Queere Personen haben es in Polen gerade nicht leicht. Sowohl Politik als auch Kirche und Bürger*innen bäumen sich vehement gegen Homosexuelle, Bisexuelle, Pansexuelle, Intersexuelle und trans* Personen auf – und versuchen seit Monaten alle diejenigen, die aus dem heteronormativen Raster fallen mit sogenannten "LGBTQ-ideologiefreien Zonen" zurück ins nationalkonservative Schema zu pressen. NOIZZ launcht als symbolische Gegenaktion jetzt einen LGBTQ-Filter auf Instagram.

Dass in Polen Queerness nicht gerade gefeiert wird, dürfte den meisten schon zu Ohren gekommen sein. Wie schlimm es um die Rechte der LGBTQ-Community in unserem Nachbarland steht, verdeutlicht der internationale Länder-Vergleich, genauso wie die jüngsten Entwicklungen im Land.

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Was LGBTQ-Rechte angeht, dümpelt Polen auf den letzten Rängen im internationalen Vergleich

Erst mal zu den Zahlen: Jedes Jahr veröffentlicht der Internationale Dachverband der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans*- und Intersexuellen Organisation einen Index, der eine Idee davon vermittelt, wie gut oder eben schlecht es queeren Menschen in den jeweiligen Ländern geht. Polen schnitt im vergangenen Jahr so schlecht ab, dass es einem den Magen umdreht. Besonders aussagekräftig: der EU-Vergleich. Da steht Polen nämlich als ziemlich übles Schlusslicht auf dem 27 Platz, dem letzten. International betrachtet landete Polen ebenfalls am unteren Ende auf Platz 42 von 49 (Auf Platz eins schaffte es übrigens Malta, Deutschland belegte den 16. Platz).

LGBTQ-Demo im August 2020 in Warschau, Polen

2019 war für die LGBTQ-Community in Polen, man kann es nicht anders sagen, ein desaströses Jahr. In dem Land, das sowieso seit Jahren nationalkonservativ geprägt ist, spitzte es sich im politischen Apparat noch einmal so richtig zu. Durch die Erklärung des liberalen Bürgermeisters Warschaus, Rafał Trzaskowski, LGBTQ-Rechte unterstützen zu wollen, verhärteten sich die Ansichten der Gegenfront in einem Maß, das man sich im deutschen Kontext schwer vorstellen kann.

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Nicht nur, dass queere Demos für die Beteiligten oft eine gefährliche Angelegenheit sind. Auch diverse Aussagen von Verantwortungsträgern im Land zeigen: In Polen ist ein normales Leben für Queers mittlerweile nicht mehr möglich. Zum Beispiel betitelte der Vorsitzende der regierenden Parte PiS, Jaroslaw Kaczyński, die Rechte der LGBTQs als "einen Import", der Polen bedrohe, wie der "Telegraph" berichtete. Der Erzbischof von Krakau, Marek Jędraszewski, posaunte herum, die "LGBTQ-Ideelogie" sei eine "Regenbogenseuche" – und Journalist Tomasz Sakiewicz empfand die Kritik an queerfeindlichen Stickern als einen Beweis dafür, dass LGBTQ eine totalitäre Ideologie sei. Uff, ganz schön harter Tobak. Aber das war's noch nicht.

Ein Demonstrant bei einer Veranstaltung in Warschau

Von Gewalt geprägten Demos, queerphoben Politiker, Geistlichen und LGBTQ-freie Zonen

Abgesehen davon, dass Polen ganz offensichtlich gewaltig hinterherhinkt, LGBTQs in die Gesellschaft zu integrieren, und Politiker*innen, Geistliche und Journalisten*innen eine regelrechte Queer-Hetze betreiben – es sei an dieser Stelle noch mal daran erinnert: Diskriminierung ist keine Meinung –, lehnten sich in den vergangenen Monaten auch die Bürger*innen gegen all die im Land auf, die nicht dem vermeintlichen heteronormativen Ideal entsprechen. Rund 80 Gemeinden, Landkreise und Provinzen reichten Erklärungen ein, wonach sie ihre Gebiete zu "LGBTQ-ideologiefreien Zonen" erklärten. Menschenunwürdige Ausgrenzungsmaßnahmen, die rechtlich zum Glück nicht durchzusetzen sind. Im Dezember 2019 stimmte das Europäische Parlament mit 463 zu 107 Stimmen für eine Verurteilung dieser Zonen. Einer bitterer Nachgeschmack und ein klares Signal der Ausgrenzung bleiben trotzdem.

Symbolbild: Pride

Symbolische Aktion: Instagram-Filter

Viele queere Menschen in Polen versuchen unter den katastrophalen Bedingungen, der Regierung weiter die Stirn zu bieten. Trotzdem bedarf es in diesen Zeiten ganz klar der Unterstützung aller, der EU-Gemeinschaft. Eine Bewegung startet oft mit einem symbolischen Akt. Das zeigte sich in diesem Jahr auch nach dem grausamen Mord an George Floyd. Millionen Menschen weltweit bekundete ihren Beistand und ihren Anti-Rassismus mit einem schwarzen Kästchen auf Instagram – und verbreiteten in diesem Zuge wichtige Informationen, um den immer noch vorherrschenden Rassismus ins kollektive Gedächtnis einsickern zu lassen.

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Als symbolischen Akt sieht NOIZZ auch den LGBTQ-Filter, den es jetzt auf Instagram gibt. Initial sollte er Menschen in Polen die Möglichkeit geben, ihr Ortschild in eine Regenbogenflagge zu verwandeln – und damit gegen die queerfeindlichen Zonen zu kämpfen. Auch wenn wir in Deutschland nicht konkret von den "LGBTQ-ideologiefreien Zonen" betroffen sind, kann man als Mitglied der Community schnell Vergleiche ziehen. Auch in Deutschland leiden queere Menschen – vor allem in kleineren Gemeinden – unter Ausgrenzung und queerfeindlichem Gedankengut. Auch in Deutschland hätte das ein oder andere Ortschild Regenbogenfarben verdient.

Auf dem NOIZZ-Instagram-Account findest du den Filter und kannst ihn direkt ausprobieren. Benutze ihn, auch wenn du nicht gerade in deinem kleinen Heimatdorf bist; der symbolische Akt zählt! Im Idealfall teilst du in dem Zuge auch noch wichtige Informationen, beispielsweise aus diesem Artikel, die deine Bubble sensibler für die Situation in Polen macht.

Was kann ich für die LGBTQ-Community in Polen tun?

Natürlich ersetzt ein symbolischer Akt keine konkreten Maßnahmen. Genau wie bei Black Lives Matter wird auch ein LGBTQ-Filter in der Insta-Story nicht ausreichen. Das kannst du außerdem tun:

Unterzeichne Petitionen

  • Diese Petition fordert Partnerstädte polnischer Städte dazu auf, sich zusammenzutun und die LGBTQ-Community in den betroffenen Zonen zu unterstützen.
  • Die Initiatoren dieser Petition wollen, dass die Rechte der LGBTQs in Polen gestärkt werden. Sie hat bereits über 600.000 Unterschriften. (Stand 11. August)
  • Diese Petition fordert, allen Unternehmen finanzielle Förderung zu sperren, die in LGBTQ-freien Zonen angesiedelt sind.

Informiere deine Bubble

Im Prinzip verhält sich mit allen Diskriminierungsthemen ähnlich: Du kannst ganz klein anfangen, um etwas zu verändern. Erkläre deiner Familie, deinen Freund*innen, Mitstudierenden, Mitschüler*innen oder Arbeitskolleg*innen, was gerade in Polen passiert. Versuche sie zu sensibilisieren. Mit jeder Person, die ein Verständnis für die schlimmen Umstände in unserem Nachbarland bekommt, ist ein großer Schritt getan.

Spende für die LGBTQ-Community

Diese Spendenaktion des Portals "All Out" soll laut eigener Aussage lebensrettende Kampagnen für LGBTQ-Rechte realisieren. "Jeden Tag sind Menschen Gewalt, Haft, Todesdrohungen und Schlimmerem ausgesetzt, nur weil sie sind wer sie sind oder die Person ihrer Wahl lieben. Doch gemeinsam können wir helfen das zu ändern", heißt es auf der Seite. Du kannst ganz einfach via PayPal tätig werden.

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Quelle: Noizz.de