"Blade Runner" auf Liebe gemacht – wir lieben es!

Newcomer gibt es wie Sand am Meer. Vor allem in einer Stadt wie Berlin – und vor allem im Hip-Hop. Im Prinzip möchte in der Hauptstadt jeder zum neuesten "Heißen Scheiß" werden. Oft stolpert man über Leute mit Potenzial. Die ganze verdammte Stadt steckt voller Rohdiamanten. Meist erkennt man dann aber schnell, dass da noch viel Findungsarbeit stattfinden muss, so ganz ist der Schliff noch nicht gelungen. Anders in diesem Fall: August Ingram, der bürgerlich auf den Namen Gabriel hört, ist neu im Game – und dafür extrem weit! Auch, wenn er das selbst anders sieht.

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Sein erstes Musikvideo, an dessen Konzeption der Rapper maßgeblich beteiligt war, ist das Gegenteil von einem Rohdiamanten. Ein in Vollendung geschliffener Verlobungsklunker ist "Let Me Love You" geworden, wenn man so will. Es erinnert an großes Kino und das ist Absicht, wie Gabriel NOIZZ im Interview erklärt. Der 21-Jährige kommt aus Neukölln. Sein Sound spiegelt aber vielmehr seine andere Hälfte wieder – seine Mama kommt aus den USA.

Wir haben mit dem spannenden Newcomer über seine Musikalität (er spielt verstörend viele Instrumente), die Liebesstory hinter "Let Me Love You" und seinen Style gesprochen:

Du bist Deutsch-Amerikaner. Welcher Teil deiner Herkunft hat dich am meisten beeinflusst – und warum?

August Ingram: Das ist schwer zu sagen. Ich fühle mich nicht wirklich deutsch, aber wenn ich in die USA gehe, fällt mir auf, wie deutsch ich in mancher Hinsicht wirklich bin. Was die Musik angeht, kommt der Einfluss definitiv von der amerikanischen Seite. Es ist nur die Musik, mit der ich aufgewachsen bin und die mich mehr anspricht. Ich bleibe über die deutsche Musikszene informiert, lande aber normalerweise nicht auf den Playlists. Das bedeutet nicht, dass ich nicht manchmal H.gichT genieße, haha.

[Anmrk. d. R.: Wer das Hamburger Kollektiv nicht kenne, der möge sich hier einmal reinhören.]

Was schätzt du an der Berliner Musikszene und warum?

August Ingram: Ich bin durch und durch Berliner, in Neukölln geboren und zwischen Kreuzberg, Schöneberg und dem guten alten Zehlendorf aufgewachsen. Die Musikszene ist interessant, da die Stadt eine Basis für eine Reihe von Musikunternehmen wie Soundcloud, Native Instruments und Ableton ist. Es gibt eine Menge verrückter DJs und Produzenten, eine enge, aber florierende Underground-Rap-Szene und Bands, die ihre eigenen Musikgenres kreieren. Der Selbstdarstellung sind wirklich keine Grenzen gesetzt. Man kann die Punkwurzeln der Stadt definitiv erkennen.

Wer ist die inspirierendste Person, die du bisher in der Musikbranche kennengelernt hast?

August Ingram: Die Musik des Duos Mouse on Mars hat mich wirklich inspiriert. Sie haben kürzlich ihr Studio in den Komplex verlegt, in dem ich regelmäßig aufnehme. Ihre letzte Platte Dimensional People verwendet unglaublich inspirierende Synthesizer und Klangstrukturen, die mich dazu gebracht haben, meine Herangehensweise an diese zu überdenken. Und es ist immer toll, wenn Andi mich in die neuen Sachen reinhören lässt, an denen sie gerade arbeiten.

August Ingram

Etliche Musikinstrumente, Nächte im Studium, früh angefangen, eigene Band, jetzt Solo: Hört sich nach extrem viel Drive an. Gilt das "nur" für die Musik? Oder anders gefragt: Hat dich je etwas anderes so eingenommen, wie die Musik?

August Ingram: Ich habe die Instrumente gelernt, während ich aufgewachsen bin, habe mit ihnen herumgespielt, bis ich herausgefunden habe, wie man sie richtig benutzt. Mein frühestes Instrument war das Schlagzeug im Alter von vier Jahren, dann das Klavier im Alter von acht Jahren, gefolgt von Gitarre und Bass im Alter von 14 Jahren.

Musik ist Leben, ich stecke da wirklich sehr viel rein. Es ist so ziemlich alles, was ich von morgens bis abends mache. Oder vom Nachmittag bis zum Morgen. Meine Schlafenszeit ist in letzter Zeit ziemlich durcheinander, haha.

Was steht für dich 2020 an?

August Ingram: Harte Arbeit ins Produzieren und Veröffentlichen von Musik stecken. Ich finde immer noch meinen Stil und baue ein Publikum auf. Ich habe so viele Songs, die ich dieses Jahr rausbringen möchte. Ich muss das alles nur schlau angehen.

"Let Me Love You" hört sich nach einer versagten Liebe an: Kannst du uns persönliche Insights zu der Geschichte hinter dem Song geben?

Ich hatte Anfang letzten Jahres eine schwere Trennung. Wir alle wissen, was passiert, wenn die Highschool endet und die Leute zur Universität gehen. Obwohl ich den Song tatsächlich so geschrieben habe, bevor irgendetwas davon passierte. Ich habe den Beat für einen Freund sehr schnell gemacht, der etwas Mildes haben wollte. Er hat ihn nie benutzt, also lag er auf meiner Festplatte, bis ich ihn eines Tages wieder fand. Ich dachte an die Situation meines Freundes und der Hook und die Melodien flowten einfach aus mir heraus.

Die besten Songs der Geschichte handeln von Liebe: Welches Thema bearbeitest du musikalisch am liebsten?

August Ingram: Ich muss zugeben, dass die meisten meiner Songs Liebeslieder sind. Obwohl ich versuche, ein bisschen tiefer zu gehen als nur Beobachtungen auf Oberflächenebene, habe ich bestimmte Situationen durchgemacht, auf die sich andere möglicherweise beziehen könnten.

Das Video ist großartig geworden, tolle Sequenzen: Wie sehr warst du in den Prozess eingebunden? Was gefällt dir selbst an dem Video am besten?

August Ingram: Ich habe das Video mit meinem Kumpel Jay, auch bekannt als lloud.co, konzipiert. Er machte den ersten Schnitt des Videos als Abschlussprojekt für seine Universität. Ich wurde von der Grafik einer meiner Lieblingsfilme, "Blade Runner", inspiriert, was Weichzeichner, ein paar Lichter und einen Retro-Look bedeutete. Ich habe einige Szenen mit den bildenden Künstlern Noah Yager und Henry Brown neu gedreht. Ich war auch an der Bearbeitung des Videos beteiligt, obwohl das meiste davon von Henry gemacht wurde.

Dein Style im Video ist sick: Wessen Idee war der durchsichtige Regenmantel? Wie wichtig ist dir Mode? Wer oder was inspiriert dich modisch?

August Ingram: Mein Style ist entweder super oder ziemlich schlecht. Ich glaube gerne daran, dass ich ein Auge dafür habe, was ich tragen kann, wenn es um unorthodoxe und seltsame Fits geht. Stil ist in der Musik wichtiger als je zuvor und ich finde es cool, Grenzen zu überschreiten. Ich denke, ich werde inspiriert von dem, was Charaktere in klassischen Filmen tragen. Meine Idee für die klare Regenjacke kam aus der Szene in "Blade Runner", in der Zhora von Deckard erschossen wird. Ich muss zugeben, dass ich früher etwas Whack Shit getragen habe, aber ich denke, die Essenz, sich nicht darum zu kümmern, was andere denken, hat sich auf heute übertragen.

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Quelle: Noizz.de