Stanowaja. Sie rechnet damit, dass die Führung in Moskau noch härter gegen die Opposition kämpfen werde – mit Strafverfahren, Propaganda-Kampagnen und Einschüchterung. Alles, was Nawalny künftig tue, werde auch innenpolitische Folgen haben – etwa für die Kaderpolitik, sagt sie. Der Anti-Korruptions-Kämpfer und sein Team, die immer wieder Schmiergeldskandale in den Machtstrukturen aufdecken, sei für den Kreml innerhalb Russlands viel gefährlicher als im Ausland.

Nawalnys Team hat stets deutlich gemacht, dass Nawalny natürlich nach Moskau zurückkehren werde. Angebote eines Asyls im Westen gibt es zwar genug. Aber der Politiker ist bekannt für seine kämpferische Haltung. Er hat sich auch nach früheren Anschlägen oder strafrechtlicher Verfolgung durch die Behörden nie kleinkriegen lassen. Noch ist er nach Angaben seiner Sprecherin in Deutschland. Doch obwohl es zwischen Deutschland und Russland noch immer keinen regulären Flugverkehr wegen der Corona-Pandemie gibt, werden immer wieder Sonderflüge organisiert. Einer raschen Rückkehr steht demnach nichts im Wege.

Nawalny-Vergiftung: Russlands Ärgernis

Für die russische Führung ist der Fall längst Ärgernis Nummer eins auf internationaler Bühne. Das russische Außenministerium in Moskau weist auch am Mittwoch wieder zurück, dass Nawalny mit dem als Kampfstoff laut Chemiewaffenverbot geächteten Nervengift getötet werden sollte. Drei westliche Labore, darunter eins der Bundeswehr, haben den Kampfstoff nachgewiesen. Doch Russland beißt sich mit seinen Forderungen nach Vorlage von Beweisen an den deutschen Behörden die Zähne aus. Deshalb, so der russische Botschafter Sergej Netschajew in der "Berliner Zeitung", gebe es auch in Russland keine Ermittlungen. Er fordert Deutschland zu einer Zusammenarbeit in dem Fall auf.

Das Team von Nawalny dagegen hat seit Wochen keine Zweifel daran, dass der Kreml selbst die Verantwortung für den Anschlag trage. Schon deshalb habe Russland kein Interesse an einer Aufklärung des Verbrechens, heißt es. Kremlsprecher Dmitri Peskow dreht den Spieß sogar um und wirft den Mitarbeitern des "Patienten", wie er Nawalny nur nennt, vor, selbst alle möglichen Spuren beseitigt zu haben. Die Kremlpropaganda dreht schon seit Wochen den Kriminalfall so hin, dass deutsche oder westliche Geheimdienstler womöglich selbst Nawalny vergiftet hätten. Und das Motiv gibt es noch dazu: Es gehe dem Westen am Ende immer nur darum, das Riesenreich etwa mit Sanktionen zu belegen und so weiter zu schwächen.

>> Putin-Gegner Nawalny vermutlich vergiftet: Wurden seine russischen Ärzte unter Druck gesetzt?

Russland bleibt weiter auf uneinsichtigem Kurs

Es sind altbekannte Reflexe, die stets auftauchen, wenn Kremlgegner Anschlägen zum Opfer fallen. Und Putins Sprecher wird nie müde zu behaupten, dass die Fälle Putin gar nicht nützten und der Kreml nur Nachteile habe. Seine Macht jedenfalls hat Putin nach dem Tod vieler seiner Gegner, darunter etwa der Oppositionsführer und frühere Vize-Regierungschef Boris Nemzow, stets ausbauen können – auch weil es kaum noch jemanden gibt, der es mit ihm aufnimmt.

Die Politologin Stanowaja meint nun auch in einem Eintrag bei Telegram, dass sich der Kreml inzwischen eigentlich selbst überführt habe – nicht nur wegen ständig neuer Versionen, die traditionell Zweifel streuen sollten in den Köpfen der Menschen. Sie kommentiert wie viele in diesen Tagen einen Artikel der französischen Zeitung "Le Monde“"über ein Telefonat Putins mit seinem Pariser Kollegen Emmanuel Macron. Putin soll dort gesagt haben, dass Nawalny sich wohl selbst vergiftet habe, um seine Stellung in der Politik aufzuwerten.

Symbolbild Putin: Russland weist Vorwürfe von sich.

Unklar ist, ob die Gesprächsnotizen so stimmen. Aber dem Ex-Geheimdienstchef Putin werden solche Äußerungen seit Langem zugetraut. Nach einer Analyse Stanowajas hat Putin damit nicht nur den Fakt der Vergiftung selbst anerkannt. Mit der im Artikel überlieferten Bemerkung des früheren sowjetischen KGB-Offiziers, dass das Nervengift Nowitschok aus kommunistischen Zeiten doch im Grunde heute jeder haben könne, habe Putin zudem den Namen des Kampfstoffs bestätigt.

"Putin weiß, wer ihn vergiftet hat", meint Stanowaja nicht zuletzt mit Blick auf Peskows Äußerungen, dass Putin sich nicht über den Fall informieren lasse. Putin brauche keine Informationen, weil er alle habe, liest Stanowaja in den Worten. Und auch Nawalny meldet sich mit seinem typisch bissigen Humor mit Blick auf den Artikel zu Wort. Ganz klar, habe er das Gift selbst gebraut in der Küche, weil er sich selbst habe umbringen wollen, um Russland zu schaden. Aber diese Provokation sei nun einmal gescheitert. Nawalny lebt und will bald den Kampf gegen Putin in Moskau wieder aufnehmen.

[in Zusammenarbeit mit dpa, von Ulf Mauder. sis]

  • Quelle:
  • Noizz.de