„Du lässt mich verdursten, aber holst 200 Flüchtlinge nach Altena.“

Das hat der 56-jährige Werner S. zu Bürgermeister Andreas Hollstein gesagt, kurz bevor er ihn in einem Imbiss in der Innenstadt von Altena (NRW) mit einem Messer attackierte. S. wartete neben Hollstein auf seine Dönertasche. Jetzt sitzt er wegen versuchten Mordes hinter Gittern.

Ein Mitarbeiter der Dönerbude, in der das Attentat passierte, spricht mit Journalisten Foto: Markus Klümper / dpa picture alliance

Ich bin mit 18 aus Altena weggezogen. Und ich konnte es gar nicht abwarten. Sofort nachdem ich mein Abi hatte, war ich weg aus meiner Heimatstadt. Altena hat nicht viel zu bieten für junge Menschen, die Lust aufs Leben haben, die sich ausprobieren wollen, die abends durch Bars und nachts durch Clubs ziehen wollen.

Altena hat keine Clubs. In der Innenstadt reiht sich ein leerstehendes Schaufenster an das nächste. Wenn man aus Altena kommt und mal Make-up braucht oder Haushaltswaren, dann muss man ungefähr dreißig Minuten in die nächstgrößere Stadt fahren, zum nächsten Drogeriemarkt. Wenn man ein Auto hat. Mit dem Bus ist man eine gute Stunde unterwegs.

Als ich klein war, war das anders. Da hatten wir immerhin noch ein Freibad bei mir um die Ecke, wir hatten fünf Supermärkte, wir hatten Schreibwarengeschäfte, Restaurants, sogar ein Modehaus.

Und als mein Vater klein war, da war das nochmal anders. Sogar große Ketten wie Nordsee, Hussel und Engbers hatten da Filialen in der Stadt. Altena hatte in den 70er-Jahren ungefähr 30.000 Einwohner. Jetzt sind es noch 17.000. Keine Kommune in NRW hat so schnell so viele Einwohner verloren.

Ich kann verstehen, dass das viele Altenaer frustriert. Jedes Mal, wenn ich meine Familie besuche, nervt es mich wieder, dass es nicht mal einen Edeka oder Rewe gibt, dass ich in meiner Freizeit außer Waldspaziergängen und einem Besuch in der Burg Altena – die ich nach 24 Jahren leider wirklich kenne wie mein eigenes Wohnzimmer – nicht viel unternehmen kann.

Die früher lebendige Stadt ist pleite und spart, wo es geht. Schulen schließen, Freibäder schließen, Geschäfte schließen. Menschen ziehen weg, besonders die jungen. Es wird immer öder in der Stadt.

Und dann hat Altena diesen Bürgermeister, Andreas Hollstein von der CDU. Er regiert seit 18 Jahren. Seit der Flüchtlingskrise im September 2015 setzt er sich sehr für Geflüchtete ein. Altena hat bisher viel mehr von ihnen aufgenommen, als die Stadt es müsste – gerade wieder 200.

Offensichtlich passt das vielen nicht. Manche Altenaer fragen sich: Wieso kann ich in meiner Stadt nicht mal mehr richtig einkaufen, aber gleichzeitig investiert Hollstein so viel Geld in die Unterstützung Geflüchteter? Ich kann diesen Gedanken irgendwie verstehen.

Aber was sind das für Leute, die ihrem Frust durch Messerattacken Luft machen? Oder durch Brandstiftung? Meine Heimatstadt hat schon 2015 unschöne Schlagzeilen gemacht. Ein Typ in meinem Alter – ich weiß, wer er ist, ich weiß, wie er aussieht – hat da ein Flüchtlingsheim angezündet. Reines Glück, dass alle sieben syrischen Flüchtlinge in dem Haus dabei nicht zu Schaden kamen.

Der Täter war ironischerweise Feuerwehrmann und schüttete mit einem Komplizen auf dem Dachboden des Hauses Benzin aus, steckte es an, schloss die Dachluke und haute ab. Später sagte er, er habe Angst vor „Einbrüchen, Diebstählen, Gewalttaten und auch vor sexuellen Übergriffen“ der Flüchtlinge gehabt.

Glaube ich nicht. Ich glaube, dass er sauer war über die Zustände in Altena und dass er sicher auch nicht zufrieden war mit seinem eigenen Leben. Er hat nicht verstanden, wieso – seiner Ansicht nach – nicht ihm geholfen wird, sondern Fremden. Ich frage mich nur, warum er seinem Ärger dann nicht irgendwie anders Ausdruck verliehen hat.

Wieso hat er sich nicht in einer Partei engagiert, eine Bürgerinitiative gestartet, wieso ist er nicht wenigstens einer beigetreten? Wieso haben der Brandstifter und sein Komplize nicht versucht, konstruktiv etwas zu verändern? Wieso dachte auch der Messer-Attentäter, dass Gewalt das beste Mittel gegen Unzufriedenheit ist?

Dirk D. setzte 2015 ein Flüchtlingsheim in Brand Foto: Marcel Kusch / dpa

Andreas Hollstein hat gesagt, dass das, was ihm passiert ist, ihn nur bestärkt, so weiterzumachen wie bisher. „Ich werde mich einsetzen, für Flüchtlinge, aber auch für andere sozial Schwache.“ Mit dieser Reaktion hat gerechnet, wer ihn kennt. Damit hätte auch der Täter rechnen können. Wenn er ein bisschen nachgedacht hätte, bevor er zustach.

Altena hat im Mai den Nationalen Integrationspreis von der Bundeskanzlerin bekommen. Darauf ist Hollstein stolz. Ich auch.

Ich bin mir nämlich sicher, dass eine engagierte Flüchtlingspolitik wie seine ein Weg ist, Altena langfristig wieder zu einer schönen, lebenswerten Stadt zu machen. In der man keine Angst vor Geflüchteten hat. Und hoffentlich auch keine vor Flüchtlingsgegnern, die einen jederzeit hinterrücks angreifen könnten, nur weil man sich für Menschen einsetzt, die aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Quelle: Noizz.de