Was wir aus dem Artikel über kriminelle Großfamilien in Neukölln gelernt haben.

Das „Wall Street Journal“ (WSJ) – die größte Tageszeitung der USA – hat gerade einen prallen Artikel über mafiöse Großfamilien in Berlin veröffentlicht. Es geht um spektakuläre Verbrechen, wie die Clans ihr Geld verdienen und warum es für das deutsche Rechtssystem so schwer ist, ihre kriminellen Machenschaften zu verhindern.

Der Artikel zeigt auch, wie diese Verbrecher-Syndikate überhaupt entstehen konnten. Sogar Rapper Bushido wird namentlich erwähnt.

In Deutschland gibt es bereits etliche Dokus und Theorien über das Treiben krimineller Clans (zum Beispiel von der ARD) – und natürlich die Erfolgsserie „4 Blocks“, deren zweite Staffel gerade angelaufen ist. Jetzt haben es Arafat Abou-Chaker und Bushido aber sogar bis in die USA geschafft, und das sogar in einer der wichtigsten Zeitungen des Landes.

Superspannend auch, das Thema mal aus der Außenperspektive zu sehen. Wie nimmt die USA das organisierte Verbrechen in Berlin wahr? Das sind die wichtigstens 5 Punkte:

1. Die Entstehung der Clans

In den 80ern zog eine Großzahl arabischer und kurdischer Flüchtlinge aus dem Libanon nach Deutschland und suchte hier Asyl. Leider versäumte der deutsche Staat, diese Menschen mit Bildung, Sprachkursen und Arbeit zu versorgen und so ihre Integration in die deutsche Gesellschaft zu ermöglichen.

Ohne das Recht, auf legalem Weg zu arbeiten und schließlich Geld zu verdienen, fingen diese Menschen irgendwann an, sich selbst zu helfen.

Beerdigung des erschossenen Clan-Mitglieds Nidal R. Foto: Paul Zinken / dpa dpa Picture-Alliance

Über Jahrzehnte entwickelte sich so eine Form des organisierten Verbrechens, wie es die meisten Menschen wahrscheinlich nur aus Spielfilmen à la „Der Pate” kennen und für Deutschland undenkbar halten würden: hierarchisch strukturierte Großfamilien mit mehreren Hundert Mitgliedern, die sich auf Raubüberfälle, Drogenhandel, Prostitution und im Zweifelsfall auch Mord spezialisiert haben.

2. Rapstars und Gangster-Bosse

Mittlerweile haben die Clans ihr Geschäftswesen längst auch in völlig legale Bereiche ausgedehnt. Dazu zählen der Handel mit Immobilien, Glücksspiel, Fitnessstudios, die Gastronomie und: die Karrieren deutscher Rapstars.

Wer sich mit Deutschrap auseinandersetzt, der kennt sie: arabische Großfamilien, die im Hintergrund erfolgreicher Rapstars agieren. Da wären zum Beispiel Spongebozz und die Familie Saado oder Farid Bang und der Miri-Clan. Was genau die Rolle der Clans ist, kann man nur vermuten. Fakt ist, dass einige der erfolgreichsten deutschen Sprechgesangskünstler eng mit ihnen zusammenarbeiten.

Die dubiosen Partnerschaften zwischen Rappern und Clan-Oberhäupten geht also darauf zurück, dass die Clans allgemein begonnen haben, ihren Gelderwerb mehr und mehr auf legale Wege auszuweiten. Die deutsche Rapszene hat sich dabei wohl als besonders profitabler Zweig erwiesen.

3. Bushidos „weiße“ Weste

Ein ikonisches Gespann: Bushido und Arafat Abou-Chaker. Jahrelang waren die beiden unzertrennlich – privat wie geschäftlich – und haben zusammen Millionen verdient. Arafat trat öffentlich als Bushidos Manager auf. Auch hier liegt im Dunkeln, was genau das bedeutete.

Mit Hilfe von Google stößt man schnell auf Folgendes: Das Straftatenregister der Familie Abou-Chaker umfasst alles von Schutzgelderpressung, Drogen- und Waffenhandel, Geldwäsche, Raubüberfälle, Diebstahl, Zuhälterei bis Körperverletzung. Eben richtige Gangster. Arafat selbst wird mit einem Raubüberfall aus dem Jahre 2010 in Verbindung gebracht, bei dem um die 200.000 Euro Preisgeld gestohlen wurde.

Doch Bushido und Arafat verstanden sich nicht mehr (NOIZZ berichtete). An der Seite des Rappers steht nun ein neuer Partner: Ashraf Remmo. Die Familie Remmo umfasst circa 500 Mitglieder und wird unter anderem mit dem Diebstahl der Goldmünze aus dem Bode-Museum, dem Sparkassen-Raub in Marienfelde und einem Mord in Berlin-Britz in Verbindung gebracht. Ashraf selbst saß wegen Raub, Körperverletzung und Verwicklung in Schießereien bereits drei Jahre in Haft.

Goldmünze aus dem Bode-Museum Foto: Marcel Mettelsiefen / dpa dpa Picture-Alliance

Bushido hatte sich in seiner Single „Mephisto” gerade erst herzerweichend als Opfer eines teuflischen Pakts mit Arafat dargestellt. Ob sein neuer Partner Ashraf Remmo weniger diabolisch ist, bleibt dahingestellt.

>> Bushido erzählt in „Mephisto“ vom Pakt mit seinem Teufel Arafat Abou-Chaker

4. Warum das deutsche Rechtssystem versagt

Da haben wir den kritischen Punkt: Das deutsche Rechtssystem tut sich schwer im Kampf gegen die Clans. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls das Wall Street Journal. Im Gegensatz zu anderen Ländern kann man in Deutschland große Immobilien mit Bargeld kaufen. So kann illegales Drogengeld quasi problemlos in materielle Besitztümer investiert werden.

Auch Clan-Chef Toni Hamady aus der Erfolgsserie „4 Blocks“ will in Immobilien machen Foto: TNT Serie / Sky

Das führt zu folgendem Geschäftsmodell: Hartz 4 beziehen, mit illegalen Geschäften große Mengen Bargeld erwirtschaften, das schwarze Bargeld in eine Immobilie stecken – sagen wir ein Haus – und mit dem Haus durch Vermietung auf legale Art Geld verdienen.

Im Idealfall meldet man das Haus nicht mal aus seinen eigenen Namen, sondern den einer entfernten Tante im Libanon. Keine Chance für die Polizei, das rückwirkend zu entlarven.

5. Wieso es immer schlimmer wird

„Sie sind schwer bewaffnet und bereits zu großem Reichtum gekommen. Wir müssen sie stoppen, bevor sie diesen legalisiert haben”, sagt Martin Hikel, Bezirksbürgermeister von Neukölln gegenüber dem Wall Street Journal.

Das ist tatsächlich leichter gesagt, als getan. Denn die Clans wachsen: Derzeit – so ein Experte des Berliner Kriminalamts gegenüber dem WSJ – würden immer mehr Zuwanderer aus der letzten Flüchtlingswelle von den Großfamilien als Laufburschen und Straßendealer angeworben werden.

Das klingt tatsächlich alles andere als rosig. Aber Hauptsache, diverse Deutschrapper machen weiterhin schöne Geschäfte …

Quelle: Noizz.de