Wusste er von den Plänen des Todesschützen?

Freitag, 22. Juli 2016, später Nachmittag in der Münchner Innenstadt. Ich sitze mit einer Freundin in einem kleinen Café in einer Einkaufspassage. Die erste Push-Meldung auf meinem Smartphone ploppt auf: „Schüsse am Olympia-Einkaufszentrum in München“. Wir sind schockiert, bleiben aber ruhig. Denn das Olympia Einkaufszentrum liegt einige Kilometer von der Innenstadt entfernt.

Etwa eine knappe Stunde später. Einige Menschen fangen an, durch die Einkaufspassage zu rennen. Andere blicken sich nervös um. Zwei junge Frauen eilen in das Café: "Da draußen schießt einer!" Wir hören keine Schüsse. Angst bekomme ich trotzdem. „Kommt mit ins Klo!“, sagen die beiden Mädels. Die Toilette bestand nur aus einem Mini-Waschbecken und einem WC. Zu sechst schließen wir uns dort ein und warten.

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Eineinhalb Jahre später, Landgericht München I. An diesem Freitag wird der Waffenhändler Philipp K. zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er hatte dem Amokläufer David S. eine Pistole und 450 Schuss Munition verkauft. Der 18-Jährige erschoss damit wahllos neun junge Menschen am Olympia Einkaufszentrum. Laut Ermittlern handelte er aus persönlicher Kränkung, soll in der Schule gemobbt worden sein.

Richter Frank Zimmer

Zum ersten Mal wird damit ein illegaler Waffenhändler für eine Tat verantwortlich gemacht, an der er selbst nicht beteiligt war.

Die beiden lernten sich im Darknet kennen. Dort hatte der Waffenhändler unter dem Decknamen „rico“ Pistolen angeboten, wie BILD berichtet. Der Angeklagte bestritt während des Prozesses, von den Plänen des Schützen gewusst zu haben.

Die Staatsanwaltschaft hatte sieben Jahre und zwei Monate Haft gefordert. Philipp K. habe davon ausgehen müssen, dass Menschen verletzt oder getötet werden sollen.

Die Verteidigung plädierte dagegen für dreieinhalb Jahre Haft wegen Verstößen gegen das Waffengesetz. Eine fahrlässige Tötung – wie von der Staatsanwaltschaft angeklagt – sei nicht gegeben. Philipp K. habe nicht absehen können, was mit der Waffe geschehen sollte.

Die Angehörigen der Opfer hatten als Nebenkläger sogar eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord gefordert. Die Familien warfen Philipp K. vor, er habe gewusst, was David S. mit der Pistole vorhatte.

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Am späten Nachmittag des 22. Juli 2016 sind Philipp K. und David S. wohl die einzigen, die wissen, warum die Schüsse gefallen sind. Zu diesem Zeitpunkt glauben die meisten Menschen an einen Terrorangriff.

Sirenen heulen durch die Straßen, Hubschrauber kreisen am Himmel. Unzählige Falschmeldungen und Gerüchte kursieren in den Sozialen Medien. Von angeblichen Schüssen im Hofbräuhaus, am Hauptbahnhof und an anderen Plätzen ist die Rede. In der gesamten Stadt bricht Panik aus.

Wie lange ich mich in der kleinen Toilette versteckte, weiß ich heute nicht mehr. Neben mir weinte eine junge Frau. Irgendwann öffneten wir langsam die Tür und liefen nach draußen. Auf den Straßen standen Polizisten mit Sturmgewehren. „Geht wieder rein!“, sagten sie. Wir liefen in ein Restaurant, saßen dort mehrere Stunden. Irgendwann fuhr mich der Koch nach Hause.

[Text: Zusammen mit dpa]

  • Quelle:
  • Noizz.de